Bad Kissingen
Dezibel

Kissinger Sommer: Nigel Kennedys krachende Genialität

Nigel Kennedy & Co. waren mit ihrem Jimi-Hendrix-Project zu Gast beim Festival.
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Schön, dass er seinen Unmut über den traditionellen Konzertbetrieb so überwindet: Nigel Kennedy beim Open Aiur im Luitpoldpark. Foto: Gerhild Ahnert
Schön, dass er seinen Unmut über den traditionellen Konzertbetrieb so überwindet: Nigel Kennedy beim Open Aiur im Luitpoldpark. Foto: Gerhild Ahnert
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"Kissinger Sommer Goes Crossover" - das ist ein echtes Ausrufezeichen einer neuen Zeit. Bisher haben meist ältere Herrengemeinschaften (die durchaus ihre Meriten haben) die Jazzsparte abgedeckt. Und David Garrett, der "Crossoverer" schlechthin, der die Jugend magnetisiert, hat im Großen Saal ganz brav Beethoven und Vivaldi und Brahms gespielt. Und plötzlich kommt Nigel Kennedy mit seiner Band und seinem "Jimi Hendrix Project" - und sogar mit der Kammerakademie Potsdam - und bricht im eigentlichen Sinn des Wortes über den Luitpoldpark herein.
Man sitzt bei idealem Open-Air-Wetter - nicht zu warm, nicht zu kalt - in der freudig gestimmten Menge. Was hat man sich eigentlich erwartet? Man schaut sich um und stellt fest, dass das Publikum im Durchschnitt nicht viel jünger ist als im Großen Saal. Klar, hier werden zwei Musiker verhandelt, zu denen die Jugend nie einen direkten Bezug hergestellt hat. Als Jimi Hendrix starb, waren die heute 46-Jährigen noch gar nicht geboren, als Nigel Kennedy als punkendes Enfant terrible der Klassikszene mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" - eine Einspielung, die man heutzutage durchaus als bieder bezeichnen kann - die Charts stürmte, waren die 30-Jährigen noch nicht so ganz auf der Welt. Kennedy ist heute 61. In dem Alter war Beethoven schon vier Jahre tot, Jimi Hendrix 34 Jahre. Das Publikum ist mit seinem Star gealtert. Doppelte Denkmalpflege? Eher nicht. Wer in die Reihen schaut, sieht gespannte Erwartung auf den Gesichtern.
Geschrei hinter der Bühne kündigt den Auftritt an: erst die Kammerakademie, 20 Leute ganz in schwarz, dass man auf der nachtschwarzen Bühne nur Gesichter und Hände sieht, also echter Mummenschanz. Und dann die Band. Kennedy gibt erwartungsgemäß das große Kind, den großen Kindskopf - mit halblangem Spielhöschen und einem giftgrünen Fantasie-Fußballtrikot - so dass man sich freut, dass Aston Villa auch unter den Laubfröschen einen Fan hat. Und völlig überdreht begrüßt er mit kumpelhafter Ghettofaust seine vier Kollegen, die er eine Ewigkeit von zwei Minuten nicht mehr gesehen hat. Nur die etwas lichter gewordene Punktolle verrät, dass er etwas älter sein muss als er wirkt. Aber als er sich direkt an das Publikum wendet, erweist er sich als ein ausgesprochen charmanter und versierter Conferencier, der mit seinem antrainierten Ostlondoner Akzent ("OI'm Noigel") seine nicht ganz spontanen Anekdoten erzählt. Dass er sich ausgerechnet die Kissinger Rosenkönigin Nina Dees im Publikum als Fokussierungspunkt aussucht, spricht ja nicht gegen ihn.
Und dann kracht's plötzlich los. Man erschrickt geradezu, überprüft aufgrund des enormen Schalldrucks seine eigene Herzfrequenz und beginnt, aus dem Krach die Musik heraus zu sortieren. Und man macht erstaunliche Entdeckungen. Auch wenn auch noch die letzte technische Neuerung zum Einsatz kommt (sehr gut ausgesteuert!), auch wenn sich Nigel Kennedy einen abgeigt, als ginge es um sein Leben, überrascht die Musik durch klare, variable Strukturen, nimmt sie, auch wenn man sich zumindest zu Beginn noch gegen die Dezibelüberflutung wehrt, die volle Aufmerksamkeit für sich ein. Und es dauert auch nicht lange, bis in den Publikumsreihen die "rhythmische Gymnastik" einsetzt. Man kann es verstehen.


Altbekanntes in neuer Machart

Es sind die bekannten Titel von Jimi Hendrix wie "Purple Haze", "Little Wing", "Are You Expierienced?", "Voodoo Child", "Third Stone from the Sun", "The Wind Cries Mary" oder "Crosstown Traffic", bei denen sich die Band bedient hat. Aber es ist erstaunlich, wie schnell der in den Hintergrund tritt, weil die Band, unter Wahrung der Wurzeln, etwas ganz Neues, Eigenes gemacht hat. Aber Nigel Kennedy hat auch wirklich gute Leute an seiner Seite: die beiden Gitarristen Doug Boyle und Julian Buschberger ("the Wunderkind"), die ihn nicht nur kreativ begleiten, sondern auch fanatisevolle Soli spielen. Die Passagen, in denen Kennedy mit ihnen - elektrisch oder akustisch - jammt, gehören zu den absoluten Höhepunkten der leisen Passagen. Dazu der E- und Kontrabassist Tomasz Kupiec, der, zu Beginn noch etwas wirkungslos, zu großer, durchaus auch poetischer Form aufläuft. Und der Drummer Adam Czerwinski. Also, dass er am Anfang draufhaut wie ein Militärtrommler, der die Truppen in den Schlacht führen muss, versteht man ja, denn er tut da ja nichts anderes, er muss den Haufen auf Spur bringen und zusammenhalten. Aber dann wünscht man ihm schon etwas mehr Flexibilität und Eleganz. Manche seiner Passagen tun wirklich körperlich weh.
Die Kammerakademie Potsdam hat eine ein bisschen undankbare Aufgabe mit ihren Arrangements, die Nigel Kennedy extra für dieses Konzert geschrieben hat. Man sieht sie oft nur spielen, aber man hört sie nicht, weil der Streicherklang völlig untergeht. Aber wenn man sie in leiseren Passagen hört, ist das ein wunderbarer lyrischer Kontrast oder perkussiver Hintergrund zu den Solisten.
Nein, es macht einfach Spaß, die ganze Truppe mit ihren vielen Variationen in Besetzung und Stil und in einem dank Jimi Hendrix komplexen Zusammenhang zu hören. Es ist nicht alles stilrein, was da musiziert wird, aber darauf kommt es auch nicht an, sondern auf ein mitreißendes Spiel, auf das Wecken von Begeisterung, auf die Gruppendynamik. Und man bestaunt die Virtuosität des Geigers, lässt sich gerne auch mal ein bisschen davon blenden. Dass Nigel Kennedy an technische Grenzen stoßen könnte, den Eindruck hat man nie. Dazu ist die Situation letztlich auch zu entspannt.
Und es gibt ja auch nicht nur Jimi Hendrix, sondern auch einen Johnny S. Bach, dessen Largo aus der Solosonate BWV 1005 Nigel Kennedy ganz unvermittelt aus dem Getümmel heraus, ganz allein, ganz für sich, mit großer Ruhe und Ausdruckskraft spielt. Das klingt ein bisschen nach Sehnsucht nach den Zeiten, als er noch nicht der überdrehte Punk sein musste, als ihm seine Mutter noch mit nassem Kamm einen schnurgeraden Scheitel auf den Kopf gefräst hat. Und natürlich gibt es Zugaben von dem Gitarristen George Benson und, was besonders gut ankommt, "1939", eine Gypsy-Jazz-Adaption von Django Reinhardt und Stéphane Grapelli - für diese Musik wäre jeder noch gerne eine Stunde sitzen geblieben.
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