Geschichte

Gedenktafel für Hammelburger Juden

Am Seelhausplatz erinnert die Stadt nun namentlich an die jüdischen Bürger, die im Nationalsozialismus vertrieben, verschleppt und ermordet wurden.
Michael und Cornelia Mence, Bürgermeister Armin Warmuth und Altbürgermeister Ernst Stross enthüllen den Stein. Fotos: Gerd Schaar
 
von GERD SCHAAR
Am neu gestalteten Seelhausplatz haben Hammelburger der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Die entsetzlichen Ereignisse hätten auch vor Hammelburg nicht halt gemacht, sagte Bürgermeister Armin Warmuth. Er sprach vom "immer währenden Wundmal deutscher Geschichte".

"Die Vernichtung, das ist nicht so einfach. Es gab einen kleinen Schritt, und einen weiteren Schritt, und noch einen Schritt, Schritt, Schritt. Das ist Vernichtung."Dieses Zitat von Claude Lanzmann steht auf der anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht enthüllten Gedenkstele.

Mit ihr erinnern Stadt und Bürgerschaft an die "vertriebenen, verschleppten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger und all die namenlos Gebliebenen". Die 33 Namen auf der Tafel bezeugen ergreifende Schicksale: All diese Menschen starben in den Konzentrationslagern von Dachau, Theresienstadt, Auschwitz, Sobibor, Buchenwald und weiteren Orten.

Jüdisches Lied

Bei der Verlesung der Namen wurden Lichter, die zu einem großen Davidstern angeordnet wurden, angezündet. Etwa 100 Leute sangen ein jüdisches Lied mit. Eva-Maria Conrad, Harald Drescher und Andreas Strehler, allesamt Lehrer des Frobenius-Gymnasiums Hammelburg, begleiteten die Gedenkstunde musikalisch.

Pastoralreferent Markus Waite sagte: "Die christlichen Kirchen haben damals oft geschwiegen." Der evangelische Pfarrer Robert Augustin zitierte das Alte Testament, in dem die babylonische Gefangenschaft der Israeliten und deren Liebe zu Jerusalem auftaucht. "Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, kann uns Israel nicht gleichgültig sein", sagte er.

"Es ist eine Nacht, die in entsetzlicher Weise dokumentiert, wie sich Deutschland endgültig von allen moralischen und ethischen Grundsätzen abgewandt hat", erinnerte Warmuth an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Diese Nacht sei das Signal zum schlimmsten Völkermord gewesen. "Die Menschlichkeit, die Achtung von Würde und Leben, der Respekt vor dem anderen Glauben und der anderen Kultur - all das galt ab dieser Nacht nicht mehr", so Warmuth.

Verwüstung der Synagoge

In Hammelburg seien noch am Morgen des 10. November 1938 die Türen jüdischer Bewohner eingetreten worden, berichtete Warmuth. Das Mobiliar sei umgeworfen, Kleidung und Bettzeug aufgeschlitzt und aus den Fenstern geworfen worden. "In der ehemaligen Synagoge von Westheim wurde der Toraschrein aufgebrochen. Die Torarollen wurden herausgerissen und zusammen mit anderen jüdischen Kultgegenständen ins Feuer geworfen", sagte Warmuth.

Auch Untererthal blieb nicht verschont. "Es waren nicht nur ein paar Glasscheiben in der Reichskristallnacht, die durch ideologisch Verblendete zu Bruch gingen", meinte Warmuth.

Der Seelhausplatz sei als würdige Erinnerungsstätte der Stadt Hammelburg neu gestaltet. Der Bürgermeister dankte dem Arbeitskreis "Letzte Spuren bewahren" für die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Stadtgeschichte.

Erste Belege für jüdische Hammelburger konnte Cornelia Mence aus dem Jahr 1287 ausfindig machen. Sie berichtete von Judenverfolgungen im 14. Jahrhundert und dem anschließenden Judenschutz unter dem Kloster Fulda, der bis 1671 andauerte. Dann habe der damalige Fürstabt Joachim Graf von Gravenegg alle Juden aus dem Hochstift vertrieben.

Die ehemalige Synagoge am Seelhausplatz sei schon für das Jahr 1570 nachweisbar. Als normale Staatsbürger seien die Juden nach der Säkularisation (1806) in ganz Bayern integriert worden. Diese Integration habe bis 1871 gedauert. 23 jüdische Männer seien Soldaten im ersten Weltkrieg gewesen, wovon drei auf dem Schlachtfeld starben. "Die Dalbergstraße hieß bis in die 1930er Jahre noch Judengasse", erinnerte Mence.





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