Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Kassenhit oder Verlustgeschäft?

Das Musikfestival hat 2017 ein kalkuliertes Defizit von 640 000 Euro, generiert aber Medienberichte im Wert von 2,5 Mio. Euro. Was bleibt sonst noch hängen?
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Die Einzelhändler in der Fußgängerzone schätzen den Kissinger Sommer als Werbeträger.  Foto: Benedikt Borst
Die Einzelhändler in der Fußgängerzone schätzen den Kissinger Sommer als Werbeträger. Foto: Benedikt Borst
Schaut man sich die reinen Zahlen an, so ist der 31. Kissinger Sommer im Haushaltsplan der Stadt mit 2,35 Millionen Euro budgetiert und weist ein kalkuliertes Defizit von 640 000 Euro aus. Ist das hochgelobte Musikfestival also ein Verlustgeschäft für die Stadt, auf das man in Zeiten knapper Kassen besser verzichten sollte? Oder ist der Kissinger Sommer ein Kassenschlager, der auf anderen Wegen Geld in die Stadt bringt? Was bleibt tatsächlich an Geld in der Stadt hängen?
Der finanzielle Aufwand für das Festival liegt bei 4,5 Prozent des städtischen Ergebnishaushalts. "Das ist ein immenser Betrag für eine einzige Kulturveranstaltung", gibt Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) offen zu. Doch er sieht hinter den nüchternen Zahlen weit mehr, etwa "die enorme Strahlkraft unseres kulturellen Aushängeschildes über die Festivalbesucher hinaus". Zudem gehe es bei klassischer Musik und ihren Werten um eine "Geistesbildung für die Kinder und Jugendlichen unserer Stadt".
Der gesamtwirtschaftliche Erfolg des Festivals über den Ticketverkauf hinaus ist noch nie gemessen worden und ist wohl auch nicht messbar. Während sich Blankenburg deshalb auf die verbreitete Faustregel "Für jeden investierten Euro kommen drei Euro zurück" beruft, verweist Intendant Dr. Tilman Schlömp immerhin auf eine ältere Studie zum Bonner Beethovenfestival. Die Veranstaltung ist nach Besucherzahl und Ticketverkauf mit dem Kissinger Sommer vergleichbar.
In Bonn schätzte man vor Jahren die zusätzlichen Nebeneinnahmen in Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und anderen Bereichen während des Festivals auf 1,75 Millionen Euro. Doch Schlömp zeigt sich bei diesem Wert eher zurückhaltend und nennt ergänzend andere Zahlen: "Die redaktionelle Medienberichterstattung über den Kissinger Sommer entspricht einem Anzeigenwert von etwa 2,5 Millionen Euro", sagt er.


Authentischer Werbeträger

"Ein klassisches Musikfestival ist die effektivste Methode, um für eine Stadt zu werben", findet der Intendant. Vorteil sei, dass kulturelle Medienberichte im Blick der Leser viel glaubwürdiger sind, als die klassische Anzeigenwerbung einer Stadt. Beispielhaft verweist er auf die doppelseitige Titelstory im bundesweit erscheinenden Musikmagazin "Rondo", das sich mit seiner bundesweiten Auflage von 73 000 Exemplaren gezielt an Klassikfans richtet. "So etwas wirkt viel authentischer", meint Schlömp. Er sieht wie der Oberbürgermeister den eigentlichen Gewinn der Stadt in der bundesweiten, sogar europäischen Imagebildung und Werbung - umso mehr, da das Festival Stadt und Landkreis im Namen trägt.
Auch wenn Imagegewinn und indirekte Einnahmen als Umwegrentabilität nicht fassbar sind, Hotellerie und Gastronomie, der Einzelhandel und andere profitieren während der vier Festivalwochen mit Sicherheit, wenn auch von Fall zu Fall unterschiedlich. Viele der rund 6000 Besucher gehen in der Stadt einkaufen, besuchen Restaurants und einige brauchen während ihres mehrtägigen Aufenthalts eine Unterkunft. "Möglich sind wohl bis zu 4 000 Ticketkäufer, die vor ihrer mehr als zwei- und mehrstündigen Rückreise lieber eine Übernachtung buchen", wagt Thomas Lutz, vom Kissinger Sommer Büro, eine vorsichtige Einschätzung. Da einige Festivalbesucher außerdem Tickets für mehrere Konzerte kaufen, kommen zwangsläufig weitere Nächtigungen hinzu.


Hochklassige Hotels gefragt

Beachtenswert ist nach Erfahrung der Staatsbad GmbH, dass Klassikmusik-Liebhaber finanziell oft besser gestellt scheinen als durchschnittliche Urlaubsgäste. "Die Nachfrage nach gehobener Hotellerie ist in diesen Wochen jedenfalls häufig höher als unser Angebot", hat Kurdirektor Frank Oette erfahren müssen. Er vermisst das frühere Kurhaushotel.
Das begrenzte Kapazitätsangebot in größeren Hotels macht auch Organisator Lutz bei der Unterbringung der Orchester zu schaffen, die als geschlossene Gruppe möglichst in nur einem Haus nächtigen sollten. Allein für die Künstler und Orchestermusiker fließen nach seinen Angaben alljährlich 160 000 Euro in die örtliche Hotellerie. Aber auch kleinere, privat geführte Hotels dürfen sich über zusätzliche Übernachtungen freuen. Denn wie Heinz Stempfle, Vorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes sowie des örtlichen Kurvereins, bei seinen Branchenkollegen erfahren hat, versuchen doch etliche Konzertbesucher die höheren Ticketpreise durch günstigere Übernachtungspreise auszugleichen.
Während viele Hotels profitieren, gilt dies nach Stempfles Einschätzung nicht in gleichem Maß für die Gastronomie. Tagsüber mögen Restaurants und vor allem Cafés ein Zusatzgeschäft durch Konzertbesucher haben, meint Stempfle, nicht aber abends nach Schluss des Konzerts. "Früher wurde mehr gegessen", erinnert sich Gertrud Groß, Inhaberin des Ratskellers. "Wir haben die Küche zwar immer noch bis 22 Uhr auf, aber heute wird zu dieser späten Stunde meist nur noch etwas getrunken."
Keine konkrete Aussage zu möglichen Mehreinnahmen wagen Heiko Grom, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Pro Bad Kissingen, und Ralf Ludewig, Vorsitzender Unterfranken im Bayerischen Handelsverband. In den Monaten Juni und Juli sei die touristische Kundenfrequenz ohnehin höher. Ob dies nun am Festival liegt oder nicht, könne man nicht sagen, meint Grom. "Dessen Effekt dürfte sich im Einzelhandel allerdings im Rahmen halten." Doch Mode, Schuhe und Schmuck mögen bei Festivalbesuchern eher gefragt sein, vermutet Ludewig. Er ist sich aber mit Grom über den generellen Werbeeffekt des Festivals für Bad Kissingen einig: "Manche Gäste des Kissinger Sommers kommen vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt als Kunden wieder in die Stadt", sagt er.
Davon ist auch der 1992 gegründete Förderverein Kissinger Sommer überzeugt, dessen 1000 Mitglieder in ganz Deutschland verteilt, teilweise sogar im Ausland leben. In den 25 Jahren seines Bestehens hat der Verein das Festival mit knapp 1,8 Millionen Euro gefördert. Schatzmeisterin Martha Müller ist sich mit ihren Vorstandskollegen einig: "Der Kissinger Sommer ist der beste Werbeträger für unsere Stadt."
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