Schondra
Glaube

Rhön: Priester spricht über das katholische Rezept für die Liebe

Als Priester ist Sex für Gerhard Pfenning tabu. Mit der Kirmesjugend spricht er dennoch über Beziehungen, Moral und die Stufenleiter der Zärtlichkeit.
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Gerhard Pfenning macht gerade ein Praktikum als Pfarrvikar in der Pfarreiengemeinschaft Oberleichtersbach-Schondra. Ursprünglich stammt er aus dem Landkreis Würzburg. Foto: Ulrike Müller
Gerhard Pfenning macht gerade ein Praktikum als Pfarrvikar in der Pfarreiengemeinschaft Oberleichtersbach-Schondra. Ursprünglich stammt er aus dem Landkreis Würzburg. Foto: Ulrike Müller
Gerhard Pfenning stammt aus Kürnach im Landkreis Würzburg. Im Februar 1991 wurde er zum Priester geweiht, entschied sich aber nicht für die klassischen Aufgaben eines Pfarrers in einer Pfarrei. Als geistlicher Studienrat ging er stattdessen in den Schuldienst. In Aschaffenburg und Schweinfurt unterrichtete er jeweils zehn Jahre das Fach Religion. Im Moment unterstützt Pfenning vier Monate lang die Pfarreiengemeinschaft Oberleichtersbach-Schondra als Pfarrvikar. Danach wird er in einer anderen Rhöner Pfarreiengemeinschaft arbeiten.

Herr Pfenning, als geweihter Priester dürfen Sie gar keinen Sex haben, zumindest nicht offiziell. Was wollen Sie jungen Menschen also über die Liebe erzählen?
Gerhard Pfenning: Eine wesentliche Qualität des Lebens sind Beziehungen. Im Alter der Kirmesjugend geht es darum, zum anderen Geschlecht eine besondere Beziehung aufzubauen. Da gibt es eine breite Straße, die aber auf jeder Seite Gräben hat.

Wie meinen Sie das?
Der eine Graben sind Rumhurerei und One-Night-Stands. Da geht es nur um das Körperliche. Der andere sind Mauerblümchen und vergeistigte Typen, die "Die Leiden des jungen Werther" lesen, aber nicht den Mut haben, ein Mädchen anzusprechen. Ich möchte junge Menschen ermutigen, echt zu sein und in ihrer Echtheit als Person herauszufinden, wie Beziehung geht.

Die Kirche hat umfassende Moralvorstellungen von der Liebe. Welche Regeln halten Sie für unverzichtbar?
Zuerst, Verantwortung für sich, den Partner und die Beziehung zu übernehmen. Mein Gegenüber ist als Person wichtig und nicht für die Befriedigung meiner Bedürfnisse da. Es muss langfristig darum gehen, dass es beide wollen und ein innerliches Ja zueinander finden. Sie merken, ich spiele auf die Ehe an.

Das Kostbarste, was Menschen einander geben können, enthält die Kirche ihren Dienern vor. Ist das nicht zutiefst traurig?
Nein. Es ist eine Herausforderung, diese Lebensform zu gestalten. Wichtig ist es, eine geistliche Beziehung zu Jesus Christus zu pflegen. Und es geht nicht ohne Kompensation. Körperliche Aktivität ist wichtig, ich selbst bin zum Beispiel Tänzer. Ich mache Volkstanz und Standardtanz. Der Anspruch an einen Ehemann ist ja auch nicht einfach. Der Anspruch an die katholische Ehe ist schließlich: Du, nur du und du für immer.

Viele Menschen wünschen sich eine dauerhafte Beziehung. Beim Blick auf die Realität macht sich allerdings Ernüchterung breit. Warum knüpft die katholische Lehre die Ehe noch immer exklusiv an den einen Partner?
Jetzt kommt die fromme Antwort. Weil Jesus Christus dieses Ideal in der heiligen Schrift formuliert hat und es über Jahrhunderte eine positive Erfahrung ist, dass Paare 40 oder 50 Jahre verheiratet sein können.

Und die nicht fromme Antwort?
Es braucht eine Form. Als ich ein Bub war, wurde mit 18 Jahren geheiratet. Da kam die Pille gerade erst auf den Markt. Im Grunde geht es um die Verantwortung beim Geschlechtsverkehr, erst dann Kinder zu zeugen, wenn man als Paar den Weg gemeinsam gehen will.

In Ihrem Gottesdienst werden unweigerlich junge Menschen sitzen, deren eigene Beziehung in die Brüche gegangen ist oder deren Eltern geschieden sind. Welche Antwort geben Sie auf diese Erfahrungen von Enttäuschung, Verletzung und Scheitern?
Es gibt diesen Satz: Eine Ehe zerbricht nicht, sie vertrocknet. Bei der heilenden Seelsorge geht es darum, psychologische Erkenntnisse, persönliche Zuwendung und christliche Spiritualität zu verbinden. Wir sehen das ja auch in der heiligen Schrift, wie sich Jesus auf solche Menschen einlässt. Das ist mein Anspruch.

Wie ehrlich ist so ein Angebot, wenn wiederverheiratete Geschiedene noch immer nicht die Kommunion empfangen dürfen?
Ein Aspekt ist, dass die Kirche aus Idealen oft eine Norm macht. Diese Norm hat man jetzt über Jahrhunderte hochgehalten. Wir befinden uns mitten in einem Umbruch. Der Mensch ist frei und die Kirche steht vor der Herausforderung, diese Freiheit zu gestalten. Gleichzeitig gibt es aber auch die Angst davor, was passiert, wenn man die Menschen in diese Freiheit entlässt. Ich bin der Überzeugung, dass die Kirche einen barmherzigen und den Menschen zugewandten Umgang finden wird. In Schweinfurt zum Beispiel hat die Seelsorgekonferenz beschlossen, niemandem, der nach einer Scheidung wieder geheiratet hat, die Kommunion zu verweigern. Wichtig dabei ist, dass sich die Person mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt hat und eine echte Sehnsucht nach Spiritualität spürt.

Sprechen wir mal über gleichgeschlechtliche Liebe. Dürfen sich Homosexuelle in Ihrem Gottesdienst willkommen fühlen?
Das ist ein Thema, mit dem ich mich bisher nicht auseinandersetzen brauchte. Ich kenne nur vereinzelt Homosexuelle. Ich werde im Gottesdienst aber nicht unterscheiden, mit welcher Grundeinstellung jemand kommt. Papst Franziskus hat gesagt: Wer bin ich, dass ich Homosexuelle verurteile?

Wo steht die Moral der Liebe im Weg?
Wenn die Moral so eng ist und nur auf die Normen pocht und dem Menschen keine Verantwortung in eigener Freiheit zutraut, dann steht die Moral der Liebe im Weg.

Was sagen Sie Menschen, die noch nie oder lange nicht mehr geliebt haben?
Lebst du überhaupt noch? (Pause) Ich würde fragen: Kennst du diskrete Formen von Zärtlichkeit in deinem Umfeld? Kannst du offen sein, wenn dir jemand durch Zärtlichkeit Trost spendet? Kannst du einem anderen durch einfache, körperliche Gesten wie eine Umarmung Zuwendung geben? Der katholische Glaube kennt den Begriff der Stufenleiter der Zärtlichkeit. So etwas muss langsam wachsen.


Kirmesgottesdienste in Modlos und Breitenbach:
Am Wochenende gestaltet Gerhard Pfenning gemeinsam mit der Kirmesjugend zwei Gottesdienste, und zwar am Samstag, 11. November, um 18 Uhr in der Kirche in Modlos und am Sonntag, 12. November, um 10 Uhr in der katholischen Kirche in Breitenbach. In seiner Predigt spricht Pfenning über die katholische Jugend im Spagat zwischen Beziehung, Liebe und Sexualität.
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