Riedenberg
Schicksal

Sehenden die Augen öffnen

Der zeit seines Lebens blinde Andreas Zeier möchte als Mensch wahrgenommen werden.
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"Ich möchte keinem Verein angehören, in dem ich nur Mitglied bin": Andreas Zeier sammelt seit 2014 Kalendersprüche die er sich aus dem Videotext vorlesen lässt. Foto: Wolfgang Dünnebier
"Ich möchte keinem Verein angehören, in dem ich nur Mitglied bin": Andreas Zeier sammelt seit 2014 Kalendersprüche die er sich aus dem Videotext vorlesen lässt. Foto: Wolfgang Dünnebier
Ob Geselligkeit, Ortsgeschichte oder Weltgeschehen: Andreas Zeier kennt sich aus und mischt sich gerne ein. Er erkennt Dinge, die Sehenden schon mal verborgen bleiben. Und steckt mit seinem Humor jene an, denen ihr Lebensglück trotz herrlicher Sommerfarben ringsherum gerade mal nicht so bewusst ist. Der 58-Jährige lebt nach Möglichkeit gerne bunt. Und dies, obwohl er zeit seines Lebens blind ist. Der gebürtige Riedenberger hat sich mit seinem Handicap bewundernswert arrangiert.

Selbstsicher orientiert sich der pensionierte Fernmeldeobersekretär daheim zwischen seinen elektronischen Helferlein und zündet sich während des Gespräch einen Zigarillo an.


Nicht einigeln

"Ich kann nur raten, auch unter die Sehenden zu gehen", warnt er Blinde davor, sich daheim einzuigeln. Jeden ersten Freitag im Monat lädt er zum Stammtisch für Blinde und Sehbehinderte ein. Dort geht es um Geselligkeit, gleichzeitig aber auch um alles, was hilft, durch den Alltag zu kommen. Im Juli fällt die Begegnung allerdings aus, weil das Deutsche Haus in Bad Brückenau Urlaub macht.

Bis zu sieben Teilnehmer inklusive Angehörigen treffen sich. Gerne würde man auch ein paar jüngere Gäste begrüßen. Er selbst habe sich während seiner Besuche dort von einem Vorurteil verabschiedet: "Ich dachte, nur Sehende könnten Blinden helfen." Dabei habe man sich untereinander viel zu geben. Mitgenommen hat er die Botschaft vom Hammelburger Karlheinz Paul, dessen Vermächtnis er weiter führt.

Auf sein Heimatdorf lässt Zeier nichts kommen. "Diskriminierung habe ich hier kaum erlebt", sagt er. Aus gemeinsamen Kindergartenzeiten gibt es Freunde und Bekannte, die er auch heute noch gerne trifft. Sogar das Fahrradfahren habe er gelernt. "Unter dem Motto: Wenn es kracht, noch einen Meter weiter", erinnert er sich. Lange hatte er einen Lichtschimmer mit Farberkennung, der sich jedoch in seinen 40er Lebensjahren verabschiedet hat. "Ich weiß, was blond und braun ist", schmunzelt er und verweist auf sein Faible für Witze. "Selbst über Blindenwitze kann ich lachen", gibt er preis.

Der sonntägliche Stammtisch im Gasthaus Zum Löwen ist ihm wichtig, um mit Dorfbewohnern im Gespräch zu bleiben. Allerdings weist seine Ortskenntnis über einige Jahre Lücken auf. Zu Schulzeiten wechselte er nämlich ins Blindeninternat nach Würzburg. Weil er mit den katholischen Schwestern haderte, folgte mit 13 ein weiterer Umzug nach Nürnberg. Hier bestand er die mittlere Reife und wurde als Postsekretär im mittleren Dienst verbeamtet.

1986 bekam er das Elternhaus überschrieben und wechselte deshalb ans Fernmeldeamt Bad Kissingen. Dort begleitete er die Störungsannahme und setzte wegen seiner Ortskenntnis auch die Außenentstörer ein.
Die Rhön lernte er bei Ausflügen mit seinem Vater kennen. "Ich bin gerne Beifahrer", sagt er. Da, wo er schon mal gewesen sei, könne er wieder hinlotsen. Beim Fernmeldeamt schätzte man diese Qualität. Im Zuge der Privatisierung fiel seine Stelle dort weg. 1996 war Schluss. Vor allem schwerbehinderte Beamte habe man loswerden wollen, erinnert er sich enttäuscht . "Ich habe mich geschämt", sagt er zum Verlust des Arbeitsplatzes. Gerade im Dorf, wo jeder jeden kennt.


Videotext hilft

Langeweile empfindet er nicht. "Ich suche mir Projekte", sagt er. So sammelt er seit 2014 Kalendersprüche, die er sich aus dem Videotext vorlesen lässt. Rund 1500 Stück davon wird er davon bis Ende des Jahres zusammen haben. Einen der liebsten darunter gibt er gerne wieder: "Ich möchte keinem Verein angehören, in dem ich nur Mitglied bin." Für Zeier ist das gleichsam ein Appell an die Sehenden. "Ich möchte als Mensch wahrgenommen werden, so wie allen anderen auch", sagt er.


Als Sozius auf dem Motorrad

Oft ist ihm das gelungen. Ob bei einer Motorradtour als Sozius oder bei der Fahrt zur Sonnenfinsternis 1999 mit einem kleinen Freundeskreis. "Ich organisiere gerne", sagt Zeier. So recherchierte er beim Deutschen Wetterdienst telefonisch, wo die Sonnenfinsternis am besten zu sehen sei. Mit einem kleinen Freundeskreis ging es schließlich ins Saarland.

Zwei Dinge sind ihm ein Gräuel: "Wenn mich jemand fragt, wie ich da mitreden kann, oder wenn ich aus der Stimme heraushöre, dass mich jemand verarscht", lässt er wissen. Er könne da gut zwischen den Zeilen lesen. Klare Worte sind ihm am liebsten und auch über Blindenwitze kann er gelegentlich lachen.Gerne sieht Zeier im Fernsehen Dokumentationen und Reportagen. Das Wort Sehen ist ihm wichtig. "Ich sage ungern, ich höre Fernsehen", sagt er. Auch ohne Augenlicht entstehen bei ihm dichte Bilder im Kopf. Verwirrend findet er es manchmal, wenn er alte Filme noch einmal mit Autodeskription (Textbeschreibung) hört. Manches habe er sich im Kopf anders vorgestellt und würde gerne bei seinem Eindruck bleiben.

Am Stammtisch für Sehbehinderte geht es oft auch um den Einsatz von Hilfsmitteln. Aktuelle Hoffnungen ruhen auf einer Brille mit Gesichtserkennung, die Geschriebenes unterwegs vorlesen kann. So ließe sich etwa eine Speisekarte entschlüsseln.

Ganz ohne Unterstützung geht es nicht. Dankbar ist Zeier Günther und Rosaline Schwager und seinen Mietern Frank und Nicole Klein mit ihren vier Kindern, die jederzeit aufmerksam sind. Aktuell bereitet ihm die Krankheit seiner Frau Sorge; seine Frau ist tageweise zur Pflege in Bad Brückenau. Allerdings möchte sich das Ehepaar davon nicht unterkriegen lassen und weiter anderen Mut machen, unter Menschen zu gehen.

Der nächste Stammtisch für Blinde und Sehbehinderte ist am Freitag, 4. August im Deutschen Haus Bad Brückenau. Infos bei Andreas Zeier, Tel.: 09749/662.
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