Bad Kissingen
Zecken

Heuer bisher 41 Borreliose-Fälle im Kreis Kissingen

Gerade jetzt fühlen sich Zecken besonders wohl. Sorgt der Klimawandel für einen Zuwachs der winzigen Blutsauger?
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Der Irrtum hält sich beständig, doch: Zecken lassen sich nicht etwa von Bäumen fallen, sondern lauern in Büschen und auf Gräsern auf ihre Opfer, die sie anzapfen und ansaugen.  Foto: Jochen Lübke/dpa
Der Irrtum hält sich beständig, doch: Zecken lassen sich nicht etwa von Bäumen fallen, sondern lauern in Büschen und auf Gräsern auf ihre Opfer, die sie anzapfen und ansaugen. Foto: Jochen Lübke/dpa
Sie mag es da, wo es kuschelig warm ist und ein bisschen feucht. Worauf sie es abgesehen hat: Blut. Ihre Opfer können sich nicht vor ihr verstecken - die Körperwärme, der Geruch und das ausgeatmete Kohlendioxid verrät jeden. Einmal angeheftet, bohrt sie sich mit ihren gezackten Kieferwerkzeugen in die Haut. Die Zecke. Am liebsten in den Regionen um Achselhöhle, Kniekehle oder Schritt. Mit ihrem Kopf gräbt sie sich in die Wunde. Über den Rüssel saugt sie ihren Körper voll mit Blut - wie an einem Strohhalm. Gerade jetzt fühlen sie sich besonders wohl - und sie sind hungrig.

Nicht zu heiß, nicht zu trocken, so haben sie es am liebsten. Sie lauern im Gehölz, auf Gräsern, in Büschen oder einfach auf der Wiese vor der Haustür. Dass der Holzbock seit den vergangenen Jahren vermehrt auftreten, liegt an milden Wintern und feuchten Sommern, informiert der Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz in einer Info-Broschüre. Ob die Zahl auch im Landkreis Bad Kissingen gestiegen ist, sei statistisch schwer nachzuweisen, antwortet das Gesundheitsamt auf Nachfrage. Freilich, niemand zählt die Tierchen, und wer von einer Zecke befallen wird, meldet das nirgends. Doch gefühlt tümmeln sich mehr von ihnen als in den vergangenen Jahren - diesen Eindruck hat zumindest Thomas Neuber aus Bad Kissingen.

Als seine Tochter vor Kurzem von einer Geburtstagsfeier nach Hause kam, bei der draußen gefeiert wurde, brachte sie gleich elf der kleinen Tierchen mit heim. Sein Sohn erzählte von einem Mitschüler, dem beim Fußballspielen acht Holzböcke die Waden nach oben gekrabbelt sind. "Da war wohl nicht mal hohes Gras. Theoretisch kann das also auf jedem Fußball-Platz passieren", sagt Thomas Neuber. Er selbst sucht sich jedes Mal nach dem Rasenmähen ab. Klamotten in die Waschmaschine und ab in die Dusche, rät er. "Es wundert mich, dass die mitten in der Stadt so aktiv sind." Seine Beobachtungen passen zu den Untersuchungsergebnissen von Parasitologin Prof. Dr. Ute Mackenstedt.


Nicht nur im Sommer unterwegs

In den letzten drei Jahren gab es keine FSME-Fälle im Landkreis, meldet das Gesundheitsamt. In Deutschland sieht das anders aus: 221 mal wurde im vergangenen Jahr die Hirnhautentzündung FSME gemeldet. 2014 waren es 265 Fälle, 2013 noch 420. Ein trügerischer Trend, meint die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. Sie macht für den Rückgang die heißen Sommer verantwortlich, in denen das Spinnentierchen genauso wie der Mensch weniger aktiv ist. Ihre Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass der gemeine Holzbock nicht mehr nur im Sommer, sondern fast das ganze Jahr über unterwegs ist. Und das nicht nur am und im Wald, sondern auch in akkurat gepflegten Stadtgärten. "Umso wichtiger ist es, sich entsprechend zu schützen", sagt die Wissenschaftlerin.

Das Gesundheitsamt empfiehlt, im hohen Gras, auf Wiesen und im Wald lange Kleidung zu tragen und die Hosenbeine in die Socken zu stopfen. In der letzten "Zecken-Saison" wurden dem Amt 96 Borreliose-Fälle von Ärzten gemeldet. Heuer sind es bisher 41 - also "kein Anstieg". Jägern, Förstern und Pilzsuchern rät das Gesundheitsamt eine FSME-Schutzimpfung. Ansonsten können Anti-Zecken-Sprays vorbeugend helfen, einem die Blutsauger vom Leib zu halten. Die gibt es in der Apotheke, zum Beispiel bei Günter Merkl.


Mit Sprays gegen Befall

Den Apotheker haben sie dieses Jahr schon zweimal erwischt. Im eigenen Garten wurde er von den Holzböcken angefallen, erzählt Günter Merkl, Chef der Ludwig Apotheke in der Bad Kissinger Fußgängerzone. Er rät seinen Kunden zu Sprays mit dem Wirkstoff Icaridin. "Diese Produkte sind auch für Kinder und für Menschen mit empfindlicher Haut gut geeignet."

Dass heuer schon mehr Sprays über die Theke gingen als im Vorjahr, kann Günter Merkl nicht bestätigen. Die meisten Schutzmittel wirken bis zu fünf Stunden. Für alle, die dennoch von einem kleinen Spinnentierchen angezapft werden, gibt es in der Apotheke spezielle Zeckenzangen.



Gefahr
Der Stich ist schmerzlos, auch der Blutverlust ist zu vernachlässigen, aber: Der Blutsauger überträgt 20 verschiedene Krankheiten. Nicht ungefährlich für den Menschen: Lyme-Borreliose (kann mit Antibiotika meist gut behandelt werden) und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

FSME

Die Viren, die die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen, stecken im Speichel der Zecken. Diese Viren können direkt nach dem Stich in die Wunde wandern - auch, wenn man das Tierchen sofort entfernt. Aber: Je länger die Zecke am Wirt saugt, umso höher wird die Infizierungsgefahr. Der Erreger greift das zentrale Nervensystem des Menschen an, was zu Entzündungen von Nerven, der Hirnhaut und des Gehirns führen kann. Typische Symptome: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Zwei Wochen nach dem Stich erkrankt etwa jeder dritte Infizierte. Männer sind häufiger betroffen und bei älteren Menschen verläuft die Krankheit meist schlimmer als bei jüngeren. Gegen FSME gibt es keine Medikamente. Außerdem kann es zu Folgeschäden kommen.

Risikogebiet
Der Landkreis Bad Kissingen zählt wie die weitesten Teile Bayerns zu Deutschlands FSME-Risikogebieten, die das Robert-Koch-Institut definiert.

Lebensraum
Zecken fallen nicht von Bäumen: Die Blutsauger lauern in Gräsern und Büschen in bis zu eineinhalb Metern Höhe, meist in der Nähe des Bodens.

Entfernen
Ob mit speziellem Werkzeug oder einer einfachen Pinzette, die Zecke sollte schnell entfernt werden. Achtung: Das Tier dabei nicht quetschen, sonst könnten gefährliche Körperflüssigkeiten freigesetzt werden. Direkt am Kopf packen und vorsichtig gerade herausziehen. Bei der Empfehlung ob mit oder ohne Drehbewegung sind sich verschiedene Stellen uneinig. Danach die Wunde desinfizieren. Nie: Die Zecke mit Öl, Klebstoff oder sonstigem bedecken. Die entfernte Zecke nicht in der Toilette herunterspülen, sie würde eine zeitlang im Wasser überleben. Besser: Mit einem Glas zerdrücken.

Impfen
Schutzimpfungen werden allen empfohlen, die in Risikogebieten leben oder dorthin reisen. Der Schutz wird nach drei FSME-Impfungen wirksam. Sie muss regelmäßig aufgefrischt werden.
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