Bad Kissingen
Theater

Nichts läuft zunächst nach Plan

"Herbstgold", eine "Romanze" von Folke Braband, stand im Kurtheater auf dem Programm.
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Eigentlich wollen Lena und Felix (Sarah-Elena Timpe und François Goeske, links) nur Lenas noch immer auf den längst verstorbenen Ehemann fixierte Mutter Alice (Simone Ritscher) durch die Begegnung mit Felix' Vater Richard (Tilo Keiner) aus ihrer Einsamkeit locken, aber alles kommt anders in der Romanze "Herbstgold".  Foto: Gerhild Ahnert
Eigentlich wollen Lena und Felix (Sarah-Elena Timpe und François Goeske, links) nur Lenas noch immer auf den längst verstorbenen Ehemann fixierte Mutter Alice (Simone Ritscher) durch die Begegnung mit Felix' Vater Richard (Tilo Keiner) aus ihrer Einsamkeit locken, aber alles kommt anders in der Romanze "Herbstgold". Foto: Gerhild Ahnert
Sie meinen es gut, die beiden jungen Leute, die gerade "zusammen" sind, und wollen ihren alleinstehenden Elternteilen das Leben schöner, weniger einsam machen. Das Zentrum des Lebens von Lenas Mutter Alice ist auch 25 Jahre nach dessen Tod noch der Friedhof mit dem Grab ihres Ehemannes. Sie soll nun mit dem Vater von Lenas Freund Felix bekannt gemacht werden, dessen Frau ihn verließ, als Felix noch ein Kind war.


Es kommt alles anders

Unkompatibler könnten die beiden Alten nicht sein. Felix' Vater Richard ist keineswegs einsam und alles andere als vergangenheitsfixiert. Er ist ein Frauensammler, braucht den neuen Kick mit jungen Frauen und zeigt sich deshalb wenig erfreut darüber, dass er die fast gleichaltrige Mutter der Freundin des Sohnes treffen soll. Und bei diesem Rendezvous läuft dann eben auch nichts nach Plan.
Frauenheld Richard hat nur Augen für Alices Tochter Lena und kann sich gar nicht mehr daran erinnern, dass er einst Alice dem nun schon so lange betrauerten Gatten ausgespannt hat. Alice ist wie vom Donner gerührt, erkennt sie in ihm doch die "Liebe ihres Lebens", für den sie damals Mann und Tochter bedenkenlos aufgegeben hätte - hätte Richard sie nicht nur als vorübergehende Liebschaft betrachtet. Beim arrangierten Treffen der beiden flammt die Liebe sofort wieder auf. Doch verliebt sie sich halt nicht in den gealterten Schürzenjäger mit seinen abgestandenen Witzen, sondern in dessen junge Version, seinen knackigen 30-jährigen Sohn Felix, der nicht gealtert ist, sondern genauso aussieht wie ihr ein ganzes Leben bewahrtes Traumbild. Richard ist das völlig egal, denn in sein Beuteschema passt nur Lena, die er mit jahrelang erprobter Charmeoffensive auch für sich erobert, schließlich fühlten sich weder Felix noch sie in ihrer "offenen" Beziehung gebunden. Und Alice? Die kriegt ihr Traumbild. Und die heimliche Beziehung der beiden überdauert ein ganzes, außerordentlich glückliches Jahr, da sie es schaffen, alle Vorurteile wegen ihres Altersunterschieds einfach nicht an sich herankommen zu lassen.


Wohlstrukturierte Geschichte

Aufgrund dieser wohlstrukturierten Geschlossenheit, der Knappheit der einzelnen Szenen und der Aussagekraft der Dialoge erinnert "Herbstgold", eine "Romanze" von Folke Braband, mit der eine Tourneetruppe der Theater-Gastspiele Fürth im Kurtheater gastierte, an die großen, perfekt gebauten Klassiker des angelsächsischen Boulevards und liefert wunderbares Rollenmaterial für vier Schauspieler.
Zwischen den beiden Bühnenbildern mit dem leuchtenden Herbstlaub im Friedhof wechseln die Szenen relativ schnell in ein Fitnessstudio, in dem sich Vater und Sohn treffen, in Felix' Junggesellenwohnung und Alices Wohnung.
Viele Wechsel für eine Tourneebühne, den Bühnenbildner Horst Rohmer-Kreller mit vier aussagekräftigen selbsttragenden Kulissen, die wie ein Buch ihres Lebens von den vier Darstellern bei den Szenenwechseln aufgeschlagen werden konnten, sehr geschickt löste. Im Bühnenvordergrund das Nötigste an Requisiten, Tische, Stühle, eine Bank, eine Standuhr; eine nette Idee die echten Fitnessgeräte.
Auf relativ unverstelltem Raum konnte entfalten, was sich im Falle des erfahrenen Playboys mit seinem Erfolg bei jungen Frauen erstmal wie eine uralte Geschichte anlässt, aber bei der Liebe zwischen einem jungenhaften 30-Jährigen und einer fast 60-Jährigen nicht so ganz leicht zu bewerkstelligen scheint. Mit äußerst rollenkonform ausgewählten, ausgezeichneten Schauspielern und einer sehr detaillierten Personenregie, schaffte es Regisseur Thomas Rohmer aber, weder das eine klischeehaft, noch das andere aufgesetzt erscheinen zu lassen.
Mit Tilo Keiner hatte er einen Richard engagiert, der von Anfang an klar machte, dass hinter der Fassade des albern witzelnden und in ständiger Anmache begriffenen Don Juan noch eine andere, verletzlichere und sensiblere Person steckt, sodass die grundlegende Wandlung, die er im Laufe des Stücks nimmt, durchaus plausibel erscheint.


Glaubwürdig besetzt

Lena entspricht am Anfang ganz dem Schema der vergnügungssüchtigen, männer- und erlebnishungrigen jungen Frau, die aber durch die Liebe zu ihrer sie nach dem frühen Tod des Vaters allein erziehenden Mutter Alice durchaus eine Erdung zu haben scheint, die sie am Ende auch zu einer richtigen Beziehung führen kann. Sarah-Elena Timpe jonglierte diese beiden Wesenszüge, zeigte den Wandel ihrer Gestalt sehr geschickt und ihren Weg zu Ernüchterung, Trauerfähigkeit und Vernunft sehr eindrucksvoll.
François Goeske spielte in allen Phasen glaubwürdig den lieben und sensiblen Jungen Felix, der unter den Eskapaden, der Beifall heischenden Witzmanie und dem ständigen Potenzgerede seines Vaters leidet, aber in seiner echten Begeisterung für und Liebe zu Alice sexuelles Verlangen, Glück und Zufriedenheit ausstrahlte.
In ihrer Rolle als Alice war Simone Ritscher die absolut dominante Person auf den Brettern: blendendes Aussehen, eine vollkommen natürlich wirkende Körpersprache, eine für jeden spürbare Bühnenpräsenz schon als verhärmte ältere Frau auf der Friedhofsbank. Es gab keinen Zweifel an ihrer Anziehungskraft für den um so viele Jahrzehnte jüngeren Mann. Ein rundum stimmiges Ensemble mit großer Spiellust.


Kräftiger Applaus

Was kann man an einem eiskalten Spätherbstabend Besseres tun, als sich von ausgezeichneten Schauspielern eine solche ebenso raffiniert in Szene gesetzte wie anrührende Geschichte vorspielen zu lassen? Das Publikum im Kurtheater war am Ende begeistert und holte die Truppe mit kräftigem Applaus ein ums andere Mal vor den Vorhang.
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