Bad Kissingen

Fastenzeit als Zeit der Befreiung

Am Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit zur Vorbereitung auf das Osterfest. Auch im Landkreis gibt es dafür Angebote
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Mehr Bewegung an der frischen Luft, das ist eine Möglichkeit für Pfarrer Gerd Greier, die Fastenzeit zu nutzen. "Dabei komme ich auch mit vielen Menschen in Kontakt", sagt er. Foto: Annett Lüdeke
Mehr Bewegung an der frischen Luft, das ist eine Möglichkeit für Pfarrer Gerd Greier, die Fastenzeit zu nutzen. "Dabei komme ich auch mit vielen Menschen in Kontakt", sagt er. Foto: Annett Lüdeke
Alle Christen sind während der Fastenzeit zu Buße und Besinnung aufgerufen. Viele verstehen Fasten noch immer als zeitweiligen Verzicht auf Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol und Zigaretten. Ist dieser traditionelle Brauch in Zeiten ganzjährigen "Diätenwahns" und zunehmender Aufgeklärtheit unserer Gesellschaft noch zeitgemäß?

"Die Fastenzeit vor Ostern ist immer noch aktuell", ist der katholische Pfarrer Gerd Greier in Bad Kissingen überzeugt. Zwar habe sich das herkömmliche Fasten im Sinne des Essensverzichts in heutiger Gesellschaft weitestgehend von der Fastenzeit gelöst. Doch ist sie für viele zumindest ein Ansporn zur Diät und "inneren Reinigung".

Auch Hubertus Wehner, der frühere Leiter der Bad Kissinger Kurgärtnerei, hielt sich über viele Jahre beim Fasten an diesen Zeitraum - nicht aus religiösen Gründen, eher weil es guter Brauch war und "weil es nach Weihnachten gut gepasst hat". In den ersten zwei Tagen trank er zur Entschlackung das Kissinger Bitterwasser, danach gab "ein Süppchen" und täglich vier Liter Wasser. "Das tat meinem Körper gut." Heute trinkt Wehner zwar immer noch Kissinger Heilwasser, ist allerdings im Rentenstand zum täglichen Intervallfasten übergegangen: "Ab 15 Uhr wird nichts mehr gegessen. Das bekommt meinem Körper besser." Doch noch immer verzichtet er zur österlichen Fastenzeit auf Alkohol.

Für Pfarrer Greier und seine Amtskollegen gehört zum Fasten heute aber weit mehr als der Essensverzicht. Der Kirche geht es vielmehr "um die innere Erneuerung des Menschen, um die Erneuerung der Beziehung zu mir, zu meinen Mitmenschen und zu Gott." Gerade in dieser Bedeutung wurde die Fastenzeit für viele Gläubige wieder wichtiger. Als Beweggrund sieht Greier den Bewusstseinswandel unserer Gesellschaft, den Willen zum Umweltschutz, "zum Erhalt von Gottes Schöpfung".

Hierfür sei die Aktion CO2 -Fasten des Bundes Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ) in der Diözese Würzburg ein deutliches Zeichen. Während beim CO2 -Fasten dazu aufgefordert wird, weniger Auto zu fahren, um die Luftverschmutzung zu mindern, so fordert die katholische Kirche ihre Gläubigen in der Fastenzeit zu innerer Einkehr auf, "mein Verhalten zum Besseren zu ändern, auf Schädliches zu verzichten, stattdessen meinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun". Beziehungspflege ist deshalb das Thema in Greiers Predigten zur Fastenzeit.

Den Begriff des Fastens allein auf Nahrungsverzicht zu beschränken, ist für Greier allzu oberflächlich, aber auch eine Form des Fastens. Gibt doch der zeitweilige Verzicht auf Essen, Alkohol und Zigaretten die Gelegenheit, sich auf jene Mitmenschen zu besinnen, die täglich unter existenzieller Not leiden müssen. Greier: "Deshalb sollte das durch den Verzicht gesparte Geld nicht in die eigene Urlaubskasse gesteckt, sondern besser für Bedürftige gespendet werden."

Greiers evangelischer Amtsbruder Marcus Döbert, überwiegend für die Kurseelsorge im Raum Bad Bocklet zuständig, hat "eine Renaissance der Fastenzeit" festgestellt. Obwohl Luther vor 500 Jahren Fastenzeit und Buße ausdrücklich abgeschafft hat, sind neue, moderne Bewegungen auch bei den Protestanten festzustellen - wie die Aktion "Sieben Wochen ohne", eine Fastenaktion der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), mit der die Gläubigen nicht nur zum Verzicht auf Süßigkeiten oder Nikotin, sondern zum "Fasten im Kopf" aufgefordert werden: Sieben Wochen lang die Routine des Alltags hinterfragen, eine neue Perspektive einnehmen und dadurch entdecken, worauf es wirklich im Leben ankommt. Döbert: "Für mich bedeutet Fastenzeit eine Gelegenheit, mich von schlechten Gewohnheiten und Abhängigkeiten zu trennen." Der evangelische Seelsorger denkt an immaterielles Fasten. "Sieben Wochen ohne Angst" war ein Motto zur Angstüberwindung im Alltag.

Das diesjährige Motto "Sieben Wochen ohne Kneifen" fordert dazu auf, Stellung zu beziehen, die eigene Meinung in der Öffentlichkeit auch selbstbewusst zu vertreten. "Die Fastenzeit gibt förderliche Impulse für eine neuzeitliche Spiritualität", ist Döbert überzeugt. Ähnlich sieht es sein evangelischer Kollege Gerd Kirchner in Bad Brückenau. "Im Oktober gibt es doch schon Schokoladen-Nikoläuse. Es gibt keine Höhepunkte mehr. Deshalb wollen die Menschen aus dieser Gleichförmigkeit und Gleichgültigkeit wieder herauskommen", hat er festgestellt. Mit stärkerer Betonung der Fastenzeit wird ein einzelner Abschnitt des Kirchenjahres bedeutungsvoll herausgehoben. "Der moderne Mensch will raus aus dem Alltagsautomatismus und wieder bewusster leben. Durch zeitweisen Verzicht bekommt er die Chance, das Verzichtete nach Wochen wieder neu zu entdecken." Mit seinem Amtsbruder ist Kirchner einig, im Fasten die soziale Komponente zu betonen. "Die Fastenzeit hat auch einen reinigenden Aspekt auf die Psyche."

Trotz moderner Interpretation des Fastens ist es Pfarrer Kirchner noch nicht gelungen, in Bad Brückenau spezielle Veranstaltungen und Exerzitien durchzuführen. Erste Versuche sind mangels Beteiligung gescheitert. Ebenso geht es Marcus Döbert in Bad Bocklet. In anderen Gemeinden, ob evangelisch oder katholisch, ist die Akzeptanz größer: So lädt Monika Hufnagel, die Gemeindereferentin der katholischen Pfarreiengemeinschaft Saalekreuz zu "ökumenischen Exerzitien im Alltag" mit Stille, Meditation und Gebet jeweils dienstags um 19:30 Uhr ins Pfarrhaus Langendorf (Elfershausen) ein.

Für manchen bringt die Fastenzeit große Herausforderungen - auch für Bad Brückenaus Pfarrer Gerd Kichner. "Ich verzichte in diesen Wochen auf mein geliebtes Feierabend-Bier. Das ist für mich eine echte Herausforderung. Aber in der Zeit des Fastens breche ich ganz bewusst mit meinen täglichen Automatismen." Auch Bad Kissingens Pfarrer Gerd Greier nutzt die Fastenzeit gezielt. "Mir geht es gar nicht ums Abnehmen." Trotzdem hat er sich mehr Bewegung an frischer Luft verschrieben. "Dabei komme ich auch mit vielen Menschen in Kontakt", sieht er den klaren Vorteil gegenüber dem Essensverzicht.

Schon vor Jahrhunderten hat man es mit dem Essensfasten auch nicht so genau genommen: Nicht ohne Grund heißen die schwäbischen Maultaschen im Volksmund "Herrgottsbscheißerle". Eine Legende besagt, dass Zisterziensermönche des Klosters Maulbronn in der Fastenzeit das Fleisch vor Gott verstecken wollten. Andere sagen solchen Frevel den Protestanten nach, die angeblich den ursprünglich nur mit Kräutern und Spinat gefüllten Teigtaschen heimlich Fleisch beigefügt hätten.
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