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"Gefangene fielen tot aus den Waggons"
Der Geschichtskreis Hammelburg befasste sich mit dem Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Lager Hammelburg 1941-1945. Er sieht schwerste Verbrechen gegen das humanitäre Völkerrecht.
In den Jahren 1941 bis 1945 wurde Hammelburg zum Schauplatz furchtbarer Kriegsverbrechen der Gestapo und der deutschen Wehrmacht an sowjetischen Kriegsgefangenen. Dies geht aus einer Forschungsarbeit und Dissertation des Historikers Dr. Reinhard Otto hervor, mit dessen Erkenntnissen sich der Geschichtskreis in einem Vortrag befasste. Zeitzeugen aus Hammelburg waren zum Vortrag gekommen, um von ihren Erinnerungen zu berichten.
"Alleine wie die russischen Gefangenen transportiert wurden, war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen die Haager Konventionen", erklärte Zeitzeuge Fritz Kühnlein aus Pfaffenhausen. Er war 1941 Lehrling in einer Schreinerei am Hammelburger Bahnhof und sah die Gefangenentransporte ankommen. "Sie kamen ja von sehr weit her, zum Beispiel aus dem Süden der Ukraine, und hatten tagelang nichts zu essen und zu trinken bekommen. Sie fielen tot aus den Waggons, verhungert und verdurstet."
Im Winter waren die Leichen gefroren. "Es gab auch Fälle von Kannibalismus. All dies habe ich mit eigenen Augen gesehen." An einen Transport erinnert sich Kühnlein besonders. Es war Hochwasserzeit in Hammelburg. "Als die Russen das Wasser sahen, stürzten sie sich in die Fluten der Saale, um endlich trinken zu können."
Im Juli 1941 bestimmte das Oberkommando der deutschen Wehrmacht den Truppenübungsplatz Hammelburg zum einzigen Kriegsgefangenenlager für Sowjet-Offiziere auf deutschem Reichsgebiet. Entlang der gesamten Frontlinie des Russlandkrieges, vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer, kamen die sowjetischen Offiziere, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, nach Hammelburg.
18 000 Häftlinge
Insgesamt wurden 18 000 Offiziere der Roten Armee im Lager Hammelburg in den Jahren 1941/1942 registriert. Nicht eingerechnet sind in diese Zahl diejenigen, die auf dem Transport starben oder auf dem Fußmarsch zum Lager tot zusammenbrachen. Nur wer lebend im Lager ankam, erhielt eine Erkennungsmarke und wurde in einer Personalkarte datenmäßig erfasst.
Der Historiker Dr. Reinhard Otto hat erforscht, dass der erste Transport russischer Offiziere um den 20. Juli 1941 den Hammelburger Bahnhof erreichte. Es waren ca. 1200 Mann. Am 10. August betrug die Zahl der registrierten Sowjet-Offiziere bereits 4753, darunter waren auch hochrangige Generäle der Roten Armee. Prominentester Häftling des sowjetischen Offizierslagers Hammelburg (Oflag XIII D bzw. Oflag 62) war der älteste Sohn Stalins, Jakow Dschugaschwili, auch "Jascha" genannt, der am 14. April 1943 im KZ Sachsenhausen unter nicht geklärten Umständen ums Leben kam.
Mitte August 1941 begann die Gestapoleitstelle Nürnberg im Hammelburger Oflag XIII D auf der Grundlage des "Kommissarbefehls" mit der Aussonderung jüdischer oder politisch tätiger Offiziere der Sowjetarmee, der sog. Politkommissare. "In der Regel wurden die Geständnisse unter Folter erpresst", schreibt Dr. Reinhard Otto in einem 2002 veröffentlichten "Gedenkbuch" für die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Lager Hammelburg.
Die Offiziere wurden von der Gestapo gezwungen, Kameraden zu denunzieren. Das Oflag XIII D auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg war ein Folterlager. Im Dezember 1942 wurde das Lager aus bislang nicht geklärten Gründen aufgelöst. "Die russischen Offiziere waren auf einmal alle weg", bestätigen auch Zeitzeugen. Nur noch im Mannschaftslager Stalag XIII C gab es fortan russische Gefangene. Auch dort war die Gestapo Nürnberg tätig und nahm Aussonderungen vor.
Wer von der Gestapo als "untragbares Element" eingestuft wurde, erhielt einen roten Stempel in die Personalkarte mit den Worten "An Gestapo überwiesen". Dies bedeutete die völkerrechtswidrige Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und letztendlich das Todesurteil. Die betroffenen sowjetischen Offiziere oder Soldaten wurden meist noch am selben Tag nach Dachau transportiert und auf dem Schießplatz Herbertshausen erschossen.
Dr. Reinhard Otto hat herausgefunden, dass insgesamt mindestens 1100 Sowjet-Offiziere aus dem Lager Hammelburg in Herbertshausen erschossen wurden. Ihre Namen und biografischen Daten werden noch erforscht. Aus dem Hammelburger Mannschaftslager Stalag XIII C wurden ca. 1000 sowjetische Soldaten selektiert und in Herbertshausen ermordet, weil sie Juden waren. Insgesamt wurden ca. 2100 sowjetische Kriegsgefangene aus dem Lager Hammelburg im KZ Dachau (Außenlager Herbertshausen) erschossen.
Tod im Lager
Daneben starben im Lager Hammelburg in den Jahren 1941 - 1945 exakt 2987 sowjetische Offiziere bzw. Soldaten an Hunger, Unterernährung, Krankheit und gezielt unterlassener bzw. verweigerter ärztlicher Hilfeleistung des leitenden NS-Lagerarztes. Sowjetische Kriegsgefangene wurden vorsätzlich schlechter ernährt und medizinisch vernachlässigt. Sie waren der Willkür der Gestapo und der verantwortlichen nationalsozialistischen Lagerleitung schutzlos ausgeliefert.
In der 3. Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen, die auch von Deutschland 1929 völkerrechtsverbindlich unterzeichnet worden war, hieß: "Kriegsgefangene sind unter allen Umständen menschlich zu behandeln (Artikel 13). Streng verboten sind insbesondere ihre Tötung, jede Gefährdung ihrer Gesundheit, Gewaltanwendung, Folter, Verstümmelung, medizinische Experimente, Bedrohung, Beleidigungen, Erniedrigungen und das öffentliche Zurschaustellen, ebenso Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen. Das Leben, die körperliche Unversehrtheit und die Ehre von Kriegsgefangenen sind unter allen Umständen zu schützen (Artikel 14)." Petra Kaup-Clement
Quelle Dr. Reinhard Otto, "Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/1945", Oldenburg-Verlag 1998















