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Kissinger Sommer

Einspringer in letzter Minute überraschte

Als Einspringer für Philippe Jaroussky und sein Ensemble schafften der Countertenor Nicholas Spanos und das Orchester 1756 eine Sensation.
Das Salzburger Orchester 1756 sorgte für eine Überraschung im Großen Saal. Foto: Ahnert
 
von THOMAS AHNERT
Was hat den guten Konstantin Hiller nur geritten?! Man wolle versuchen, in den großen Fußstapfen von Philippe Jaroussky und seinem Ensemble Artaserse nicht ganz zu verschwinden, meinte der Leiters des Salzburger Orchesters 1756 nicht ganz zu verschwinden. Es sei ja eine schwierige Situation, das Publikum sei schließlich wegen des Franzosen gekommen, und jetzt seien plötzlich sie da, meinte er mit einem entschuldigenden Unterton. Natürlich war es schade, dass Jaroussky ganz kurzfristig noch absagen musste und auf die die Schnelle ein Ersatz aus dem Hut gezaubert werden musste. Es war schon erstaunlich, dass sich überhaupt einer fand. Und der Zeitdruck war enorm. Früh um fünf machte sich eine erste Gruppe in Wien auf den Weg, die übrigen stießen in Salzburg dazu; zehn Stunden später kamen sie in Bad Kissingen an - Probe - Konzert. Man justierte seine Erwartungen in der Nähe von Null.


Höchstleistung aus dem Stand

Hiller, der Schelm! Was folgte, war eines der besten Barockkonzerte in den letzten 30 Jahren Kissinger Sommer. Natürlich war von Jarousskys Programm nicht ein Steinchen übrig geblieben - und das konnte es auch gar nicht. Die Salzburger präsentierten ein Vivaldi-Programm mit einem kleinen Arienausreisser zu Joseph Haydn, also für alle vertrautes Gelände.

Die eine Überraschung war der Sänger: Der griechische Altist Nicholas Spanos muss sich wirklich hinter niemandem verstecken, auch nicht hinter Jaroussky. Er hat eine wunderbar weiche, lyrische Stimme, singt absolut unangestrengt und klar und hat eine Höhe, die weit in den Sopranbereich hinaufführt. Was auffällt, ist die unaufgeregte Selbstverständlichkeit, mit der er singt. Er stellt sich nicht aus, wird nie plakativ, sondern geht den Weg in die Innerlichkeit. Imnn Arien wie "Amorose ai rai del sole", "Ah, che infelice sempre", "Vedrò con mio diletto" oder "Zeffiretto che scorre" sang er äußerlich relativ ungerührt - was nicht heißt, dass er stocksteif auf der Bühne stand. Aber er legte die ganze Emotionalität in die Stimme, in die Dynamik, machte auf, wenn die Wut kam, sang fast unsichtbar, wenn's in die Tiefen der Seele ging.

Interessant war aber auch, was Nicholas Spanos nicht sang. Vielleicht war es Zufall oder dem eilig gestrickten Programm geschuldet: Was es bei ihm nicht gab, waren die hochdramatischen Bravourarien, mit denen sich früher die Kastraten und heute die Counter so gut in Szene setzen konnten und können. Da schlugen keine Blitze ein, da zersprangen keine Felsen, da gingen keine Schiffe im tosenden Meer unter. Das sind Arien, die den hochgradig extrovertierten Sänger brauchen. Vielleicht ist das nicht so Spanos' Sache, vielleicht war aber auch wirklich nur keine Gelegenheit. Man sollte das mal überprüfen können.

An gute Countertenöre hat man sich ja schon gewöhnt, aber nicht unbedingt an so gute Barockensemles wie die Salzburger - nicht nur, weil das hervorragende Instrumentalisten sind, sondern weil sie vieles (historisch durchaus belegbar) anders machen als andere Gruppem.

Das beginnt schon bei der Besetzung: Der Continuogruppe mit drei Celli, zwei Kontrabässen, zwei Bratschen, die man zum Teil dazurechnen kann, Erzlaute und Cembalo stehen vier erste und drei zweite Violinen gegenüber. Da hat die Musik ein außerordentlich starkes Fundament, das von unten belebenden Druck machen, das starke perkussive Wirkung entfalten kann.
Vor allem aber - und das geht schon in Richtung Alleinstellungsmerkmal - nehmen die Salzburger nicht als eherne Gesetze, sondern als Spielvorlagen. Sie tun etwas, das das Publikum zu Vivaldis Zeiten nicht nur von den Sängern, sondern auch von den Instrumentalisten erwartete: Sie improvisierten, und das nicht zu knapp. Bei dem Konzert für zwei Violinen op. 3/8 und der (phantastisch gespielten) Triosonate op. 1/12 "La follia" bot sich das snicht so sehr an, aber bei den im Programm verteilten vier Violinkonzerten der "Vier Jahreszeiten umso mehr, weil sich da der Solist Freiräume schaffen kann.


Altbekanntes völlig neu

Man kennt die vier Konzerte ja mittlerweile auswendig bis zum Mitpfeifen. Aber Dimitris Karakantas, der den Solopart übernommen hatte, schaffte es mit seiner Schlitzohrigkeit, auch in den hintersten Ecken noch Überraschungen zu verstecken. Da wurde verziert auf Teufelk komm raus, da wurde die Musik zum nervenzehrenden Stillstand gebracht, um dann umso heftiger loszubrechen, da wurde mit überraschenden Klangfarben gezaubert. Und in den schnellen Sätzen immer an der Grenze der Spielbarkeit, was das Orchester mühelos mitmachte. Was die Sache so spannend machte: Offensichtlich war nicht jede Improvisation vorher abgesprochen. Aber Karakantas und seine Leute waren bei aller Spiellaune so konzentriert bei der Sache, dass er sich das problemlos erlauben konnte.

Der Schluss war erstaunlich. Man konnte sich wundern, dass zum ersten Satz des "Winters" Nicholas Spanos plötzlich auf der Bühne erschien. Aber Vivaldi hatte sich bei der Arie "Gelido in ogni vena" selbst zitiert. Das war dann doch eine der Bravourarien, in der Spanos eine beißende Kälte in die Stimme legte und die Streicher ihn ganz fahl begleiteten. Und es passte wunderbar zusammen: Als er sich von der Bühne schlich, erklang plötzlich der Beginn des Violinkonzerts.

Selten war ein so langes Konzert (22.45 Uhr) so schnell zu Ende. Und dann kam Händel doch noch zu Wort: mit seiner offenbar geradezu notwendigen Arie "Ombra mai fu".

zum Thema "Kissinger Sommer"



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