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Region  // Bad Kissingen

Musical

Gewissen und Freiheit

Ein begeistertes Publikum erlebte die Biographie des Märtyrers Karl Leisner. Ein Lehrstück zum Thema Selbstzweifel.
Szenen des Musicals spielten in den KZs Dachau und Sachsenhausen. Foto: Björn Hein
 
von BJÖRN HEIN
"Frei?!" - unter diesem Motto stand das Musical, das die Emmanuel School of Mission (ESM) im Kursaal in Bad Bocklet aufführte. Im Mittelpunkt stand das Leben Karl Leisners, eines Märtyrers der katholischen Kirche, der 1996 von Johannes Paul II. in Berlin seliggesprochen wurde.
Aber es ging um viel mehr als nur um seine Biographie: Im Zentrum des Musicals stand immer wieder die Frage, was es eigentlich bedeutet, frei zu sein. Gibt es einen solchen absoluten Zustand überhaupt? Durchaus kontrovers wurde dies im Stück auf die Bühne gebracht.


Auf zwei Ebenen

Dabei bewegte sich die Handlung auf zwei Ebenen: Der eine Handlungsstrang spielte im Jahr 1996. Hier wurde die Geschichte von Opa Paul (Simon Karl) erzählt, der seit Kurzem bei der Familie seiner Tochter wohnt. Ein düsteres Geheimnis aus vergangener Zeit - aus der Zeit des Nationalsozialismus - umgibt ihn und belastet seine Beziehungen, besonders zu seiner Tochter (Anne-Célinie Prin), die es ihm nie recht machen konnte. Einzig seine Enkelin Anna (Anaïs Alouin) findet einen Weg zu ihm. In Gesprächen erzählt sie ihm die Geschichte Karl Leisners, der bald seliggesprochen werden soll. Hierbei geht sie recht naiv vor. Gerade das ist es aber, was das Herz des alten Mannes öffnet. Doch Opa Paul wird von der Vergangenheit eingeholt, die er - scheinbar - nicht bewältigen kann.
Die zweite Ebene des Musicals spielt im Deutschland der Weimarer Republik und des Dritten Reichs. Hier wird die Geschichte von Karl Leisner (Matthias Lerchen) erzählt, das Stück steigt im Jahr 1927 ein, als sich Leisner gerade auf einer Ferienfreizeit befindet. 1933 wird er dann als Leiter eine katholischen Jugendgruppe gezeigt, welche sich mit Kasperle-Theater-Spielen über die Nationalsozialisten lustig macht. Kameraden von ihm bekommen aber erste Zweifel - soll man sich dem Regime anschließen oder es ablehnen und so riskieren, vielleicht nicht studieren zu können? Auch hier geht es wieder darum was es heißt: frei zu sein.
Leisner, der auf der Bühne als Freigeist gezeigt wird, ist der Überzeugung, dass man bei seinen Entscheidungen auf Gott hören muss. Auch wenn Leisner als prinzipientreu und fromm dargestellt wird - Zweifel am Plan Gottes werden auch von ihm geäußert. Und dies war eines der Stärken des Musicals: Hier wurde Karl Leisner als Mensch mit all seinen Zweifeln dargestellt, die auf der Bühne auch artikuliert wurden. So fragt er sich selbst an mehreren Stellen, ob er denn nun überhaupt Priester werden soll. Vielleicht wäre es besser, mit Elisabeth Ruby, die er in Freiburg kennenlernt, eine Familie zu gründen?


Zwei Lebensentwürfe

Stark ist im Musical dargestellt, wie Karl Leisner sich für eine der Alternativen entscheidet - beide Lebensentwürfe werden hier als gleichwertig dargestellt. Dass Karl Leisner auf der Bühne derart authentisch und lebendig verkörpert wurde, lag auch an der sehr guten schauspielerischen Leistung von Matthias Lerchen, der - obwohl Laiendarsteller - die Figur sehr glaubhaft spielte.
Gelungen war auch der Kunstgriff, die Schwester Annas in der Jetztzeit und Karl Leisner in der Vergangenheit gleichsam getrennt - nebeneinander auf der Bühne agieren zu lassen, beide mit Zweifeln am Ratschluss Gottes, wobei ein in der Mitte sitzender Priester gleichsam als personifiziertes Christentum eine Brücke zwischen dem Damals und dem Heute schlägt und darauf hinweist, dass Religion heute genauso aktuell wie früher ist. Und auch, dass die menschlichen Probleme immer die gleichen sind, unabhängig von der Zeit.
Im späteren Verlauf wird Karl Leisner in sogenannte "Schutzhaft" ins KZ Sachsenhausen geschickt, da er das Regime offen kritisiert hat. Danach wird er in den Pfarrerblock des Konzentrationslagers Dachau gebracht, in der die meisten geistlichen Häftlinge inhaftiert sind. Im Musical wird er gezeigt, wie er seinen Mitgefangenen hilft, im konkreten Bühnenbild einem russischen Gefangenen. Auch hier wird Kosmopolitismus propagiert - Menschlichkeit und Mitgefühl überwinden hier sowohl die Sprach- als auch die Konfessionsgrenzen mit Leichtigkeit. Doch Karl Leisner wird auch in dieser Szene als fragender Geist charakterisiert.Warum gibt es hier das Leid, warum greift Gott nicht ein? Gerade in diesen Passagen zeigten sich die Stärken des Musicals, das auch unbequeme, im Letzten nicht beantwortbare Fragen in den Raum warf.


Zum Priester geweiht

In Dachau wird Leisner am Ende vom ebenfalls inhaftierten französischen Bischof Gabriel Piguet zum Priester geweiht. Übrigens war Leisner der Einzige, der jemals in einem Konzentrationslager die Priesterweihe erhielt. Den Krieg überlebte er nur kurz - wenige Monate nach seiner Befreiung starb er.
Opa Paul wird hiervon angerührt, er fragt sich, ob auch für ihn Verzeihung nötig ist. Aufrichtig bereut er seine Taten, er beweint, dass er im 3. Reich den Parolen der Nazis Glauben schenkte. Beide Ebenen des Stücks vereinigen sich nun: Karl Leisner tritt mit Opa Paul direkt in Kontakt, er verzeiht ihm, und Paul bereut seine Taten aufrichtig.
Groß war der Applaus am Ende des Stücks, es gab stehende Ovationen. Die Schauspieler hatten eine beachtliche Leistung abgeliefert, ihnen war das Mitempfinden anzumerken. Die Musikstücke in den Szenen waren abwechslungsreich und nahmen auch moderne Melodien bis hin zu sprechgesangartigen Passagen mit auf, der auch den zahlreichen jungen Besucher entgegenkam.
"Es war ein Genuss, euch zuzusehen", drückte Pfarrer Michael Kubatko seine Bewunderung aus. Erfrischend war, dass man sich auch vor Kontroversen nicht scheute und Karl Leisner als Menschen darstellte, der durchaus mit Zweifeln an seiner Bestimmung zurechtkommen musste. Die ESM hatte gute Arbeit geleistet und sich einem interessanten Thema gewidmet. Der große Applaus hierfür war überaus gerechtfertigt.
Hervorragend war auch die Arbeit der Beleuchter, die es verstanden, einmal gotische Fenster, ein anderes Mal Stacheldrahtzaun rein mit lichttechnischen Effekten auf die Bühne zu bringen.


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