Bad Kissingen
Eröffnungskonzert

Kissinger Sommer: So kann es weitergehen

Hilary Hahn und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen eroberten das Publikum im Sturm.
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Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen eröffnete zum ersten Mal den Kissinger Sommer. Foto: Ahnert
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen eröffnete zum ersten Mal den Kissinger Sommer. Foto: Ahnert
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Es muss so etwas wie Liebe auf den ersten Ton gewesen sein: die ersten Bravos schon nach der Einleitung, Robert Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale. Da hat Otto Normalkonzertbesucher normalerweise das Blättern in seinem Programm beendet und stellt sich allmählich aufs Zuhören ein. Und dann so etwas!
Nein, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi hat die Kissinger-Sommer-Besucher - in diesem Jahr übrigens auffallend viele Auswärtige - regelrecht überfallen und entwaffnet mit ihrem musikantischen Schwung, mit ihrer ganz offensichtlichen Spielfreude, mit ihrer Virtuosität und Präzision. Da wurde sofort deutlich, was Kammerorchester im Idealfall meint: kammermusikalisches Musizieren, bei dem jeder Verantwortung übernimmt, als hänge der Erfolg zu allererst von ihm ab, bei dem sich niemand hinter dem anderen versteckt. Lebendiger, mitreißender kann Musizieren nicht sein. Und es fällt schwer, seine Superlative nicht gleich zu Beginn des Festivals zu verbrauchen.


Auf gleicher Wellenlänge

Also zurück auf den Boden. Den Bremern eilt der Ruf voraus, man würde Schumann oder Brahms oder Beethoven völlig anders und neu hören, wenn sie deren Musik spielen. Das stimmt, und dafür gibt es auch ganz sachliche Gründe. Zum einen haben sich die Bremer 2008 für Paavo Järvi entschieden, weil der auf deren Wellenlänge liegt. Sie bräuchten ja eigentlich gar keinen Dirigenten, aber Paavo Järvi ist einer, der die Musik bis ins kleinste Detail analysiert und dann schaut, wie man diese Kleinteile so zusammensetzt, dass sie ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, aber in diesem Ganzen sich behaupten. Oder anders gesagt: Wer die Bremer hört, hört auch die kleinste Melodielinie, hört plötzlich neue Zusammenhänge oder Begründungen für Entwicklungen, die bei anderen, auch guten Orchestern untergehen, weil die Dirigenten sie nicht erkennen oder sie ihnen nicht so wichtig sind - oder sie eher auf Gesamtklang als auf Struktur zielen. Ein erfreulicher Nebeneffekt war, dass Schumanns "kleine Sinfonie" bei diesem gestalterisch enormen Zugriff überraschend modern und heutig klang, auch wenn sie gleichzeitig ihren romantischen Impetus auslebte, stark auf intensive Dramatik zielte.
Der andere Grund: Die Streicher sind nicht so üppig besetzt wie bei den großen Orchestern, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts sich etablierten. Das macht den Klang weniger pastos, dafür durchhörbarer, greifbarer, klarer. Es geht nichts in der Masse unter.
Auf das 4. Violinkonzert von Henri Vieuxtemps durfte man gespannt sein - ein Werk, das noch nie beim Kissinger Sommer zu hören war. Es war schon deshalb interessant, weil Vieuxtemps wie sein Fast-Zeitgenosse Paganini als Virtuose gefeiert wurde. Aber es zeigte sich sehr schnell, dass er ein erheblich besserer Komponist als der Genues "Teufelsgeiger" war. Sein Konzert ist richtig schöne Musik, die zwar enorme Vituosität fordert, sie aber nicht schwitzend zur Schau stellt. Und die auch für das Orchester viel zu bieten hat.
Genau das Richtige für Hilary Hahn. Sie ging mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit und Ruhe an die Arbeit. Technisch blitzsauber, gelang es ihr, in den drei schnellen Sätzen die Schwierigkeiten vergessen zu machen und statt dessen den musikalischen nach vorne zu holen. Dabei fand sie zu einem wunderbaren Zusammenspiel mit dem Orchester, das sich eine große, partnerschaftliche Selbstbewusstheit erlauben konnte. Der Effekt waren echte, nachvollziehbare Dialoge, die nicht im virtuosen Blendwerk untergingen, waren Ausbrüche des Orchesters, in denen sich die Solistin trotzdem behaupten konnte, ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Und zwar so komplex, dass am Ende des dritten Satzes plötzlich Applaus aufkam. Das kommt davon, wenn man den mit dem Impetus eines Finalsatzes spielt. Ein wunderschöner Kontrast dazu war der langsame Satz, wunderbar lyrisch gesungen in Dialogen der Solistin mit den Bläsern und Streichern, wobei jeder einmal den Vortritt hatte. Man spürte, dass da wirklich eine gemeinsame Erarbeitung dahinter stand.


Es geht auch ohne Stradivari

Was übrigens auch angenehm auffiel: Hilary Hahn spielt keine Stradivari, sondern eine wunderbare Violine, die der Pariser Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume 1864 gefertigt hat. Sie ist zwar der Nachbau einer Guarneri del Gesù, denn Vuillaume war ein Anhänger des Cremonenser Idealklangs - den übrigens auch nicht alle Stradivaris erreicht haben. Dafür hat er einen Klang erzielt, der vielleicht nicht so rund ist wie der italienische, aber absolut klar, wesentlich direkter und durchsetzungsfähig. Da kann man leichter bei einem Konzert wie dem von Vieuxtemps die Balance in Richtung Orchester verschieben, weil sich die Violine stärker behaupten kann.
Zwei Zugaben spielte Hilary Hahn aus den Sechs Sonaten und Partiten von Bach mit toller gestalterischer Übersicht: die E-dur-Gigue und die h-moll-Sarabande.
Ja und dann die von vielen wirklich erwartete 2. Sinfonie von Johannes Brahms. "Neu gehört" ist ein schwer zu fassender Begriff, "anders gehört" vielleicht treffender. Denn die Bremer spielten mit den routinierten Hörerwartungen, indem sie genau diese Routine ankratzten. Schon der Beginn klang keineswegs selbstsicher, sondern wie ein Hineintasten in die Musik mit kleinen Pausen des Nachdenkens und der Neuorientierung. Und sie machen die Sache spannend, wobei Paavo Järvi eigentlich nicht mehr viel zu tun hat: Sie zwingen zum Zuhören, weil sie tatsächlich ein paar Neuigkeiten zu sagen haben, etwa von der vorwärtstreibenden Kraft der plötzlich hörbaren Synkopen im ersten Satz. Oder von der Individualiserung und Aufwertung der einzelnen Stimmen, was ja genau das ist, was die Romantik will. So entstehen eine starke Emotionalisierung und größte Spannung. Wobei Paavo Järvi natürlich genau weiß, wie man die erzeugt: durch eine starke, aber sinnfällige Dynamik. Im letzten Satz hält er den Deckel so lange auf der Musik, bis sie gar nichts anderes mehr kann als in einem hymnischen Choral zu explodieren.
Zwei Ungarische Tänze von Brahms spielten die Bremer als Zugabe: raffinierte Küche, endlich mal mit scharfem Paprika gewürzt.
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