Schondra
Radsport

Rhön300: Die Lust auf Mehr ist geweckt

Den Gesamtsieg machen heimische Sportler unter sich aus. Der Wettkampf-Modus ist interessant, findet aber auch seine Kritiker.
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Die Elite unterstützt sich: Jens Schuhmann (vorne) und Gesamt-Sieger Andy Eyring führen die Spitzengruppe an.  Foto: Ronny Michallik/Michallik Photograph
Die Elite unterstützt sich: Jens Schuhmann (vorne) und Gesamt-Sieger Andy Eyring führen die Spitzengruppe an. Foto: Ronny Michallik/Michallik Photograph
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Die aufgequollenen Füße am Abend hat Jens Schuhmann dann doch ganz gerne in Kauf genommen. Dieses extreme Rennen hatte ja schon extrem begonnen: im von Nebelschwaden begleiteten Dauerregen, morgens um 6.15 Uhr mit Start an der Schondraer "Klagemauer" unweit der Kirche. "Das war auf jeden Fall eine große Herausforderung, da hat jeder gelitten. Bei den ersten Abfahrten hat man gefroren, es war rutschig und die Sicht alles andere als optimal", berichtet der 27-Jährige, der eigentlich ein ambitionierter Mountainbiker ist, sich die Premiere von "Rhön300 - Grenzen erfahren" allerdings nicht entgehen lassen wollte. 300 Kilometer durch die Rhön, über 4500 Höhenmeter, inklusive Zeitmessung auf den ersten etwa 45 Kilometern bis nach Gefäll.


Unrhythmisch

"Das sind meine Hausberge, da wollte ich Dampf machen. Dass es dann so gut lief, hätte ich nicht gedacht", sagte der Wildfleckener aus dem Team Bikeworld Brand, der im Endklassement starker Dritter wurde. Und der bei allem Ehrgeiz der Teilnehmer den Teamgedanken hervorhob. "Das lief alles freundlich und sportlich ab. In unserer Gruppe haben wir beispielsweise geschlossen eine Pinkelpause an der Wasserkuppe gemacht."
Jens Schuhmann ist natürlich auch schon in den Alpen gefahren, aber das Land der offenen Fernen ist eben speziell. "Die Strecke ist unrhythmisch. Die Anstiege und Abfahrten sind vergleichsweise kurz. Da gibt es kaum Zeit, sich mal richtig zu erholen", so der Wildfleckener, der etwa 20 Kilometer vor dem Ziel "einen richtigen Durchhänger hatte, weil ich zu wenig gegessen habe. Mit Cola habe ich mich wieder aufgepäppelt".




Den Gesamtsieg holte sich ein anderer MTB-Spezialist. Andy Eyring nämlich. Der Ex-Profi lebt und arbeitet in der Nähe von Koblenz. "Ich wollte immer mal ein Rennen in meiner Heimat fahren, und einen Rennrad-Marathon hatte ich auch noch nie gemacht, da bot sich das an", sagte der gebürtige Münnerstädter, der in 1:17 Stunden der schnellste Zeitfahrer war, hauchdünn vor Kai Büdicker (Maßbach) und Jens Schuhmann, und für den Sieg im weiteren Rennverlauf nur noch den geforderten Mindestschnitt von 25 Kilometern pro Stunde zu bringen hatte, damit gar nicht als Erster die Ziellinie überqueren musste.


Zweifel beim Sieger

"Ein interessantes Format mit der Zeitnahme am Anfang, das kannte ich so auch noch nicht", sagte der 28-Jährige, der gerne Lob verteilte, aber auch Ansätze zur Kritik fand. "Das war eine sehr gute und mit viel Liebe organisierte Veranstaltung. Die Begleitung durch die Motorradstaffel war richtig klasse, als negativ kann man die schwer lesbare und teilweise nicht ausreichende Beschilderung nennen." Respekt hatte Andy Eyring insbesondere vor der Länge des Rennens. "Ich wusste, dass ich auf die Zeitnahme-Distanz ein hohes Tempo mitgehen kann, aber ob ich dann auch noch die folgenden Kilometer schaffen würde, war mir nicht klar. Ich wollte zwar um den Sieg fahren, aber nicht kopflos. Deshalb habe ich mich sehr zurückgehalten und versucht dran zu bleiben. Letztendlich konnte ich aus meiner Erfahrung schöpfen und das Rennen im Sprint gewinnen. Der physisch Stärkste war ich sicherlich nicht."


Vorbereitung in China

117 Personen insgesamt waren im Zeit-Ziel Gefäll angekommen, nur die 63 Starter, die bis 19 Uhr mit allen fünf Kontrollbändchen im Ziel waren, wurden gewertet. Darunter Alexander Geiger, der aktiv elfeinhalb Stunden im Sattel saß, sich gerade einmal 35 Minuten Pause gönnte. "Ich habe wirklich meine Grenzen erfahren. Nach 200 Kilometern hat es angefangen weh zu tun", sagte der Ebenhäuser, der sich mit Fahrten zum Kreuzberg vorbereitet hatte. Und aufgrund eines beruflichen Aufenthaltes davor sogar in China trainierte auf 3000 Metern Höhe. Der ehemalige Boxer, Hobby-Kicker und Marathonläufer hatte schließlich eine Durchschnitts-Geschwindigkeit von 25,6 km/h und erreichte bei seiner rasantesten Abfahrt die Spitzengeschwindigkeit von 84,2 km/h.
Knapp unter diesem Durchschnitt geblieben war Stephan Klaus, der daher bei Hammelburg auf eine kürzere Route zurück nach Schondra gelotst werden sollte. Da hatte der Oberleichtersbacher freilich schon einen erheblichen Teil der Strecke hinter sich gebracht. "Ich wollte doch nur die 300 Kilometer schaffen, egal in welcher Zeit", sagte der 50-Jährige vom Team Schwarze Berge Rhön, der bei seinem Team-Kollegen Karl Bienmüller geblieben war, als der einen Platten hatte. "Unsere Gruppe war dann nicht mehr einzuholen. Die Gruppe war aber sehr wichtig, aus Motivationsgründen und um Windschatten fahren zu können", sagte Stephan Klaus.
Das Duo ließ sich aus der Wertung nehmen, um quasi auf eigene Rechnung dieses Abenteuer zu meistern. Und hatte wieder Pech, dass inzwischen ein Teil der Hinweisschilder bereits abgebaut war. "Daher haben wir unfreiwillig um etwa 20 Kilometer abgekürzt. Aber wir haben es geschafft und sind verletzungsfrei geblieben. Wenn es eine Neuauflage gibt, melde ich mich wieder an. Und ich bin überzeugt, dass es dann wesentlich mehr Teilnehmer sein werden."


Mit überlegener Moral

Auch Karl Bienmüller hatte seine gute Laune schnell wiedergefunden. "Das war alles super organisiert und ein gutes erstes Mal, aber das Rennen war natürlich knüppelhart. Das nächste Mal trainiere ich mehr. Diesmal haben wir das mit einer überlegenen Moral wettgemacht, die aber mitunter ganz schön flöten ging. Ich hatte Krämpfe und Knieprobleme. Und war daher nicht böse, dass es am Ende etwas kürzer wurde." Die größte Herausforderung war für den 48-Jährigen der mentale Aspekt. "Bei Kilometer 80 war der erste Verpflegungspunkt. Bis dahin habe ich schon ständig auf den Tacho geschaut, wir sind einfach nicht näher an die 100 Kilometer gekommen. Und bis wir dann erst mal die 160 Kilometer hatten... Krämpfe gehen weg mit Trinken und Essen, aber der Kopf muss auch mitspielen", weiß der Gerodaer.


Geschafft und froh

Noch zwei Tage später war Ideen-Geber und Organisator Peter Baumgart samt seinem etwa 25-köpfigen Team mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Geschafft, und dennoch froh über diese Premiere. "Einige Sportler mussten früher aufhören, aber es hat sich niemand verletzt. Auch, weil Polizei und die örtlichen Feuerwehren einen irre guten Job gemacht haben", sagte der 61-Jährige, der in Sachen Reglement durchaus Nachbesserungsbedarf sieht. "Gegen 21 Uhr kam eine junge Dame quietschvergnügt im Sportheim an. Die hatte die Strecke irgendwie alleine geschafft, ohne Service und Verpflegung. Die hatte sich unterwegs sogar noch eine Cola gekauft, um es ins Ziel zu schaffen."
Freilich diente der Modus auch der Sicherheit der Pedaleure, die nicht überfordert werden sollten - was nicht zuletzt eine Vorgabe der Polizei war. "300 Kilometer sind halt lang, und gerade am Schluss gibt es bei Gräfendorf, Heiligkreuz oder Detter brutale Anstiege", erklärt der ehemalige Unternehmer, der seine Liebe zum Land der offenen Fernen mit vielen Menschen teilen will und so dieses sportliche Format in Eigeninitiative entwickelte. "Die Rhön ist vielfältig, abwechslungsreich und bietet herrliche Panoramablicke. Das wollte ich alles zusammenbringen", sagt der passionierte Radfahrer, der bei der Siegerehrung mit Schirmherrin Dorothee Bär in viele glückliche Gesichter blickte. Mit den an diesem Tag in der Rhön gefahrenen Kilometern hätte man fast eine Erdumrundung geschafft. Die 40 075 Kilometer sollten im nächsten Jahr fällig sein.
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