Bamberg
Aufführung

Auf der Regnitz ist was los

Chapeau Claque feierte mit dem Stück "Huck & Jim - bis ans Ende des Flusses" Premiere in Bug.
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"Huck & Jim - bis ans Ende des Flusses" auf der Regnitz Foto: Heidi Lehnert
"Huck & Jim - bis ans Ende des Flusses" auf der Regnitz Foto: Heidi Lehnert
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"Die gesamte amerikanische Literatur stammt von einem Buch von Mark Twain namens ,Huckleberry Finn' ab. Vorher gab es nichts. Seitdem gibt es nichts, was dem gleichkommt", sagte Ernest Hemingway. T. S. Eliot ging noch einen Schritt weiter. Er bezeichnete Twains Romanfigur Huckleberry Finn als eine bleibende Symbolfigur in der Welt der Fiktion.

Andreas Ulich hat eine Bühnenfassung für Besucher ab 5 Jahren nach Motiven des Romans "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" geschrieben und für Chapeau Claque inszeniert. Am Samstag fand die umjubelte Premiere des Stückes "Huck & Jim - bis ans Ende des Flusses" statt.

Die Bühne - ein Floß, gezimmert von Martin Klerner, Bühnenbild von Barbara Seyfried und Kostüme von Chrysenda Sailmann. Im Hintergrund rollt zwar nicht der Ol' Man River, aber eine entfernte Verwandte mütterlicherseits - die Regnitz. Der Spielort befindet sich direkt am Wasser, auf dem Gelände der Marine-Kameradschaft in Bamberg-Bug. Ein schöneres Ambiente ist kaum vorstellbar. Mississippi calling. Ulich führte auch Regie, assistiert von Anne Pfister, FsJ-Theater bei Chapeau.


Der Funke springt über

"Wie ein Historiker oder Reporter muss der Regisseur immer Distanz halten und sich dabei obendrein immer bewusst bleiben, dass er sich an den Grenzen des Irrealen aufhält. Es genügt, einen kleinen Fehltritt zu tun, um auch bei dem gutwilligsten Zuschauer unglaubwürdig zu werden. Am allerwichtigsten aber ist es, dass es bei dem Ganzen viel Spaß gibt, und dass den größten Spaß der Regisseur hat." So beschrieb Sergio Leone seine Arbeit als Regisseur. Nun, Spaß hatte das Ensemble ganz ohne Frage, und transportieren diesen Spaß auch. Der Funke springt über. Dem Zauber und der Botschaft der gradlinigen Inszenierung können sich auch die großen Zuschauer nicht entziehen. Immer wieder Szenenapplaus.

Und der Regisseur? Der hatte vermutlich auch Spaß, und der, um noch einmal Sergio Leone zu bemühen, "seine wichtigsten Mühen darauf zu wenden hat, den Darstellern die richtigen Bewegungen, Gangarten und Blicke beizubringen". Das ist Ulich gelungen. Das, und noch ein bisschen mehr.

"Hau mich um", würde Huck jetzt wahrscheinlich sagen, abwechselnd gespielt von Astrid Haas und Susanna Bauernfeind. Weder mit der einen noch der anderen hatte die Regie größere Mühe. Sie verwandeln sich mühelos in Nashörner, Kolibris, Affen oder - Jungen, denn Huckleberry ist ein Mädchen. In der Produktion von Huck & Jim gibt es keine halben Sachen. Mit Sprachwitz, Sprachakobatik, Situationskomik und fast schon artistischen Einlagen folgt ein Höhepunkt dem anderen.

Hau mich um! Die Story hält seine Besucher stets fest in der Hand, und hinter dem scheinbar mühelosen Eindruck, den das ganze macht, verbergen sich unendlich viel Mühe und Sorgfalt. Vom Anfang bis zum Ende eine reine Freude - die Livemusik von Nikolaus Durst/Ben Werchohlad, komponiert von Florian Berndt, das wunderbare Spiel von Haas und Bauernfeind, von Pascal Averibou als Jim, einer verzweifelten Seele auf der Flucht vor Rassismus, Ausbeutung und offener Feindseligkeit.

"Die sagen immer blöder Afrikaner zu mir." Auf seinen Kopf ist ein Preis ausgesetzt. 5000 Dollar ist seine schwarze Seele den weißen Behörden wert. Aber er ist grimmig entschlossen, seine Familie wieder zu sehen, irgendwo da am Ende des Flusses. Und Huckleberry - sie flieht vor der Gewalttätigkeit ihres Säufer-Vaters, der ihr nicht vergeben kann ein Mädchen zu sein. Sie ist abgehauen, eine Getriebene wie Jim. Aber da gibt es ja noch die Tante - am Ende des Flusses.

Und wie dahin kommen? Ein Floß muss her. Das ist schnell gemacht. Eine Piratenbande muss gegründet werden. Geht auch recht schnell. "Ich und du und der Hauptmann und der Vizepräsident", sagt Huck. "Jetzt sind wir schon zu viert." Die Mathematik ist nicht eben ihre Stärke. Als Pirat muss man natürlich ordentlich schimpfen und fluchen können, und so werden dann auf der Bühne zum Ergötzen besonders der jüngeren Besucher bald wüste und übelste verbale Attacken geritten.


Spaß und Abenteuer

Zu viert sind sie nicht, Huck und Jim, aber bald zu dritt. Ein köstlich bornierter, herrlich überheblicher, selbst ernannter Herzog von Bridgewater (Daniel Reichelt/Valentin Kärner) quartiert sich wie selbstverständlich auf dem Floß ein und behandelt Huck und Jim wie recht- und stimmlose Domestiken, very british eben. Er hat Angst vor Geistern. Eine Gefahr, eine Bedrohung, oder nur ein armer Irrer? Huck und Jim werden es herausfinden noch bevor sie das Ende des Flusses erreicht haben. Sie werden noch mehr herausfinden. Dass Freunde sich helfen, füreinander da sind, dass es sich lohnt gegen Vorurteile, Intoleranz und Rassismus zu kämpfen, dass einen Menschen weder seine Hautfarbe noch seine Religion oder Nationalität ausmachen. Theaterpädagogik pur und unplugged. Hau mich um!

Abenteuer, o ja, Spaß, jede Menge, aber Huck & Jim ist auch ein flammendes Plädoyer für Toleranz und Zivilcourage. Ganz im Sinn von Samuel Longhorne Clemens (Mark Twain).

Termine 25. Juni, 2., 9., 16., 23. und 30. Juli, 10., 13., 17., 20., 27. und 31. August, 3., 7. und 10. September. Am 30. Juli, 31. August und 7. September jeweils um 17 Uhr, ansonsten um 15 Uhr. Vorstellungen für Schulen und Kindergärten finden vom 26. Juni bis zum 28. Juli jeweils um 9 und um 10.30 Uhr statt.
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