Bad Brückenau
Interview

"Wir brauchen SuedLink nicht ... "

Franz Zangs Ansicht ist, dass die Energiewende auch anders geht. Als Vorsitzender der Kreisgruppe vom Bund Naturschutz geht es ihm nicht in erster Linie darum, die Stromtrasse durch die Rhön zu verhindern. Er denkt weiter.
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Franz Zang Foto: Ulrike Müller
Franz Zang Foto: Ulrike Müller
Franz Zang ist Vorsitzender der Kreisgruppe vom Bund Naturschutz (BN) und engagiert sich im Vorstand der Brückenauer Bürgerinitiative "Sinntal gegen die Stromtrasse". Mit einer gewissen Beharrlichkeit weist er bei Informationsveranstaltungen zu SuedLink immer wieder darauf hin, dass der Übertragungsnetzbetreiber TenneT im Prinzip keine anderen Interessen hat, als SuedLink zu bauen. Die politischen Rahmenbedingungen stecken andere ab. Im Interview mit der Saale-Zeitung spricht Zang über die Energiewende, die Beschwerde des BN beim Europäischen Gerichtshof und ein winziges Detail, das in der Diskussion gerne vergessen wird.

Herr Zang, eine erste Frage: Sind Sie persönlich davon überzeugt, dass die Energiewende, so wie sie jetzt umgesetzt wird, Sinn macht?
Franz Zang: Wenn Sie die "Energiewende" meinen, wie sie im Moment von der Bundesregierung beschlossen ist, dann wird das nicht gelingen - oder der Preis wird so hoch sein, dass wir ihn eines Tages nicht mehr bezahlen wollen und können. Das aktuelle Konzept liefert kein Schutzinstrument gegen die Zerstörung unserer Landschaft; und der ungebremste Ausbau von Braun- und Steinkohlekraftwerken gefährdet den Klimaschutz.

Die Bürger als Opfer des geplanten Energiekonzepts ... Geht das nicht ein bisschen zu weit?
Wenn Sie damit die Bürger dieses Landkreises meinen, dann ist das so. Ich kann ein Zitat der Staatssekretärin Dr. Anita Brey er vom Umweltministerium nicht mehr vergessen. Sie sagte auf einer Tagung zu den Themen Stromtrassen und Wind im November letzten Jahres wortwörtlich: "Die Energiewende findet im Raum statt." Genau das erleben wir mit SuedLink im Moment. Und sie fügte dem hinzu: "Wenn es eng wird, dann fällt auch das Tabu, in den Landschaftsschutzgebieten der Rhön, auch in der Hochrhön, Windräder zu bauen."

TenneT bezeichnet SuedLink als "Hauptschlagader der Energiewende". Wessen Herz schlägt da?
Vielleicht eine der Hauptschlagadern einer zentralistischen Energieversorgung! Aber stellen wir uns einfach vor, viel mehr Bürger würden mit PV- oder Kraftwärme-Kopplung-Anlagen einen Teil ihres Stroms selbst produzieren, zudem würde vor allem die Industrie konsequent Effizienzmaßnamen umsetzen und, drittens, die Region würde sich aufraffen, unser bestehendes Stromnetz regional auszurichten. Wozu, glauben Sie, wären Tausende von Lobbyisten der großen Energieversorger und Netzbetreiber, die sich auf den Fluren von Brüssels und Berlins Schaltstellen der Macht tummeln, dann noch gut?

Sie fordern also eine regionale Energieversorgung. Ist das denn realistisch?
Wir fordern keine "regionale Energieversorgung", sondern eine "Regionalisierung" der Energieversorgung. Das Erstere würde ja bedeuten, dass wir gänzlich unabhängig vom Hochspannungsnetz würden, das wäre wirklichkeitsfremd. Das Zweite meint, dass eine regionale Vermarktung von Strom im Mittelspannungsnetz entsteht, die die Höchstspannungsnetze nicht berührt. Die Stromüberschüsse der vielen Anlagenbetreiber (PV, Wind, KWK, Biogas...) in der Region würden dann auf kurzem Weg zu den Verbrauchern fließen. Tatsache ist jedoch, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen noch nicht auf diese regionale Stromversorgung ausgerichtet sind. Das z. B. wäre ein wichtiger Baustein der gewünschten Energiewende.

Aber es gibt doch schon erneuerbare Energie in Bürgerhand. Auf vielen Dächern sind zum Beispiel Solaranlagen installiert.
Im Augenblick liefern im Landkreis etwa 3000 PV-Anlagen auf Dächern acht Prozent unseres Stroms. Insgesamt werden etwa 18 Prozent des Stroms im Landkreis von Wind, Sonne, Biomasse und Wasser erzeugt. Dieser Anteil wird sich im Laufe des Jahres deutlich erhöhen (etwa auf 30 Prozent), wenn die WKA ans Netz gehen, die gerade gebaut werden. Insgesamt aber ist die Strategie der Bundesregierung nicht geeignet, hier große Veränderungen zu bewirken. Vor allem die hohe Akzeptanz von PV-Anlagen sollte dazu genutzt werden, größere Anreize zum weiteren Ausbau zu schaffen - wir brauchen ja auch Strom für eine neue Form der Mobilität. Obwohl sich also der Weg in ein Zeitalter ohne fossile Brennstoffe als machbar abzeichnet, werden in der Bundesrepublik weiterhin neue Kohlekraftwerke gebaut.

Laut TenneT wird der Anteil an Kohlestrom, der durch SuedLink fließt, nur marginal sein.
Welcher Strom letztlich in dieser Leitung fließt , das kann TenneT gar nicht sagen, das ist nicht ihr Job. Sie bauen und betreiben lediglich die Trasse. Dieses Argument von TenneT gehört sicherlich in die Abteilung "Strategien der Verdummung".

Der Bund Naturschutz hat beim Europäischen Gerichtshof Be schwerde eingelegt.
Hier geht es um die Vorgaben für die Modellierung einer sicheren Stromversorgung, also um die Frage, wie denn ein zukünftiges Versorgungssystem aussehen soll. Hier hat sich die Bundesregierung ohne Prüfung von Alternativen auf ein zentralistisches Stromversorgungssystem festgelegt. Dezentrale Stromversorgungssysteme wurden weder von der Bundesnetzagentur noch vom Wirtschaftsministerium überhaupt in Erwägung gezogen! Genau hier setzt diese Beschwerde an.

Sie sagen, die Schienen werden in die falsche Richtung gelegt ... aber irgendwoher muss unser Strom doch kommen.
Wie viel Strom brauchen wir denn? "So viel, damit wir gut leben können!", wäre eine gute Antwort. Aber die ständig steigenden Verbräuche zeigen uns, dass wir eine nach oben offene Wunschliste nicht nur für Energie haben. Die offene und öffentliche Diskussion der Frage "Wie viel ist genug?" lässt sich auf Dauer nicht vermeiden - es sei denn, wir ignorierten Themen wie Gerechtigkeit, Menschenwürde oder Landschaftsschutz. Die Sprachlosigkeit in diesen Fragen der Moral ist wohl auch ein Grund für die Wirkungslosigkeit der Tonnen von Infobroschüren zum Thema Energiesparen.

Landrat Thomas Bold hat bereits mehrfach juristische Konsequenzen angekündigt, sollte SuedLink durch das Biosphärenreservat ge baut werden. Der richtige Weg?
Es ist sicherlich richtig, jede Möglichkeit zu nutzen, die Zerstörung unseres Landschaftsbildes zu verhindern. Aber wir erwarten mehr, denn die Bemühung, die Trasse einfach um unseren Landkreis herumzuführen, ist kein überzeugendes Handlungsprinzip. Sie löst das Problem ja nicht, denn wenn wir unseren momentanen Verbrauch - Speichermöglichkeiten vorausgesetzt - z. B. über zusätzliche Windkraftwerke decken wollten, müssten wir nochmals etwa 70 Anlagen bauen!

Was können die Bürger tun, um sich gegen die Trasse zu wehren?
Der Rückzug ins Private ist der sicherste Weg, eine Gesellschaft den Interessen von Großkonzernen preiszugeben. Deshalb ist es so wichtig, dass die Bürgerinitiativen so engagiert sind und sich in die Materie eingearbeitet haben. Tatsächlich haben ihre Vertreter bei ihrem Besuch in Bonn erfahren müssen, dass TenneT an Möglichkeiten der Stromspeicherung und des Stromsparens überhaupt nicht interessiert ist. Es geht TenneT nicht um das Gemeinwohl. Deshalb auch ist der Begriff "Bürgerenergiewende" so wichtig, er weist darauf hin, dass es Sache der Bürger ist, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden. Wünschenswert wäre es, wenn die BIs auch zu Motoren z. B. von Bürgerenergiegesellschaften werden könnten.

Wie bewerten Sie die Aussicht auf Erfolg? Kämpft hier nicht David gegen Goliath?
Danke, dass Sie mir zum Schluss dieses hoffnungsvolle Bild anbieten. In der Tat sehen die BIs und die Gegner des gerade beschlossenen Energiekonzepts mit ihren Mitteln wie der kleine, aber furchtlose David aus: Die HGÜ Südlink wurde im Bundesbedarfsplangesetz 2013 beschlossen, Gesetze jedoch unterliegen der politischen Entscheidung. Der Unmut der Bürger und Bürgerinnen in Bayern über die neuen HGÜ-Trassen ist sehr hoch. Wir bauen darauf, dass uns eine Revision des Energiekonzepts und damit der Trassenplanung gelingt - wir leben in einer Demokratie.
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