Bad Brückenau
Weihnachten

Bad Brückenau: Richardt W. feiert allein

Kommunen sind verpflichtet, Obdachlose unterzubringen. Auch die Stadt Bad Brückenau stellt eine Wohnung zur Verfügung. Ein Besuch in der Wiesenstraße.
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In der Obdachlosenunterkunft in Bad Brückenau gibt es sechs Plätze. Einer ist momentan belegt. Foto: Ulrike Müller
In der Obdachlosenunterkunft in Bad Brückenau gibt es sechs Plätze. Einer ist momentan belegt. Foto: Ulrike Müller
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Leuchtende Kinderaugen, Geschenke und verführerischer Duft aus der Küche - das bedeutet für viele Menschen Weihnachten, und das ist schön. Manche aber bleiben lieber für sich, weil sie die Harmonie nicht ertragen können. Andere fürchten den Streit. Wieder andere starren aus dem Fenster auf die beleuchtete Stadt voll Trauer über einen schmerzhaften Verlust, und mancher ist ganz und gar allein übrig geblieben. So wie Richardt W.. Er ist etwas über 70 Jahre alt und lebt - eigentlich übergangsweise - in der Obdachlosenunterkunft der Stadt. Im April wurde seine Wohnung geräumt.


Musik spielt, es ist aufgeräumt

Richardt öffnet die Tür, lässt die unangemeldeten Gäste herein. Musik spielt leise im Radio, es ist aufgeräumt. In der Küche liegen Zwiebeln, schon geschält. Richardt kocht gerade. Es ist warm, die Sonne scheint durch die Fenster. Sie wurden wohl schon lange nicht mehr geputzt. Das Bad - spartanisch eingerichtet, aber sauber - reicht aus, auch für mehrere. Zwei Toiletten. Der Mann mit den grauen Locken spricht viel, über das Unrecht, das ihm im Leben widerfahren sei. "Man sollte einen Menschen nicht wie ein Schwein behandeln, sondern wie einen Menschen", sagt er. Es sprudelt aus ihm heraus.

"Die Unterkunft ist nicht schlecht, aber natürlich nur mit dem Nötigsten ausgestattet", berichtet Michael Worschech, Bereichsleiter Bürgerbüro bei der Stadtverwaltung. Das Haus - Einheimischen als ehemalige Druckerei Dernbach bekannt - liegt hinter den Stadtwerken. Im Zuge des Baus der Entlastungsstraße habe das Straßenbauamt das Haus gekauft, später ging das Gebäude an die Stadt über, berichtet Worschech. Im Jahr 1990 wurde die Wohnung zur Unterkunft für Obdachlose umgebaut.

Unterkünfte wie diese, übrigens, sind der Grund, warum Flüchtlinge auch nach der Anerkennung ihrer Asylanträge noch so lange in den Unterkünften bleiben dürfen, bis sie eine Wohnung gefunden haben. Denn würden die Menschen auf der Straße stehen, Städte und Gemeinden sind verpflichtet, sie aufzunehmen - und die Kosten dafür zu tragen. In Bad Brückenau sind die Aufwendungen für die Wohnung in der Wiesenstraße überschaubar: eine geringe Summe für die Grundreinigung ist stets im Haushalt eingeplant. Dazu kommen rund 500 Euro jährlich für Wasser und Strom. Die Bewohner werden pauschal an den Kosten beteiligt.


Gesundheitsamt gleich nebenan

Richardts Zimmer ist gemütlich. Ordentlich stehen etliche Paar Schuhe an der Wand aufgereiht. Wäsche hängt an einem Schrank auf Bügeln. Der Mann hat gelbe Vorhänge angebracht, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen. Insgesamt gibt es drei Zimmer, eins ist abgesperrt. Die Wände sind kahl, die Betten einfach und mit nur dünnen Matratzen darauf.

Keine hundert Meter entfernt sitzt Harald Bohne. Seit 26 Jahren arbeitet er im Gesundheitsamt, berät Schwangere und Familien, ist Ansprechpartner bei Suchtproblemen. Zwei bis drei Mal betreute er Obdachlose. "Das bekommen wir nur am Rande mit", sagt er."Das ist in Bad Brückenau kein Thema."

Weihnachten, das werden in der Wiesenstraße wohl Tage sein wie alle anderen auch. Richardt W. bleibt allein. Er ist versorgt. "Hier habe ich meine Ruhe", sagt er und es klingt durchaus zufrieden.
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