Hammelburg
Forschung

Einzigartiges Experiment: So viel hält die alte Saalebrücke wirklich aus

Nach mehreren Wochen Aufbauarbeit startet die Technische Universität München ihr großes Experiment auf der alten Saalebrücke.
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Am Ende des Versuchs zeigt der Träger den für die Querkraft typischen, diagonalen Rissverlauf. Foto: Arkadius Guzy
Am Ende des Versuchs zeigt der Träger den für die Querkraft typischen, diagonalen Rissverlauf. Foto: Arkadius Guzy
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Ein Riss verläuft quer über den mittleren Betonträger zu einer der Stützen der alten Saalebrücke. Das Schadensbild sorgt für Zufriedenheit. "Es ist das passiert, was wir erwartet haben, auch wenn sich die Brücke etwas gewehrt hat", sagt Oliver Fischer.

Fischer, Professor am Lehrstuhl für Massivbau an der Technischen Universität (TU) München, und sein Team haben die alte Saalebrücke zuvor zweieinhalb Stunden lang einer extremen Belastung ausgesetzt. Sie interessieren sich dafür, wie das Bauwerk auf Querkräfte reagiert. Daher testen die Wissenschaftler bis September nacheinander mehrere Felder der Brücke. Nach einem ersten Probedurchgang in der vergangenen Woche fand nun der zweite Versuch unter großem Medieninteresse statt.

"Wir erforschen das tastsächliche Tragverhalten. Wir wollen wissen, wo die Grenzen sind", erklärte Fischer vor dem Beginn des Versuchs. Denn es gibt eine Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit. Möglicherweise halten alte Brücken mehr aus als bisher gedacht. Der in dieser Form einzigartige Versuch in Hammelburg soll helfen, die rechnerischen Modelle besser an das tatsächliche Materialverhalten anzupassen.
Der Versuchsaufbau besteht aus einem 32 Meter langen und 40 Tonnen schweren Stahlträger. Unter ihm sind sechs Zylinder montiert, die Kraft auf die Brücke ausüben. Nachdem Sebastian Gehrlein, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU, das Startsignal gegeben hatte, fingen zwei Kollegen an, Hydraulikaggregate mit fein dosierten Handgriffen zu regeln. Das hydraulische System brachte über die Zylinder Kraft auf die Brücke - in mehreren Schritten.

Über zweieinhalb Stunden zog sich die Prozedur hin. Wissenschaftliche Kollegen aus dem Bereich Geodäsie machten bei festgelegten Zwischenstufen Fotos und vermaßen die Brücke. Außerdem lieferten allerlei Sensoren Messdaten: Zur Anwendung kamen Kraftmessdosen, Dehnungsmessstreifen und ein relativ neues faseroptisches System. Dieses bestand aus Glasfasern, die auf den Betonträger geklebt waren und die Dehnung erfassten.

Die Daten der Faseroptik liefen in einem festen Zeitintervall in einem Container auf den Computermonitor ein, wo Isabella Schömig die Ausschläge auf den Diagrammen verfolgte. Schömig schreibt über die Auswertung und Anwendbarkeit des Systems ihre Masterarbeit. Weitere wissenschaftliche Arbeiten zu anderen Aspekten des Experiments werden Nebeneffekt des Großversuchs sein.

Als die Kraft langsam stieg, zeigten sich erste Biegerisse, und das Brückenfeld sackte bis zu vier Zentimeter nach unten durch, wie Gehrlein mit dem Zollstock überprüfte. Der Versatz war aber auch so gut zu erkennen. Jedoch erst, als der Druck des Hauptzylinders hochgedreht wurde und sich ein diagonaler Riss abzeichnete, wurde es spannend. Und als auf das rund 24 Meter lange Brückenfeld eine Kraft von insgesamt mehr als 300 Tonnen drückte, erreichte der Beton des Trägers seine Belastungsgrenze. Das Material gab nach. Ein Spalt blieb zurück.
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