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Vortrag

Humorvoll, aber kompliziert

Regisseur und Schauspieler Ingo Pfeiffer hat in Briefen recherchiert und dem Publikum weniger den Reformator, als den Menschen Martin Luther vorgestellt.
Regisseur und Schauspieler Ingo Pfeiffer vom Theater Schloss Maßbach stellte Martin Luther vor.  Foto: Thomas Ahnert
 
von THOMAS AHNERT
Hatte Martin Luther eigentlich Humor? Hat er irgendwann einmal gelacht? Hatte er überhaupt Zeit dazu? Wer sich den Reformator vor Augen führt, sieht den Sohn des Mansfelder Bergbauunternehmers Hans Luder im ständigen Kampf gegen Teufel und Papst - wobei ihm vor allem letzterer wirklich gefährlich werden konnte. Der sieht ihn auf ständigen Reisen zu Reichstagen und anderen Rechtfertigungs- und Verteidigungsveranstaltungen, die er nur überleben konnte, weil er Landesherren hatte, die hinter ihm standen, die ihn auch mal längere Zeit auf der Wartburg vor den Schergen des Papstes versteckten. Der sieht einen Getriebenen, der zu jedem und allen etwas sagen und schreiben sollte und wollte und der sich in den letzten Jahren seines Lebens in einen Antisemitismus verstieg, dass man sich im Nachhinein wundert, dass ihn die Nationalsozialisten nicht stärker für ihre Propaganda instrumentalisiert haben.


Zeit zum Lachen

Um es gleich vorweg zu sagen: Luther hatte Humor er konnte lachen, und er hatte auch Zeit dazu. Das war eine der Erkenntnisse, die Ingo Pfeiffer zu seiner Lesung mit ins Heimatspielhaus gebracht hatte. Der Regisseur und Schauspieler am Maßbacher Theater hatte sich einer ziemlichen Sisyphosarbeit unterzogen und in Luthers Briefen geforscht. Natürlich nicht in allen: Die Abteilung "Briefwechsel" in der kritischen Weimarer Gesamtausgabe umfasst in 18 Bänden rund 11 000 Seiten. Er hatte die theologischen Debatten in den Fachkreisen außen vor gelassen sich auf die Privatpost konzentriert, hatte Briefe herausgesucht, die Luther an seine Familie und an Freunde und Bekannte geschrieben hat und die vor allem von persönlichen Dingen handelten. Natürlich ließ sich der Reformator Luther dabei nicht ganz ausschalten, aber der Mensch trat in den Vordergrund. Und durch den chronologisch geordneten Vortrag kam man dem Menschen Luther nicht nur näher, sondern spürte auch etwas in den Entwicklungen und Veränderungen seiner persönlichen Sichtweisen und Zuwendung.


Mein Herr Käthe

Da war zunächst noch der Junggeselle Luther, der zwar viel über die Ehe schrieb und der seine Freunde wie Georg Spalatin oder Hieronymus Baumgärtner, ständig antrieb, endlich zu heiraten, aber selbst nicht daran dachte. Und als er Katharina von Bora endlich heiratete, war das eher ein notwendiger Bund der Vernunft zwischen einem ehemaligen Mönch und einer ehemaligen Nonne, um ganz einfach ihr Überleben zu sichern. "Es war keine hitzige Liebe, aber ich liebe und achte sie", schrieb er an seinen Freund Nikolaus von Amsdorf, den ersten lutherischen Bischof in Deutschland (Naumburg). "Mein Herr Käthe" nannte Luther seine Frau gerne, weil sie im Schwarzen Kloster in Wittenberg, das die Luthers als Wohn- und Gästehaus betrieben, die Hosen anhatte, weil sie die wirtschaftlich Kompetente war.
Aber Ingo Pfeiffer belegte auch, dass aus der Vernunftehe irgendwann einmal echte Liebe geworden sein musste, denn die Anreden an seine Frau wurden in den Briefen, die er regelmäßig von seinen Reisen schickt, immer persönlicher, immer näher, immer zärtlicher, was Luther selbst einmal unter anderem auf den Umgang mit seinen Kindern zurückführte: "Die Kinder haben mich weich gemacht."


Ein Zwiespältiger Mensch

Aber erst musste die Hochzeit organisiert werden. Spalatin wurde aufgefordert, Wildbret aus Nürnberg zu schicken, der Prior Leonhard Koppe sollte ein Fass Torgauer Bier auf den Weg bringen - aber rechtzeitig, damit es noch gekühlt werden kann: "Wenn es nicht gut ist, musst du es alleine aussaufen." Er entschuldigt sich, dass er selbst nicht zu Spalatins Hochzeit kommen konnte und endet seinen Brief: "Es grüßt dich und deine Rippe Martinus Luther."
Ingo Pfeiffer zeichnete einen absolut zwiespältigen Menschen, der geradezu rücksichtslos seine Widersprüche vertrat: Einerseits war er erschüttert über die vielen tausend erschlagenen Bauern in den Aufständen der damaligen Zeit (schlug sich aber auf die Seite der Fürsten). Andererseits begrüßte er es lebhaft, dass die 400 Juden von Eisleben "preisgegeben", für vogelfrei erklärt worden waren: "Noch hat ihnen niemand etwas getan." Aber: "Ich will sie am Sonntag auf der Kanzel auch preisgeben." Da konnte schnell mal Banales neben Abscheulichem stehen.
Was in den Briefen wirklich überrascht hat, war die tiefe Empathie, zu der Luther fähig war. Insbesondere die beiden Briefe, die er erst an seinen Vater, dann an seine Mutter nach Mansfeld schrieb, als diese im Sterben lagen, zeigen ein zutiefst empfundenes Mitgefühl, das aus seinem unerschütterlichen Glauben kam und starke, überzeugende tröstende Wirkung haben konnte. Und es wurde aus den Briefen deutlich, wie sehr ihn der Tod von zwei seiner sechs Kinder seelisch mitnahm, wie er es selber nur schwer schaffte, mit seiner Trauer umzugehen und sich immer wieder selbst zur glaubenden Ordnung rufen musste. Denn seine Frau und Kinder, um deren Wohl und Werden er sich immer intensiv kümmerte, waren trotz aller Reformation zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Luther ist immer davon ausgegangen, dass er nicht alt werden würde. Immerhin 63 Jahre hat er das geglaubt und auch immer wieder in seinen Briefen betont. "Dein Liebchen Martinus Luther" schrieb er unter den letzten an Katharina. Ein höchst informativer Abend. Aber das Gefühl, dass Martin Luther ein ziemlich komplizierter, nicht immer leicht zu ertragender Zeitgenosse gewesen sein muss, hat sich eher verstärkt, weil es begründbarer geworden ist.
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