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C. P. E. Bachs Empfindungen

Wie der Zuhörer plötzlich zum Voyeur werden kann

Es gibt Konzerte, da ist man hinterher besonders froh, dabei gewesen zu sein. C.P.E. Bachs Empfindungen war so ein Konzert.
Patricia Kopatchinskaja (rechts) mit ihren Eltern Emilia und Viktor (links) Kopa-tchinsky und Anthony Romaniuk. Foto: Thomas Ahnert
 
von THOMAS AHNERT
Es gibt Konzerte, da ist man hinterher besonders froh, dabei gewesen zu sein. "Patricia Kopatchinskajas Empfindungen" war so ein Konzert. Man weiß ja, dass die Geigerin gerne Traditionen aus den Angeln hebt, dass sie Spontaneität zu einem obersten Gebot der Programmauswahl und vor allem des Musizierens gemacht hat, dass man vieles hört, was mancher Musiker in der Zusammenstellung als unpassend sieht. Aber hinterher passt's dann eben doch.
Es überraschte nicht, dass Patricia Kopatchinskaja eröffnete mit der "Sonata Representativa" von Franz Ignaz Biber, einer köstlichen, ironisierten Schilderung von Tier- und Musketierstimmen, überraschte nicht wirklich, denn da konnte sie ihre fabelhafte klangliche Phantasie wunderbar ausspielen. Anthony Romaniuk kann da mit seinem Cembalo nur die zweite Geige spielen: die richtigen Töne zum richtigen Zeitpunkt. Mehr ist gestalterisch nicht drin.
Auch in dieser Hinsicht hätte es keinen größeren Kontrast geben können: Mit ihrem Vater Viktor Kopatchinsky zeigte sie in den acht Miniaturen von György Kurtag op. 4, was für ein wunderbar flexibles Instrument das Cymbalom sein kann, wenn man es ernst nimmt. Das demonstrierte Viktor Kopatchin-sky auch bei "Doina et Hora", einer fantastisch virtuosen Tanzmusik jenseits allen Zigeunerschmalzes.
Ludwig van Beethovens Violinsonate a-moll op. 23 war einer der beiden absoluten Höhepunkte (wenn es da einen Plural gibt). Denn Patricia Kopatchinskaja legte ihren Part außerordentlich persönlich aus, schuf ein fesselndes Bild des Komponisten und der Interpretin gleichermaßen, mit allen Reibungen und Brüchen, mit aller Dramatik und Poesie und auch - das sei besonders betont - Humor. Es gibt unter ihren Kollegen niemanden, der sich traut, Beethoven derart undistanziert zu spielen und glaubwürdig zu machen. Das funktionierte allerdings auch deshalb so gut, weil Anthony Romaniuk, jetzt am Flügel, genau dasselbe tat, weil er sich gegen diese Öffnung nicht sperrte, sondern verlustfrei mittrug.
Der andere Höhepunkt war "Carl Philipp Emanuel Bachs Empfindungen". Da sitzt der alte Mann an seinem Klavier und fängt, erst ein bisschen lustlos, an zu improvisieren und plötzlich schleicht sich von Ferne eine leise Geigenstimme in sein Bewusstsein (Patricia Kopatchinskaja spielte zunächst aus dem Zuschauerraum), das war derart persönlich und intensiv, das klang derart nach Abschied, dass man sich plötzlich wie ein Voyeur vorkam.
Die Umkehrung funktionierte nicht ganz so überwältigend. Die Feststellung, dass Patricia Kopatchinskaja die d-moll-Chaconne des alten Bach sensationell gut spielte, mit großer Ruhe, Gelassenheit und struktureller Klarheit, ist das eine. Dass es jetzt Anthony Romaniuk war, der improvisierend auf dem Cembalo begleitete, ist das andere. Man konnte ihre Idee verstehen. Aber die Musik der Chaconne ist so stark konstruktiv geprägt, dass sie relativ emotionsfern ist. Und da die Violine teilweise vier Stimmen gleichzeitig zu spielen hat, sind die Freiräume für Zutaten eng, und vor allem geht in dieser Klangfülle das Cembalo akustisch mehr oder weniger unter. Vielleicht ist das eher etwas für eine CD mit ihren Aussteuerungsmöglichkeiten.
Als Zugabe gab`s mit allen einen fulminanten Tanz aus Moldawien, jetzt war auch Patricia Kopatchinskajas Mutter Emilia dabei. Die hat ihr schließlich die ersten Geigentöne beigebracht.

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