Bad Kissingen
Kabarettherbst  

Intelligent und gut

Martin Zingsheim entpuppt sich als "Bereicherer" der diesjährigen Veranstaltungsreihe. Sprach- und Wortwitz kennzeichnen ihn, er bereichert sein Programm und mit ausgeklügelten Musikstücken.
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Martin Zingsheim begeisterte seine Zuschauer im Kurtheater bei seinem Auftritt zum diesjährigen Kabarettherbst. Foto: Klaus Werner
Martin Zingsheim begeisterte seine Zuschauer im Kurtheater bei seinem Auftritt zum diesjährigen Kabarettherbst. Foto: Klaus Werner
Es gibt es noch! Intelligentes, unterhaltsames Kabarett, das neben dem Kopf auch das Herz und vor allem das Zwerchfell anspricht. Der Dank dafür gebührt Martin Zingsheim, der mit seinem zweistündigen Programm "Opus meins" ein spitzes, zeit- und gesellschaftskritisches Florett führt und damit das Publikum im Kurtheater beim diesjährigen Kabarettherbst nicht nur überzeugt, sondern begeistert.
Klavier und ein Mini-Keyboard stehen auf der Bühne, knapp 180 Gäste sitzen im Zuschauerraum. Aus dem weinroten Vorhang tritt ein junger Mann mit lockigem Haar im "Simply Red"-Farbton, blau-grauem Anzug und gewinnendem Schwiegersohn-Lächeln.

Sympathisch gut

Im Plauderton geht es los, ein unverfängliches Lob über das schöne Ambiente schließt sich ebenso an die Begrüßung der Zuhörer an den zugeschalteten Radiogeräten: "Ich bin Martin Zingsheim, einmeterzweiundneuzig groß, südländischer Typ." Gelächter kommt auf - und dieses Gelächter begleitet durch den Abend, der getragen wird von einem wundervollen Sprach- und Wortwitz, ausgeklügelten Musikstücken und einer charmanten Bühnenpräsenz, die die komödiantische Schärfe und bittere Ironie mancher Beiträge sympathisch erscheinen lässt.
Intelligentes Kabarett mit Nachwirkung, das sich wohltuend von dem Comedy-Mainstream abhebt, der schleimartig über die deutschen Bühnen wabbert, oder aus den quotengeilen TV-Kanälen in die Hohlräume der Menschen gedrückt wird. Dabei erfindet der Kölner Kabarettist das Genre nicht neu; vielmehr definiert er es in seiner ursprünglichsten Form als zeit- und gesellschaftskritisches Kulturgut. Dazu nutzt er die Sprache in einer spielerischen Perfektion, die man schon als verloren geglaubt hat, und sein musikalisches Talent als Liedermacher und Parodist.

Stichwörter als Musik

Zingsheim´s unaufgeregter Stil ist der rote Faden durch das Programm mit dem Titel "Opus meins - Kabarett und Zukunftsmusik". Er spielt mit Stichwörtern aus dem Alltag, verdreht Gedachtes ins Gegenteil, veralbert mit seinen sanften Balladen die Kollegen und produziert aus Nonsens heraus tiefgründigen Wortwitz, der gelegentlich erst mit Verspätung vom Zwerchfell ins Gehirn transportiert wird.
Zingsheim ist ein rheinländischer Erzähler, der mit seinen Begabungen die Zuschauer - eigentlich müsste es Zuhörer heißen, aber seine authentische Bühnenpräsenz verdeutlich das Gesagte - auf die Reise durch unzählige Themen mitnimmt. Er benötigt nicht viele und vor allem keine kräftigen Worte dafür; vielmehr ist das Gesagte von beeindruckender Einfachheit, das manchmal nur ein herzhaftes Lachen auslöst, aber meistens das Denken anstößt und den Gedanken beim Publikum zur Vollendung kommen lässt.
Ob Weltreligionen mit weiblichem Führungspersonal besser wären? Ob die Generation "Broccoli" im Porsche Cayenne sozialkritische Lieder hört? Warum Emanuel Kant gegenüber Richard David Brecht keine Chance hat? Wieso die Nationalhymne einen neuen Text braucht? Zingsheim berichtet von Merkels Kochbuch mit dem Titel "Abserviert - Was ich alles in die Pfanne haute" und ihrem "bildungsfernen Schicht-Salat". Er ironisiert Felix Baumgartners Ansicht einer gemäßigten Diktatur mit dem Hinweis: "Hab gar nicht gesehen, dass der mit dem Kopf aufgeschlagen ist." Mal wird er persönlich, wenn er über sein Kölner Villenviertel spricht, wo die Bio-Brötchen mit einem Hausfrauen-Panzer (Range Rover) geholt werden und wo die Hausfrauen "Charity" betreiben - also "ehrenamtlich nix machen". Dazwischen gibt es ein Liedchen zum Mittelalter-Markt mit der Erkenntnis, "Geschichte ist nur eine Konstruktion", oder eine Hagen-Rether-Imitation zu den 68-ern und deren "Grundrecht auf schlechte Frisuren" - abgerundet mit einen "aber sicher" und "was reg ich mich auf".

Musik von querbeet

Dazu kommen noch Parodien von Bob Dylan, Hermann van Veen und Herbert Grönemeyer sowie die Analyse eines Standup-Comedian (großes Selbstbewusstsein, wenig Inhalt) und die Suche nach dem lyrischen Ich eines Modern-Talking-Liedes.

Großes Kopf-Kino

Der Wortakrobat und Liedermacher aus dem Rheinland erzeugte ganz großes "Kopf-Kino" im Kissinger Kurtheater, bedankte sich artig bei den Gästen mit "Kabarett geht auch ohne Publikum, macht aber keinen Sinn" und "das war kurz vor Pflegestufe 3". Der Lohn des frenetischen Beifalls war die "Weihnachtsgeschichte als adventliche Total-Integration" als Parodie auf Marcel Reich-Raniccki, Bushido, Rubenbauer, Kinski, Grönemeyer und Hermann van Veen.
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