Kabarett

Halt! So geht's nicht weiter

Claus von Wagner präsentiert sein neues Programm "Die Theorie des feinen Menschen" im Kurtheater Bad Kissingen.
 
von MARKUS KLEIN
Claus von Wagner rasselt kein politisches Programm herunter, sondern flicht seine kritischen Scherze über die Finanz- und Weltpolitik in ein durchdachtes Schauspiel ein. Sein Programm "Die Theorie des feinen Menschen" präsentierte er im Bad Kissinger Kurtheater.

Meist erfolgen die politischen Seitenhiebe über den Umweg von Anekdoten aus dem Alltag. So beginnt er etwa mit dem Aufdruck einer Wasserflasche, das Getränk sei für Veganer geeignet ("ein wichtiger Hinweis, damit die nicht verdursten müssen"), kommt dann auf die Wasserverschmutzung und "Wasser-Sommeliers" zu sprechen und endet mit einer Kritik am absurden Reichtum der Eliten und ihren Charity-Events ("Warum dürfen die eigentlich entscheiden, welchen Menschen mit dem Geld geholfen wird?"). Meist bringt ihn dann das Klingeln eines Telefons wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Seine Figur, ein Wirtschaftsprüfer wider Willen, ist in einem Tresor der Deutschen Bank eingesperrt worden. Stück für Stück deckt er von dort aus die korrupten Machenschaften seines verstorbenen Vaters auf, der ebenfalls Wirtschaftsprüfer war - und Anleger "aus 200 000 guten Gründen" betrogen hat.


Der feine Mensch im Banktresor

Nebenbei telefoniert er öfter mit einem Wachmann, was die Haupthandlung vorantreibt und ihm die Gelegenheit gibt, seine Figur mit viel Bewegung auf der Bühne sowie starker Mimik und Gestik auszubauen - was ihn von den steifen Vorträgen mancher Kollegen unterscheidet.

Das Hauptthema ist die Finanzwelt, und anhand seiner Figur zeigt von Wagner auch die Hilflosigkeit, die die meisten Menschen heutzutage befällt, wenn Wirtschaftsgrößen uns von Derivaten und Wachstumsprognosen erzählen. "Haben Sie keine Angst", beginnt er eine der vielen Ansprachen an das Publikum, "es ist gar nicht so kompliziert. Sie müssen nur ein paar der Vokabeln lernen." Überhaupt plädiert er dafür, sich nicht vor einer angeblichen Alternativlosigkeit zu ducken, sondern kritisch zu hinterfragen und "von unten dagegen zu drücken, wo es geht."

Doch neben der moralischen Keule präsentiert er seine Figur des "feinen Menschen" auch in all ihrer Zerrissenheit zwischen Ideologie und Praxis, zwischen Moral und Anerkennungssucht, zwischen Ethik und der eigenen Gier, "die im Grunde auch nicht anders ist als die der Banker", wie er sagt. Allerdings würde denen in einem auf stetigem Wachstum basierenden System Anreize für unmoralisches Verhalten gegeben.


Geld und Kapuzineräffchen

Für den Einfluss von Finanzen auf das Sozialsystem führt er ein Experiment der amerikanischen Universität in Yale an: Dort lernten Kapuzineräffchen, sich mit Geldmünzen von einem Wärter Trauben zu kaufen. Als ein Männchen ein weibliches Äffchen für den Geschlechtsakt bezahlte, schritt die Regierung der USA ein und verbot die Fortführung des Experiments, "weil die Einführung des Geldes das Sozialleben der Äffchen zerstören kann - aber für uns Menschen ist das natürlich in Ordnung."


Die Gans vor Weihnachten

Der Tresorraum, in dem die Figur eingeschlossen ist, kann als Metapher für das heutige Finanzsystem gesehen werden. Denn Geld findet sich dort kaum noch. Nur rund fünf Prozent des sich im Umlauf befindlichen Geldes haben Banken noch als Einlagen im Tresor. Das Funktionieren des Systems ist laut von Wagner nur möglich, weil Menschen daran glauben - und sich vom "Herrschaftswissen" der Finanzprofis einsperren lassen. "Die Gans denkt sich auch, sie sei sicher bei dem Menschen, der sie jeden Tag füttert. Aber dann kommt Weihnachten!" Von diesem Gedanken aus kommt er zu untergegangenen Kulturen und Endzeitszenarien, lockert die Stimmung aber immer wieder durch seichtere Witze auf. Selbst als die Lüftung des Tresors ausfällt und er zu ersticken droht.

Was von Wagner von vielen düsteren Kabarettisten wie etwa dem Österreicher Josef Hader unterscheidet ist, dass am Ende trotz der tragischen Themen ein Rest Optimismus obsiegt. So wird denn auch kurz vor dem Tod des Protagonisten die Tresortür geöffnet. Solche Happy-Ends sind Geschmackssache, doch führt er damit konsequent seine Rolle fort, die er auch in der ZDF-Kabarett-Reihe "Die Anstalt" einnimmt. Diese ist oft nach dem Prinzip "guter Kabarettist, böser Kabarettist" aufgebaut, und die Rolle des Bösen ist seinem Kollegen Max Uthoff vorbehalten.
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