Erinnerungen

Emotionale Reise in die eigene Vergangenheit

Unglaublich berührende Ereignisse hat Chester Rudnicki bei seinem Besuch in Deutschland erlebt. Mit seiner Tochter reiste er zurück in seine Kindheit.
Chester Rudnicki vor dem Bauernhof, in dem er als Kind fünf Jahre lang gelebte. Der Bauernhof wird im kommenden Jahr abgerissen.  Renee Triemstra
 
von STEPHANIE ELM
Jahrelang hatte Chester Rudnicki es aufgeschoben - so lange, bis seine Tochter Renee Triemstra es selbst in die Hand nahm: Die Reise zu den eigenen Wurzeln. Es wurde eine Reise in die Vergangenheit, geschichtlich und kulturell, aber vor allem emotional.
Der Höhepunkt für Chester Rudnicki aus Sterling Hights im US-Bundesstaat Michigan war, das Dorf seiner Kindheit zu besuchen. Im thüringischen Berteroda bei Eisenach erfuhr der 77-Jährige viele nette Begegnungen. Sein Vater Franciszek und seine Mutter Helena mussten 1945 mit dem damals fünfjährigen Chester aus Berteroda flüchten. Sie wurden - wie 20 000 andere "displaced persons" - in Wildflecken im Auffanglager untergebracht. Kurz darauf starb Chesters Mutter.
1951 ging Chester mit seinem Vater und seiner Stiefmutter mit Hilfe eines Auswanderungsprogramms der "International Refugee Organization" (IRO) über den Großen Teich in die USA. Eine Bekannte hatte im vergangenen Jahr den Kontakt zu dem Oberbacher Walter Kömpel hergestellt. Mit ihm fuhren Chester und Renee nun nach Berteroda und waren absolut perplex. Wen Walter Kömpel in dem 140-Seelen-Dorf auch ansprach, jeder wusste etwas über Chester zu berichten.


Zu Tränen gerührt

Ein Mann aus dem Nachbarhaus kannte auch noch seinen Spitznamen: "Chesiu". "Diesen Namen hatte ich seit über 70 Jahren nicht mehr gehört", ist Chester zu Tränen gerührt. Dieser Spitzname war ausschließlich seiner Mutter vorbehalten, nur sie durfte ihn so nennen. Der Nachbarsjunge hatte die Mutter wohl öfter Chester - die amerikanisierte Form von Cheslaw - mit diesem Namen rufen hören. Eine weitere Nachbarin, Helene Kransch, wusste noch, dass der damals kleine Junge viel zu große Stiefel hatte, aber nichts zum Spielen. Stattdessen war er öfters mit Kartoffelsortieren beschäftigt gewesen. Die heute 92-Jährige hatte ihm - damals im Teenageralter - ein Buch und ein Spielzeug geschenkt.


Eisblumen am Fenster

Immer mehr Erinnerungen werden geweckt und verstärkt. Beim Anblick des Bauernhofs, in dem Chester mit seinen Eltern fünf Jahre verbracht hatte, dachte er sofort an die Eisblumen, die er gerne an der Fensterscheibe angesehen hatte. Der Bauernhof soll im kommenden Jahr komplett abgerissen werden. Auch beim Spaziergang durch Wildflecken gab es für Chester einige Déja-Vus. In einer Fahrzeughalle erkannte er die einstige Kirche, neben der er als Kind fotografiert worden war. Beim Anblick der heutigen Postfiliale hatte Chester den Geschmack von Schokoladentorte auf der Zunge, denn vorher war hier die Bäckerei gewesen. Andere kulinarische Eindrücke ließen ebenfalls die Vergangenheit aufleben: Kartoffelknödel!


Zehn Tage durch Europa

Renee Triemstra hatte sich bereits viele Jahre mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt: "Ich habe darüber gelesen, aber trotzdem ist es unvorstellbar, wie schwer das Leben damals gewesen ist." Chester und Renee tourten nun zehn Tage durch Europa, um mehr darüber zu erfahren. Sie starteten in der Ukraine, wo das Elternhaus von Chesters Vater gestanden hatte. Die nächste Station war Dubno im heutigen Polen. Dort fanden sie das Geburtsdatum von Chesters Mutter heraus, was ein großes Glück war, denn es gibt in Polen nicht viele Melderegister aus dieser Zeit. Beim Sichten der Unterlagen erfuhren sie auch, dass die Mutter einen Zwillingsbruder hatte, der jedoch im Alter von zwei Monaten gestorben war.


Anfang und Ende

Mit Walter Kömpel besuchten sie die Kaserne in Wildflecken und den Polenfriedhof. Auf der dortigen Gedenktafel fand Chester die Todesdaten seiner Mutter. "Wir haben Anfang und Ende ihres Lebens in Erfahrung gebracht," sagt Renee Triemstra, immer noch tief bewegt. Auf der Gedenktafel sind auch die Sterbedaten von Chesters Großmutter zu lesen. Sie war wenige Jahre nach Chesters Mutter gestorben. Der US-Amerikaner wusste bis zu seinem Besuch auf dem Polenfriedhof nicht, dass sie dort beerdigt worden war.

Neben vielen genealogischen Erkenntnissen war es für die beiden auch eine geschichtliche und kulturelle Reise. Begeistert sind Vater und Tochter von den vielen alten Schlössern und Burgen, den historischen Städten und von der Rhön: "Diese Gegend ist außergewöhnlich schön", schwärmen sie. Viele nette Menschen hatten sie kennen gelernt, die ihnen auf ihrem Weg behilflich waren.
Renee Triemstras Wunsch war es, über die Vergangenheit ihres Vaters mehr zu erfahren. Bei Familienfeiern in den USA kommt die Verwandtschaft ihres Mannes mit allen Tanten, Onkeln und Cousins, doch Verwandte von Chester kommen nicht. "Unsere Erwartungen sind mehr als übertroffen worden," strahlen Chester und Renee. "Wir haben viel gelernt." Die 43-Jährige vergleicht dies mit dem heutigen Leben und möchte, dass ihre Töchter verstehen: "Es gibt größere Probleme als fehlendes Wlan."

In Berteroda kannten die Nachbarn auch noch Chesters Mutter. Sie sei klein und sehr attraktiv gewesen. Chester ist dankbar und froh, solch "lohnende Erfahrungen" gemacht zu haben, denn ihm war nichts von seiner Mutter geblieben, nicht einmal ein Bild. Dieser eine Wunsch ist offen geblieben. "Je älter ich werde, desto mehr wünsche ich mir ein Bild von meiner Mutter", sagt Chester. Mit vielen unvergesslichen Eindrücken sind Vater und Tochter wieder in ihre US-Heimat geflogen mit dem festen Vorsatz, nächstes Jahr mit der ganzen Familie wieder zu kommen.
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