Umwelt

Die reißende Sinn als Müllkippe

Der Fischereiverein Bad Brückenau startet jedes Frühjahr die "Aktion Gewässerreinigung". 30 Helfer sammelten am Samstag jede Menge Müll ein.
Nicht ungefährlich, was Wolfram Hoppe hier macht: Teils bis zur Brust im Wasser watend, holt er Plastikabfälle aus der Sinn. Foto: Karlheinz Franz
 
von KARLHEINZ FRANZ
Das gesamte Spektrum der heutigen Wegwerfgesellschaft ist Mitgliedern des Fischereivereins Bad Brückenau am Wochenende vor Augen geführt worden. 30 Unentwegte sammelten bei teils strömendem Regen säckeweise Unrat von den Ufern der Sinn zwischen Riedenberger Autobahnbrücke und Wernarzer Sinnbrücke.

Im Fluss selbst machten die Sportfischer dieses Mal nicht Jagd auf Äsche, Bach- und Regenbogenforelle. Teils bis zur Brust im eiskalten Wasser watend, holten sie stattdessen alte Eimer, Plastikfolien und anderes Gerümpel zur Entsorgung an Land.

Mit Gewässerreinigung ist alljährlich im Frühjahr der erste Termin für die Petrijünger aus Bad Brückenau überschrieben. "Erstaunlich, wie viele Bereitwillige sich heuer an der Aktion beteiligt haben", freute sich Vorsitzender Armin Sauermann über die gute Resonanz. Während Ehrenmitglied und Dritter Vorsitzender Erwin Trapp das Fischerhaus mit einigen Helfern auf Vordermann brachte, organisierte Gewässerwart Michael Kramer die abschnittsweise Reinigung von Uferstreifen und Flussbereichen.


Flaschen in Hülle und Fülle

"Bewaffnet" mit großen Mülltüten und teils auch mit Harken machten sich die Dreier- und Vierertrupps ans Werk. Suchen mussten die Petrijünger nicht lange. Schnell füllten sich die großen Sammelbeutel mit allem möglichen Wegwerf- und Treibgut. Das Entsorgen leerer Flaschen in der Sinn - zumeist von hochprozentigen Alkoholika stammend - scheint eine Art sportliche Übung zu sein. Unzählige kleine und große Flaschen wanderten in die Tüten. Besonders beliebt scheint Wodka bei den anonymen Alkoholikern zu sein. Aussortierte Flip-Flops, abgetragene Turnschuhe und signifikant viele leere Hüllen von CDs und DVDs fanden sich in Ufernähe. "Vermutlich alles Diebesgut", mutmaßt Gewässerwart Kramer. Selbiges könnte auch für Teile eines hochwertigen Herrenrades der Marke Cannondale zutreffen. Feinsäuberlich verpackt in Plastiksäcken fanden die Helfer einen Rahmen und einen kompletten Rädersatz. "Wer werden die Teile der Polizei übergeben", sagte Sauermann.


Styropor in allen Varianten

Was den Sammeltrupps neben den unzähligen Flaschen noch außerordentlich viel Arbeit bereitete, war Styropor in allen Stärken und Größen. Angefangen vom Handteller großen Stück bis zum halben Quadratmeter klaubten die Petrijünger Polystrol en Masse auf. "Vermutlich weht der Wind das Dämmmaterial von Baustellen davon. Die Sinn transportiert es dann weiter."

Buchstäblich zum Naserümpfen war und ist auf einer Wiese unweit der Stadt die bis auf zwei Meter an das Ufer der Sinn ausgebrachte Gülle. "Das ist absolut nicht in Ordnung. Hier ist ein Mindestabstand von fünf Metern zwingend vorgeschrieben. Schon bei starkem Regen zeichnet sich ab, dass Gülle in die Sinn eingeschwemmt wird und den Fischen sowie allen Kleinstlebewesen schadet", kritisiert Fischereiaufseher Erwin Trapp massiv.


Seltsame Fundstücke

Was hatten die Bad Brückenauer Sportfischer sonst noch in ihren großen Sammeltüten? Alte Werkzeugkoffer, ein Markierungspfahl des Nordic-Walking-Parcours, leere Gasfeuerzeuge, Tetrapacks in allen Größen und Sorten, Plastiktüten, Getränkeflaschen aus Plastik, nicht zuletzt Papierabfälle vom Parkschein bis zur zermatschten Illustrierten. Weitere Fahrradteile, eine Euro-Palette, eine Radzierblende mit Stern, ja sogar einen alten Traktorreifen förderten die fleißigen Sammler ans Tageslicht. Auch ein Behälter mit zahlreichen Muttern und Scheiben aus dem Bereich des Gleisbaus wurde in der Nähe des "Eisernen Stegs" gefunden. Natürlich ebenfalls mit dabei: Einwegbecher und -schalen aus dem Fast-Food-Bereich.


Achtloses Wegwerfen

Von 7.30 bis 14.30 Uhr waren die Petrijünger beiderseits der Sinn unterwegs, haben sich Tausende Male gebückt und gesammelt wie die Weltmeister. Sie können guten Gewissens von sich behaupten, einen wichtigen Beitrag im Sinne der Umwelt geleistet zu haben. "Wir werden diese Form der Gewässerreinigung fortsetzen, weil es leider Gottes viel zu viele Menschen gibt, die alle nur erdenklichen Ver- und Gebrauchsgegenstände achtlos wegwerfen", kündigt Vorsitzender Armin Sauermann weitere Reinigungsaktionen entlang der Sinn an. Für die Helfer gab es als Dankeschön anschließend eine kleine Brotzeit und Getränke im Fischerhaus.
Apropos Flaschen: Die Handvoll Mitglieder der Jugendgruppe um André Strauss hatte Tage zuvor weit mehr als 100 Flaschen aus dem Kanal im Bereich des Siebener Parks geholt - Gitterbox, Skateboard, Popo-Putscher und weiteren Unrat inklusive. Und noch eine kleine Flasche geht in die Annalen der Reinigungsaktion ein: Einer der Sammler hat einen Flachmann gefunden. Darin ein stark parfümierter Zettel mit einem aufgemalten Herz und dem Namen "Alex" in der Mitte. Welches Mädchen oder Dame diese Flaschenpost auch immer aufgegeben hat: Sie wird den Adressaten wohl nie mehr erreichen.
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