Bad Brückenau
Integration

Geflüchtet: Von der Großstadt in die Provinz

Omar Khadje ist vor vier Jahren aus Aleppo geflohen. Heute ist der 32-Jährige froh, wieder einen Alltag zu haben. Ohne Auto wird der schwierig auf dem Land.
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Omar Khadje lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland. Der 32-jährige Syrer hat den Integrationskurs abgeschlossen. Jetzt soll er den nächsten Deutschkurs machen. In Schweinfurt - ohne Auto.  Fotos: Larissa Renninger
Omar Khadje lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland. Der 32-jährige Syrer hat den Integrationskurs abgeschlossen. Jetzt soll er den nächsten Deutschkurs machen. In Schweinfurt - ohne Auto. Fotos: Larissa Renninger
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Omar Khadje öffnet die schwere Holztür seiner kleinen Einzimmerwohnung im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses in Bad Brückenau. Auf den ersten Blick kann man nicht erkennen, dass Omar eigentlich Syrer ist - mit Shorts und T-Shirt steht er im Türrahmen und sieht dabei ziemlich europäisch aus. Auf Deutsch begrüßt er Elke Müller, eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, und bittet sie herein. Auf dem Wohnzimmertisch stehen Süßigkeiten und Kaffee bereit, daneben ein Schreiben vom Jobcenter.

Omar Khadje lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland. Zusammen mit seiner Mutter floh er schon 2013 mittels Schlepper von Aleppo in die Türkei. Dort verbrachte er zwei Jahre, bis er die Reise nach Deutschland antrat. Seine Frau lebt mit ihrer Familie immer noch in Syrien, sie studiert dort Biologie. Über Skype halten die beiden Kontakt. Seine Mutter, die an einer Herzkrankheit leidet, lebt weiterhin in der Türkei. Für Sie war die Reise nach Deutschland zu beschwerlich. Omar Khadje hat sie lange nicht gesehen, denn er darf legal nicht in die Türkei einreisen.

Hier in Deutschland hat Omar den Integrationskurs abgeschlossen und spricht bereits gut Deutsch, trotzdem widmet sich Elke Müller dem Brief vom Amt und übersetzt die komplizierte Amtssprache in einfache Worte.
Der 32-Jährige muss sich beim Arbeitsamt melden, denn er hat seit einigen Wochen einen Job.

In Syrien war Omar Khadje Französischlehrer, in Deutschland arbeitet er in einem Sägewerk. Er ist glücklich, dass er jetzt Arbeit gefunden hat, das hat er vor allem dem Engagement von Elke Müller zu verdanken. Die beiden lernten sich in der dezentralen Unterkunft in Zeitlofs kennen, wo Omar Khadje die ersten Tage verschwunden blieb.


Kulturen prallen aufeinander

"Er hatte einen Kulturschock", erzählt die ehrenamtliche Helferin lachend. Nach der beschwerlichen Flucht in die Türkei und dem Leben in engen Gemeinschaftsunterkünften in Schweinfurt und Bad Kissingen, war ihm das kleine Rhöner Dorf Zeitlofs nun zu viel. "Dort gab es einfach nichts", erklärt er entschuldigend. Nach wenigen Tagen, die er bei Freunden verbrachte, kehrte Omar Khadje zurück. Doch der Alltag in der Unterkunft ohne feste Strukturen, ohne eine Aufgabe wog schwer. Das Zusammenleben in der Unterkunft, in der die verschiedensten Kulturen und Lebensentwürfe aufeinanderprallten, gestaltete sich ebenfalls schwierig.

Elke Müller betreut ehrenamtlich mehrere Flüchtlingsfamilien in der Umgebung und hat viele herzerwärmende wie auch verrückte Geschichten auf Lager. "Die Leute müssen raus, in einen anderen Alltag. Sie müssen in Kontakt treten mit der Außenwelt, um Deutsch zu lernen", weiß Sie aus Erfahrung. Doch genau das ist mit vielen Hürden verbunden.


Am Abend fährt kein Bus mehr

"Die Integration auf dem Land läuft theoretisch besser ab, es gibt ausreichend Kindergartenplätze und Wohnraum. In einer intakten Dorfgemeinschaft finden sich eher Helfer und Freundschaften, doch da wäre das Problem mit der Infrastruktur. Ohne Auto ist man auf den Dörfern abgehängt. Findet man nun beispielsweise eine Stelle im Einzelhandel, endet die Schicht um 20 Uhr. Dann bringt Sie aber kein Bus mehr nach Hause.", erklärt Elke Müller.

Raus aus der Unterkunft und rein in den Arbeitsalltag. Genau das versuchte der Syrer, und mit der Hilfe der ehrenamtlichen Betreuerin fand er eine Wohnung in Bad Brückenau und eine Stelle beim Sägewerk Vorndran in Oberleichtersbach. Sein Chef, Philipp Vorndran, gab Omar Khadje eine Chance und ist bisher sehr zufrieden.
"Bis jetzt leistet Omar ordentliche Arbeit. Er ist immer pünktlich und integriert sich gut. Wir sind hochzufrieden mit ihm", lobt er den Syrer. Jeden Morgen wird Omar von einem Arbeitskollegen zum Sägewerk mitgenommen. Denn wie die meisten Flüchtlinge hat er keinen in Deutschland gültigen Führerschein. "In Syrien hatte meine Familie zwei Autos", erzählt er. Hier muss er für die Anerkennung seiner Fahrerlaubnis kämpfen und bezahlen.
Doch Omar Khadje beschwert sich nicht, er betont immer wieder wie dankbar er ist und dass er wahnsinniges Glück hat mit den hilfsbereiten Menschen, die ihn umgeben. Diese braucht es für eine gelungene Integration. Allerdings werden die Helfer immer weniger, erzählt Elke Müller. Offizielle Stellen, an die man sich wenden könnte, fehlen. Sie weiß oft nicht, was Sie Omar Khadje raten soll. Der Bürokratie-Dschungel bereitet viele Hürden. Sie hat dem Syrer gerade erst zu einer Arbeitsstelle verholfen, da flattert die Information ins Haus, dass Omar Khadje einen weiteren Deutschkurs absolvieren muss. Eventuell kann er den an einer Abendschule ablegen, um auch weiterhin arbeiten zu können. Die ist allerdings in Schweinfurt. Auch hier bereitet die ländliche Region mit schwachen Strukturen Probleme.
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