Bad Kissingen
Aufführung

Wenn jugendliche Senta sich in den Sagen- und Balladenhelden verliebt

Die Hofer haben es mal wieder geschafft, mit dem "Fliegenden Holländer" das Publikum des Theaterrings der Stadt Bad Kissingen voll zu überzeugen.
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Was alles auf die Bühne des Kurtheaters passt: ganz hinten das große Orchester der Hofer Symphoniker, davor die Damen des Opernchores, davor Senta mit ihrer Amme Mary und davor das Hofer Ballett, in der Mitte Susanna Mucha, die Senta bei ihrem Wunschtraum vom Holländer spielt. Foto: Gerhild Ahnert
Was alles auf die Bühne des Kurtheaters passt: ganz hinten das große Orchester der Hofer Symphoniker, davor die Damen des Opernchores, davor Senta mit ihrer Amme Mary und davor das Hofer Ballett, in der Mitte Susanna Mucha, die Senta bei ihrem Wunschtraum vom Holländer spielt. Foto: Gerhild Ahnert
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Ganz schön erstaunlich, was alles auf die Bühne des kleinen Kurtheaters passt: auf der Hinterbühne das große Symphonieorchester der Hofer Symphoniker, davor eine niedrige Trennwand, aus der die Tänzerinnen des Hofer Balletts herauspurzelten und hinter der die Sängerinnen des Chors wie an einer großen Tafel stehen konnten. Und noch davor die Spielszene, auf der der Chor der Seeleute und all die Gestalten Platz genug hatten für das Singen und Ausspielen ihrer Gefühle. Diese kommen in dieser Geschichte von der Verheiratung der schönen Tochter des Seehandelskaufmanns Daland mit einem berühmt-berüchtigten, unerklärlich reichen Seefahrer, den das abergläubische Volk "Der fliegende Holländer" nennt, vor.


Nicht die Fluch- und Fantasy-Geschichte im Mittelpunkt

Der muss mit seinem Geisterschiff über die Weltmeere fahren und alle sieben Jahre mal an Land nach einer Frau suchen, die ihm ewige Treue schwört und ihn dadurch erlöst. Eine Geschichte, wie sie das bürgerliche 19. Jahrhundert liebte, vor allem den Part über den unsteten Mann und die unschuldige, ewig treue Frau, die ihn erlöst. Aber auch eine Geschichte für romantische junge Mädchen mit ihrem Traum vom großen Glück mit einem geheimnisvollen, unglücklichen Mann, den sie durch ihre Liebe erlösen können.

Für das Theater Hof und seinen Intendanten Reinhardt Friese stand deshalb nicht die Fluch- und Fantasy-Geschichte des Holländers im Zentrum des Interesses an Richard Wagners früher Oper im Mittelpunkt, sondern die jugendliche Frau Senta, die sich in den Sagen- und Balladenhelden verliebt, weil er so alles hat, was sie sich in ihrer norwegischen Einsamkeit erträumt: Wildheit, eine geheimnisvolle Vergangenheit, wunderbare Fähigkeiten, unermesslichen Reichtum und das Bedürfnis, von gerade ihr geliebt und so von seinem Leben außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft erlöst zu werden. Als ihr Vater ihn als lukrativen Heiratskandidaten zufällig trifft und ihr zuführt, ist sie erschüttert. Angesichts der Erwartung dieses Glamour-Mannes hatte sie schon ihren langweilig-braven Verlobten Erik verstoßen, doch zeigt Friese sehr schön, wie sowohl der Holländer, der sie ja eigentlich nur als Mittel zum Zweck gesucht und gefunden hat, wie auch sie selbst zunächst einmal gelähmt sind von ihrer wirklichen Liebe zueinander.


Senta gleich zwei Mal

Der Jungmädchentraum der Senta endet dann logischerweise in dem Moment, wo Senta sich dem Holländer in die Arme wirft, obwohl er sie frei gibt. Das macht die zweite Senta (gespielt von einer Kollegin aus der Schauspielsparte des Theaters Hof, Susanna Mucha) deutlich, die , für die Zuschauer ohne Programmheft zunächst irritierend, als zweite Senta von Anfang an auf der Bühne anwesend ist: Die Träumende mustert zufrieden das Paar, das sich gemäß ihren Hoffnungen, gefunden hat, und erwacht, was dem Regisseur und seinen Zuschauern das Ende erspart, dass Senta den Holländer erlöst, indem sie ihm ihre Treue durch einen Sprung von einer Klippe beweist, woraufhin das Paar in einer Vision am Himmel verklärt wird. Sentas Fixierung auf ein Idol und die in ihrem Traum vollzogene Vereinigung mit ihm ist aber bei Wagner durchaus angelegt, schließlich hat sie den Helden der Volkssage vergöttert, noch bevor sie ihn kennengelernt hat.
Ob sie am Ende von ihrer Fixierung erlöst ist und realitätstauglicher geworden ist, lässt Friese offen.

Unterstützt wurde der Eindruck der Traumhaftigkeit des Bühnengeschehens durch die mit viel Fantasie und Lust am Spektakulären überstilisierten Perücken, die überschminkten Gesichter aller Darsteller, im Gegensatz zu der durchgehend natürlich bleibenden Senta (Bühne und Kostüme: Annette Mahlendorf), der Identifikationsfigur der Träumenden und der natürlich völlig unrealistischen Rolle der Tänzer des Hofer Balletts, die aber als eine Art Cyborg-Zombies durchaus passten in die Rolle der untoten Schiffsbesatzung des Holländers.


Dirigent auf dem Monitor

Nicht nur durch deren Einsatz wurde der Blick des Publikums schnell abgelenkt von dem ungewohnt im Hintergrund agierenden Orchester, an dessen Pult Walter E. Gugerbauer allerdings und vor allem die Mitglieder des Chores Großartiges leisten mussten. Ein Dirigent braucht eigentlich den Blickkontakt zum Chor und den Solisten, doch die hatte er im Rücken, die Chorsänger konnten nur auf zwei kleinen Monitoren seine Bewegungen abnehmen. Sein Orchester dirigierte Gugerbauer mit unmittelbarem Zugriff und viel Gespür für Nuancen wie auch die kraftstrotzende suggestive Macht der Wagnerschen Musik, obwohl deren Durchschlagskraft natürlich etwas gehemmt wurde durch die Platzierung auf der Hinterbühne. So tat trotz gelegentlich hörbarer kleiner Schwierigkeiten beim Chor die raffiniert bewältigte Problematik der Platznot der gewohnten Klasse der Hofer bei diesem Gastspiel keinen Abbruch.

Mit kräftigen Stimmen meisterten sie ihre Parts meist auf der Vorbühne mit ihrer tückischen Akustik und kaum Kontakt zum Orchester ganz weit da hinten mit staunenswerter Bravour. Minseok Kim ließ als Steuermann seinen kräftigen Tenor erstrahlen, Stefanie Rhaue zeigte als Sentas Amme Mary, dass sie noch immer zu den guten deutschen Mezzosopranistinnen gehört, Alexander Geller, als Tenor auch schon mal als Cover für Jonas Kaufmann in Zürich verpflichtet, sang und spielte trotz kleiner Unbeweglichkeiten in den Verzierungen sehr überzeugend Sentas Verlobten Erik. Die drei Hauptrollen waren ausgezeichnet besetzt: Rainer Mesecke führte seinen Bass sicher und recht locker und spielte rollenkonform etwas steif Sentas raffgierigen Vater Daland. James Tolksdorf war ein in allen Belangen überzeugender Holländer mit mächtigem hohem Bass und ausgezeichneter Stimmführung und Intonationssicherheit in allen Lagen. Liine Carlsson, als etwas indisponiert angekündigt, ließ das kaum jemanden vermuten und zeigte mit ihrer kräftigen Trademark-Schweden-Stimme, warum sie in diesem Jahr schon an drei Bühnen als Senta überzeugte.


Publikum voll überzeugt

Die Hofer haben es mal wieder geschafft - und diesmal trotz schwieriger Umstände - das Publikum des Theaterrings bei dieser Auftaktveranstaltung zum 33. Theaterring der Stadt Bad Kissingen voll zu überzeugen. Bravos und rhythmisches Klatschen holten das Ensemble und den Dirigenten immer wieder vor den Vorhang; das Publikum ging mit Wagners penetranten Ohrwürmern wohlgestimmt in den nebligen Herbstabend.
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