Westheim bei Bad Kissingen
Einweihung

Jeder Name steht für ein Schicksal

Ein Gedenkstein mit Tafel erinnert nun an die vom NS-Regime verfolgten und ermordeten Juden aus Westheim. Der Platz vor der früheren Synagoge trägt jetzt den Namen von Benjamin Hirschenberger, einst Vorstand der jüdischen Gemeinde und engagierter Bürger.
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Zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes: Die Westheimer Ortsbeauftragte und Stadträtin Gabi Ebert und Hammelburgs Bürgermeister Ernst Stross enthüllen den Gedenkstein.  Foto: Gerd Schaar
Zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes: Die Westheimer Ortsbeauftragte und Stadträtin Gabi Ebert und Hammelburgs Bürgermeister Ernst Stross enthüllen den Gedenkstein. Foto: Gerd Schaar
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Die Anteilnahme der Bevölkerung war recht groß, rund 150 Bürger fanden sich am Sonntagnachmittag in der Paulstraße ein. "Niemals wieder in unserer Geschichte darf sich Erniedrigung, Hass und Vernichtung von Würde gegenüber Mitbürgern anderer religiöser, kultureller und ethnischer Zuordnung entwickeln", betonte Bürgermeister Ernst Stross in seiner Ansprache. Endlos lang schien die Liste der in der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Westheimer Juden, die von der Ortsbeauftragten und Stadträtin Gabriele Ebert, Monika Horcher und Günter Meilinger verlesen wurde.
Das alte Haus von Benjamin Hirschenberger (1852 bis 1904), Vorstand der ehemaligen israelitischen Kultusgemeinde Westheim, wurde in den 80er Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen. Wo früher ein Wohnhaus samt Gemischtwarengeschäft und Scheune stand, ist heute ein Parkplatz. Hirschenberger war auch Mitglied des Westheimer Gemeinderates und Mitbegründer der ansässigen Feuerwehr.
Zwei Nachfahren der Familie Hirschenberger, Yair Kochba und dessen Ehefrau Bracha, reisten extra aus Israel an, um an der Feier teilzunehmen. Michael Mence, der mit seiner Ehefrau Cornelia 2008 das Buch "Nachbarn der Vergangenheit - Spuren von Deutschen jüdischen Glaubens im Landkreis Bad Kissingen mit dem Brennpunkt 1800 bis 1945" veröffentlichte, übersetzte die Dankesworte von Bracha Kochba.
Eine musikalische Abordnung der Hammelburger Stadtkapelle spielte auf. Viele Würdenträger des öffentlichen Lebens zeigten genauso Präsenz wie die örtlichen Vereine mit ihren Fahnenabordnungen.

Ein Zeitzeuge erinnerte sich

"Das ist eine würdige Veranstaltung mit einer großen Ausstrahlung", meinte Siegfried Herterich, geboren 1932. "Noch 1943 ließen die Nazi-Schergen bei ihrer Verfolgung die Bettfedern aus den Fenstern der jüdischen Wohnungen fliegen", erinnert sich Herterich.
"Kinder empfinden Unrecht eher als Erwachsene", glaubt der Westheimer. Er habe damals gespürt, dass diese Brutalität schlecht gewesen sei. "Gut, dass wir heute ein Signal setzen, damit es keine Wiederholung solcher unmenschlich rohen Ungerechtigkeiten gibt", bekräftigte Herterich.
Gabi Eberts besonderer Dank galt dem 20-köpfigen Arbeitskreis "Letzte Spuren bewahren", der mit diesem Projekt abgeschlossen ist. Auch das Engagement des Westheimer Film- und Fotoclubs sei wichtig. "Denn nach Jahrzehnten wird man die Bilddokumentation dieser Feier gern anschauen", sagte Ebert mit Blick zum ehrenamtlichen Kameramann Walter Kolb. Eine Ausstellung des Clubs über diese Feier konnte sich auch Stross vorstellen.
Nach Mences Recherchen reichen die Wurzeln der Familie Hirschenberger in Westheim bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zurück. Und die ältesten der beim Hausabriss gefundenen Dokumente stammen aus dem Jahr 1840. "Mit der Enthüllung des Namensschildes soll auch künftig ein Bezug zur Person Benjamin Hirschenberger und dem jüdischen Leben in Westheim stets herzustellen sein", wünschte Stross bei der Enthüllung von Schild und Gedenkstein.
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