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Gesundheit

Gewalt in der Pflege: Was tun, wenn Opa plötzlich ausrastet?

Gewalt in der Pflege ist ein großes Tabuthema, vor allem wenn sie von Demenzkranken ausgeht. Sie gefährden dabei sich sowie Pfleger und Familienangehörige.
Gewalt in der Pflege ist ein großes Tabuthema, vor allem wenn sie von Demenzkranken ausgeht. Sie gefährden dabei sich selbst sowie Pfleger und Familienangehörige. Immer öfter muss auch die Bad Kissinger Polizei eingreifen. Foto: Fotolia
 
von KATHRIN KUPKA-HAHN
Hildegard * (Name geändert) kann sich noch gut erinnern. Eines Nachts stand der demente Vater mitten in ihrem Schlafzimmer. Er wollte auf die Toilette. Also stand sie auf und begleitete ihn. So spielte es sich eine ganze Weile jede Nacht ab. "Bis ich einmal unsere Wohnungstür abschloss", erzählt sie. Daraufhin eskalierte die Situation und der Vater rastete total aus, hämmerte mit aller Gewalt gegen die Tür. "Ich dachte, er tritt sie ein. Ich hatte richtig Angst", schildert Hildegard.
Bisher war der über 80-Jährige ein ruhiger Mensch gewesen, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Solange, bis die Demenz die Regie übernahm und sein Wesen komplett veränderte. "Er benutzte plötzlich schlimme Ausdrücke, die ich vorher noch nie von ihm gehört hatte", erzählt die Tochter. Zudem beschimpfte er alle in der Familie, wurde zusehends unruhiger und aggressiver. "Einmal hat er mich richtig fest am Arm gepackt und geschüttelt." Manchmal sei der Vater so böse gewesen, da habe sie sich gewünscht, dass er einfach die Treppe runterfällt. "So verzweifelt war ich", gibt sie offen zu.


Kratzen, beißen und schubsen

Geschichten, wie diese, sind kein Einzelfall. Das bestätigt auch der Betreiber eines Pflegeheims im Landkreis, der anonym bleiben möchte. "Erst vor Kurzem ist bei uns eine Patientin so durchgedreht, ist bei Eiseskälte auf der Straße stehen geblieben, dass ich die Polizei rufen musste", erzählt er. Seine Pflegedienstleiterin ergänzt: "Kratzen, beißen und schubsen, das kommt immer wieder vor."

Alltag ist es aber für sie nicht, denn der Unternehmer und seine Mitarbeiter sind im Umgang mit Demenzkranken geschult, haben den Pflegebetrieb entsprechend konzipiert und ausgestattet. "Wir schließen unsere Bewohner beispielsweise nicht weg, auch nachts nicht", sagt er. Schließlich sei bei Dementen der Tagesrhythmus gestört, zudem hätten sie manchmal Ängste. Wichtig sei deshalb, sie tagsüber ausreichend zu beschäftigen, sie in den Alltag im Heim oder in der Familie einzubeziehen. "Ihnen ein würdevolles Leben ermöglichen", fügt der Heimbetreiber hinzu.

Wichtig sei außerdem, sämtlichen Stress und Familienstreitigkeiten von ihnen fernzuhalten. "Demenzkranke spüren, wenn sich beispielsweise die Kinder nicht einig sind, ob sie im Pflegeheim oder lieber zu Hause gepflegt werden sollen." Dieses Abgeben sei ein großer Schritt, eine riesen Schwelle. "Das ist vielen nicht bewusst. Manchmal geht es soweit, dass es Familien zerstört", schildert der Pflegefachmann seine Erfahrung.

Deshalb geht er offen mit den Angehörigen seiner Bewohner um, spricht Probleme und Auffälligkeiten an. "Wirklich nur im worst case, wenn eine Selbst- und Fremdgefährdung vorliegt, rufen wir die Polizei", sagt er. "Geschätzt einmal pro Woche werden wir zu so einem Fall gerufen", sagt Christian Pörtner, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Bad Kissingen, auf Nachfrage dieser Zeitung. Eine genaue Statistik darüber werde aber nicht geführt. Die Einsatzorte sind verschieden: Pflegeheime, Krankenhäuser, Reha-Kliniken und andere Betreuungseinrichtungen. "Wir sind halt ein seniorenlastiger Landkreis", fügt er hinzu. Doch wie geht es mit dem Menschen weiter, der durch seinen Ausraster sich und andere Menschen gefährdet? "Meistens werden die Patienten in eine Einrichtung des Bezirks nach Lohr oder Werneck gebracht", weiß Pörtner. Für eine dauerhafte Einweisung jedoch sei ein richterlicher Beschluss des Betreuungsgerichtes notwendig.

Wie oft Fälle von Demenzkranken behandelt werden, wird im Amtsgericht Bad Kissingen nicht erfasst. "Wir ordnen im Jahr rund 400 Unterbringungen an. Drei bis vier davon betreffen Demenzkranke", sagt Hubertus Petrik, der stellvertretende Direktor. Einzig die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) liefert belastbare Zahlen. Laut einem Pressesprecher wurden 2015 in den deutschlandweit versicherten 630 000 Pflegeeinrichtungen und Kliniken rund 1430 meldepflichtige Arbeitsunfälle angezeigt, die durch Gewalt, Angriff oder Bedrohung verursacht wurden.
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