Bad Kissingen
Palastrevolution

Überraschung aus Südkorea

Der Pianist Seong-Jin Cho ist in Europa noch nicht allzu sehr bekannt - obwohl er es sein sollte. Er spielte bei Werke von Mozart, Beethoven und Chopin.
Artikel einbetten Artikel drucken
Der Koreaner Seong-Jin Cho im Oberen Lesesaal. Foto: Gerhild Ahnert
Der Koreaner Seong-Jin Cho im Oberen Lesesaal. Foto: Gerhild Ahnert
Man hätte es wissen können, schließlich war Seong-Jin Cho Dritter beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb und hat den Chopin-Wettbewerb in Warschau Ende 2015 gewonnen. Aber wenn man nicht aus einer amerikanischen Pianistenschmiede kommt wie Lang Lang, hat man es schwerer, ein internationales Medienecho zu bekommen.
Im jugendstilig-schönen Ambiente des Oberen Lesesaals waren neben klavierinteressierten Festivalbesuchern die ersten beiden Reihen fast völlig in der Hand seiner Fans aus Korea.
Was Seong-Jin Cho aus den Tasten zauberte, ließ aufhorchen: ein Programm mit Werken von Großmeistern der Wiener Klassik auf der einen und der französischen Romantik auf der anderen Seite, Bewährtes von Mozart, Beethoven, Chopin, oft und von vielen Interpreten Gehörtes, schwieriges Terrain für einen Newcomer.
Schon bei Mozarts Sonate F-dur KV 332 wurde deutlich, was die Gründe sind für die momentan steile Karriere des 23-Jährigen aus Seoul. Er bestach von Anfang an durch die Fähigkeit, das Stürmische mit dem Innigen, Heiteren zu kontrastieren, Vorwärtsdrängen mit großer Sanglichkeit zu verbinden, auch rasant genommene Verzierungen überaus sauber zu spielen, sich nie in hingehuschte Bedeutungslosigkeit zu verlieren. Er fand eine spannende Balance zwischen Mozarts ernsten Momenten und spielerischer Ausgelassenheit und auch seine Trugschlüsse witzig-neckisch herauszuspielen.
Mit Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 8 c-moll, der "Pathétique", begab er sich vollends auf gefährliches Gelände. Da hat jeder Pianofreund in Europa eine genaue Vorstellung davon, wie da was zu spielen ist. Cho tat es beinahe unbekümmert, stellte mit eminenter Treffsicherheit und dezentem persönlichem Pathos die Melodielinien heraus und führte sie zum fulminanten Höhepunkt. Nicht zu langsam nahm er den Mittelsatz, ließ die innere Spannung durch eine prononciert vorwärtsschreitende linke Hand nie abreißen. Den Schlusssatz gestaltete er sehr fröhlich mit eindrucksvoll zarten Anfängen und einer beeindruckenden Anschlagtechnik. Cho erfand die Pathétique nicht neu, aber überzeugte durch eine klare Konzeption unter Vermeidung eingefahrener Floskeln.
Frederic Chopins Etüden Nr. 1, 2, 10 und 12 münden in die dem Motto der "Palastrevolution" entsprechende Revolutionsetüde c-moll op. 10/12. Hier führte er den stürmischen Beginn weiter in eine fast wütend vorgetragene Akkordfolge. Und gestaltete deutlich hörbar die Reste des Aufruhrs in der linken Hand, während insgesamt schon Ruhe eingekehrt ist. In den ersten beiden bestach die kristallklare Gestaltung der Melodie in der linken Hand unter den raffinierten Verzierungen in der rechten. Lediglich in Nr. 10 As-dur op. 10/10 ließ er im Mittelteil einen etwas verunklärenden Pedaleinsatz zu.
Die vier Balladen bezeugten gerade durch ihren größeren Umfang, welch guter Gestalter Cho ist. In Nr.1 in g-moll op. 23 und Nr. 2 in F-Dur op. 38 stellte er lyrische Passagen und schroffe Dramatik ohne Scheu auch vor schrillen Tönen einander effektvoll gegenüber. Bei Nr. 3 in As-Dur op. 47 lotete er nach einem heiter singenden Beginn die Punktierungen sehr bewusst aus und steigerte die Bewegung bis zu einem ausgelassenen Ende. Sehr zart begann er Nr. 4 in f-moll op. 52 und schuf in der Folge ein spannendes Wechselspiel von Exaltiertheit und empfindsamer Delikatesse.
Man sollte Seong-Jin Cho im Auge behalten, vielleicht auch beim Kissinger Sommer.
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren