Hammelburg
Volleyball 2. Bundesliga

Die Saaletalhalle wird zum Vergnügungspark

Das dramatische Spiel gegen Schwaig wird in die Geschichte des Hammelburger Volleyballsports eingehen.
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Vier Hände sind besser als zwei - denken sich die Hammelburger (von links) Oscar Benner und Moritz Rauber.Hopf
Vier Hände sind besser als zwei - denken sich die Hammelburger (von links) Oscar Benner und Moritz Rauber.Hopf
TV/DJK Hammelburg - SV Schwaig 3:2 (25:23, 22:25, 22:25, 28:26, 15:10).
Das war grob fahrlässig. Erst versprach Olly Wendt, einen Sieg vorausgesetzt, eine musikalische Einlage beim nächsten Heimspiel. Dann vergaß Hammelburgs Zeremonienmeister, das Publikum auf die Anschnallpflicht hinzuweisen. Der Mann am Mikro wusste doch ganz genau, dass Spiele gegen Schwaig stets einer rasanten Achterbahnfahrt gleichen. Ein Auf und Ab im höchsten Tempo, diesmal sogar mit Überlänge. Hereinspaziert in den Vergnügungspark "Saaletalhalle". Fast schienen sich die Hammelburg Volleys zu sehr von dieser zauberhaften Atmosphäre verführen zu lassen, denn nach dem Auftaktpunkt von Henning Schulte folgte eine Aufschlagserie von Perica Stanic mit fünf Schwaiger Punkten in Serie. Auf 8:4 zog der Gast davon, ehe sich die Volleys an das Tempo gewöhnt zu haben schienen. Mit starken Angaben leitete Aldin Dzafic die Wende ein (8:8). Nicht zuletzt dank verbesserter Blockarbeit wurde das Spiel der Saalestädter stabiler. Die Körpersprache stimmte, aber mit dem 22:17 übernahm der Leichtsinn das Kommando. "Wenn das noch in die Hose geht, bleibt das Duschwasser heute kalt", grantelte Team-Manager Didi Gleisle. Mit dem 23:23 hatten die Gäste aus dem Nürnberger Land das Momentum auf ihrer Seite, ehe zwei starke Aktionen von Oscar Benner warmes Wasser für die Körperpflege garantierten.


Mal geschimpft, mal gelobt

Das Hin und Her setzte sich nahtlos fort. Mit engen Spielständen und einem hochemotionalen Tado Karlovic, der seine Spieler mal schimpfte, mal lobte, der aber auch immer wieder das Publikum mit kreisenden Armen oder Stakkato-Klatschen um Unterstützung bat. Der Lärmpegel stieg, wie auch die Fehlerquote der offensichtlich beeindruckten Mittelfranken, die nach zwei Assen von Peter Wolf mit 10:15 zurücklagen, dann mit vier Punkten in Folge zum Comeback ansetzten. Jedes Nachlassen wurde von der gegnerischen Seite konsequent bestraft. Auf TV/DJK-Seite waren die Scharfrichter der spätere MVP Moritz Rauber und Branko Damjanovic (18:14). Ausgerechnet der Stuhl-Schiedsrichter leitete mit zwei umstrittenen bis kaum nachvollziehbaren Entscheidungen die Wende ein. "Wir mussten mehrmals zwei Punkte machen, um einen zu bekommen", schmunzelte später Aldin Dzafic. Ab dem 22:22 sollte nur noch der Gast punkten.

Großes Gefühlskino folgte in der Pause, als Mario Radman seine Verlobte mit einem Heiratsantrag überraschte. Mit einem "Ja" und einer kleinen Gratulationskur ging es in den dritten Satz. Tatsächlich schien der Fokus verloren, denn der angereiste Vizemeister zog auf 7:2 davon, um schließlich ebenfalls ein Opfer mangelnder Aufmerksamkeit zu werden (9:9). Der nächste Ballwechsel war ein Highlight der Begegnung, den Punkt machten aber die Gelb-Blauen, die nicht viel später den nächsten umstrittenen Punkt zugesprochen bekamen. Jetzt war der Tiger im immer lauter werdenden Publikum geweckt, und auch die Volleys zeigten die Zähne, bissen sich ins Match zurück, um in diesem Spektakel doch den Kürzeren zu ziehen. Längst hatte Tado Karlovic die Trainingsjacke abgelegt, dessen Coaching ebenso intensiv war wie der Kontakt zum Publikum. Der Trainer als Animateur - das hatte man in dieser Intensität nicht oft gesehen.

Was freilich nicht verwunderte, weil dieses Match selbst einen Stoiker in Wallung brachte. Super eng und super spannend geriet der vierte Abschnitt. "Solche Spiele liebe ich. Spiele gegen Schwaig sind immer etwas Besonderes. Und es war wirklich schwierig, über so eine lange Zeit konzentriert zu bleiben", sagte später Maestro Dzafic, der gemeinsam mit Peter Wolf den Anführer gab. Mit 8:7 führten die Unterfranken bei der ersten technischen Auszeit, lagen bei der zweiten mit 1316 zurück, um beim 22:20 dicht vor dem zweiten Etappensieg zu stehen. Auch dank Georg Wolf, der nach seiner Einwechslung einige starke Aktionen hatte. Aber da war ja noch der Stuhl-Schiedsrichter, der die Hammelburger mit einem Strafpunkt bedachte (22:21). Schwaig zeigte wieder die Muskeln und stand angesichts der zwei Matchbälle dicht vorm Punkte-Dreier. Aber als es wirklich darauf ankam, waren die Volleys zur Stelle mit einem Block von Peter Wolf und einem Angriffsball von Moritz Rauber. Der Höllenlärm der 650 Fans kostete den Schwaigern die letzten Nerven. "Das war ein gutes Match. Aber wir haben uns zu viele Fehler erlaubt. Ein Punkt mehr, und wir gewinnen nach vier Sätzen. So ist der Sport. Am Schluss sind wir unter Druck geraten, während die Heimmannschaft sich vom Publikum beflügeln ließ", analysierte SV-Trainer Jozef Janosik.

Dass die Gäste im Tiebreak mal wieder führten, ließ nun niemanden mehr zweifeln. Nach weit über zwei Stunden harmonierten Kopf und Körper immer noch bei den Hammelburgern. Der Monsterblock von Peter Wolf zum 9:6 machte den Gelb-Blauen den Garaus. "Das war wirklich stark. Respekt vor den Schwaigern, aber wir haben verdient gewonnen, obwohl einer von oben etwas dagegen hatte. Das freut mich vor allem für unsere unglaublich lauten Fans", sagte Tado Karlovic, um dann rasch zum Sieger-Selfie zu eilen, das Aldin Dzafic regelrecht zelebrierte. Der Maestro war nämlich einfach nur stolz auf sein Orchester. "Die Teamleistung war überragend. Jeder hat für den anderen gekämpft. Wir spielen mit dem Herzen. Und das Herz gewinnt immer." Mario Radman wird's bestätigen.
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