Münnerstadt
Erzählcafé

Herr über Jetons und Millionen

Otmar Lutz war 14 Jahre lang der Chef der Bad Kissinger Spielbank
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Otmar Lutz war von 1999 bis 2013 Chef der Bad Kissinger Spielbank. Im Erzählcafé im Haus St. Michael erzählte er aus seinem Leben. Foto: Dieter Britz
Otmar Lutz war von 1999 bis 2013 Chef der Bad Kissinger Spielbank. Im Erzählcafé im Haus St. Michael erzählte er aus seinem Leben. Foto: Dieter Britz
Von unserem Mitarbeiter Dieter Britz

Bad Kissingen. "In der Spielbank kann man gewinnen, wenn man etwas Glück
hat und rechtzeitig aufgehört. Man geht in die Spielbank rein, um sich zu
amüsieren" sagt Otmar Lutz. Der 68-jährige muss es wissen, denn er war von
Februar 1999 bis März 2013 Chef der Bad Kissinger Spielbank. Eugen Albert
konnte ihn im Erzählcafé des Haus St. Michael willkommen heißen.

"Ich bin ein Kind der Fünfzigerjahre, als die Buben noch in kurzen Hosen
und langen Strümpfen mit Strapsen rum rannten", schilderte er seine Kindheit
in Oerlenbach. Seine Mutter war Magd und sein Vater kleiner
Eisenbahnbeamter. Als einer von ganz wenigen Schülern besuchte er die
Realschule in Bad Kissingen. Nach dem Abschluss wollte er die mittlere
Beamtenlaufbahn beim Freistaat ansteuern. Zur Auswahl standen das Finanzamt
oder das Gericht. Er entschied sich für das Finanzamt, weil er sich dort
bessere Aufstiegschancen versprach. Nach wenigen Wochen bestand er die
Prüfung für den gehobenen Finanzdienst. In der Ausbildungseinrichtung der
bayerischen Finanzverwaltung in Herrsching am Ammersee absolvierte er
wesentliche Teile seiner Ausbildung. Nach zwei Jahren bestand er die erste
Prüfung. Stationen seiner Arbeit als junger Finanzinspektor waren das
Finanzamt in Schweinfurt und das Finanzamt in Bad Kissingen, wo er mit 21
Jahren unmittelbarer Mitarbeiter des Chefs und mit 27 Jahren Personalchef
war. Er war daneben Dozent in Herrsching und unterrichtete dort angehende
Mitarbeiter der Steuerverwaltung.

Er war auch bei der Steuerfahndung. Sein einziger großer Einsatz war
die Prüfung eines Bordells in Würzburg. Er ging vor allem
darum, ob hier Lohnsteuer der Frauen hinterzogen worden war. Dazu
mussten die Bilanzen und Steuererklärungen rückwirkend für fünf bis zehn
Jahre geprüft werden. Im Finanzamt in Bad Neustadt war er als Oberamtsrat
stellvertretender Chef. "Das ist die Endstation, damit ist es gelaufen"
dachte er.

Dann wurde die Stelle des Chefs der Spielbank Bad Kissingen ausgeschrieben.
Otmar Lutz dachte nicht daran, sich zu bewerben. Doch als der Chef des Bad
Kissingen Finanzamtes ihn deswegen anrief, bewarb er sich. Er wurde zum
Vorstellungsgespräch ins Finanzministerium nach München eingeladen. Dort
lief ihm sogar Finanzminister Kurt Faltlhauser über den Weg, der ihn fragte
was er hier wolle und ihm viel Glück wünschte. Das hatte er und bekam den
Zuschlag. Er trat die Stelle am 1. Februar 1999 an und gehörte damit zum
erlauchten Kreis der Spielbank-Direktoren, "denn es gibt in Bayern mehr
Bischöfe und mehr Minister." Was macht eigentlich ein Spielbankdirektor?
"Ich hatte keine Ahnung außer, dass man einen eigenständigen Betrieb des
Freistaates Bayern, der zur staatlichen Lotterieverwaltung gehört,
kaufmännisch, wirtschaftlich und personell leiten muss."

Als Spielbankdirektor hat er viel erlebt. Einmal gewann ein Spieler den
Euro-Jackpot über 1,3 Millionen Euro. Glücklicherweise ließ er sich einen
Scheck ausstellen und wollte kein Bargeld. Einmal zahlte er tatsächlich
300.000 Euro in bar aus, "da war mein ganzer Schreibtisch voll mit
Geldbündeln." Als ein Spieler gleich viermal den Auto-Jackpot gewann, wurde
er natürlich misstrauisch, doch es ging alles mit rechten Dingen zu. Einmal
fiel auf, dass ein Gast bei zwei Croupiers immer gewann. Otmar Lutz musste
sich vor Vorgesetzten rechtfertigen und wurde von Beamten des
Landeskriminalamtes verhört. Erst nach einem Vierteljahr konnte der Betrug
nachgewiesen werden. Der Gast verklagte den Spielbankdirektor, weil er ihn
nicht vor der Spielsucht geschützt habe.

Die Zahl der Spielbank-Besucher in Bad Kissingen nahm während seiner Zeit
ab, denn es wurden weitere staatliche Spielbanken gegründet. Das
Rauchverbot kam hinzu. Seit 2006 sind die seitdem erlaubten privaten
Spielhallen eine ernsthafte Konkurrenz und der Spiel im Internet kommt
hinzu, erläuterte er.

"Die Leitung der Spielbank war für mich Beruf und Berufung, denn ich hatte
mit Gästen und Personal zu tun. Ich habe Spielbank gelebt," sagte er. Doch
nach seiner Pensionierung fiel er nicht in ein "tiefes Loch." Er hätte
Steuerberater werden können oder Controller in einer Großbäckerei. Doch er
entschied sich für den Nebenjob als Reiseleiter und macht seitdem sieben
Busreisen pro Jahr. Als Stadtführer in Bad Kissingen, mit Hausgarten und
Familie ist er voll ausgelastet. Otmar Lutz hat sich auch als
Wallfahrtsleiter einen Namen gemacht und die Wallfahrten von Oerlenbach
nach Retzbach mit organisiert. Auch als Musikant ist er bekannt. Darüber
wollte und sollte er eigentlich auch noch berichten. Dazu reichte die Zeit
aber nicht mehr. Er wird deshalb auf Bitte von Eugen Albert im Herbst
nochmals ins Erzählcafé kommen. Erwähnt werden muss noch, dass er als
eifriger Zeitungsleser jeden Morgen auch die Seiten aus Münnerstadt
intensiv liest. "Für mich ist das ein bisschen wie Komödienstadel, was da
abläuft," kommentierte er bissig.
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