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Flüchtlingsschicksal

Ein Leben im Gefängnis

Omid ist ein junger Mann aus Afghanistan. Er spricht sehr gut Deutsch und hat in der Schule große Erfolge. Doch das hilft ihm nicht bei seiner Integration.
Tee, Computer, Schulbuch - so sieht Omids Alltag aus. Er lernt viel, weil er Erfolg haben möchte.  Foto: Cornelia Neumeyer
 
Omid* hat es nicht leicht als afghanischer Flüchtling an seiner Schule im Landkreis Bad Kissingen. Das liegt aber nicht am schweren Lernstoff. Omid hat tolle Noten, ist oft sogar besser als seine deutschen Mitschüler. Den meisten passt das nicht und das lassen sie ihn spüren.
Entkräftet steht er an Bord des rostigen Kahns, den Blick aufs Meer gerichtet. Immer wieder sucht er den Horizont nach Schiffen ab. Vergeblich. Auch am Himmel ist nichts zu sehen. Omid zählt nach, vier Tage und vier Nächte. So lange schon hat er nicht gegessen und kaum getrunken. So lange ist es her, dass Kapitän und Crew mit dem einzigen Beiboot in der Nacht Hals über Kopf geflohen sind. Kreisende Hubschrauber hatten sie nervös gemacht, dann ging den Schleppern auch noch der Sprit aus. Seitdem dümpelt das verlassene Schiff mit den hilflosen Flüchtlingen an Bord einsam vor sich hin. Das ist also das Ende, denkt Omid und kauert sich auf das modrig stinkende Deck. Es ist August, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Omid ist fünfzehn, als er irgendwo auf dem Mittelmeer mit seinem Leben abschließt.


Rettung im Mittelmeer

Doch es kommt anders. Die Küstenwache entdeckt das Schiff, auf dem Omid mit seiner Familie und Hunderten anderen Flüchtlingen seit Tagen ausharrt. Sie bringen die erschöpften Männer, Frauen und Kinder nach Europa.
Heute sitzt er in seinem Zimmer im Landkreis Bad Kissingen und erinnert sich an seine Flucht aus Afghanistan. Im Frühling 2012 wurde der 20-Jährige mit seinen Eltern und beiden Schwestern von den Behörden nach Bayern gebracht. Seine Mutter ist seitdem ans Haus gefesselt, die Arthrose in beiden Knien wird stetig schlimmer. Omids Vater besucht zwarDeutschkurse, für mehr als "Hallo" und "Tschüss" reicht es aber noch nicht. Omid ist müde, sein Gesicht ist zerfurcht. Der hagere Mann sieht aus wie Ende 30, eigentlich ist er halb so alt.
Ein langer Schultag liegt hinter ihm. Seine Hausaufgaben hat Omid schon gemacht, die Hefte hat er ordentlich in Ablagefächer auf dem Schreibtisch einsortiert. Er bereitet sich gerade auf seinen ersten Schulabschluss vor. Ab Herbst will er auf die Fachoberschule in Schweinfurt gehen. "Später würde ich gerne Pilot werden", sagt Omid und seine Augen leuchten. An einem Regal hoch über seinem Bett hat er einen handgeschriebenen Zettel aufgehängt. Darauf steht in großen schwarzen Buchstaben: "How to be a successful person". Hartnäckig sein, Arbeiten, Planen, Lernen, Lächeln, so soll es mit dem Erfolg klappen. Zehn Zeilen stehen zwischen Omid und seinem Traum.


Deutsch per YouTube

Omid ist klug. Deutsch hat er sich selbst beigebracht. Immer wieder sah er sich dazu Lernvideos auf YouTube an. Um in der Schule besser zurecht zu kommen, kümmerte er sich um eine Hausaufgabenbetreuung. Eine Flüchtlingshelferin hilft Omid seitdem mit den Hausaufgaben. Mittlerweile ist sie aber viel mehr als nur eine Nachhilfelehrerin. Sie half Omids Familie bei der Wohnungssuche, begleitet den jungen Mann zur Berufsberatung und bei Terminen in der Schule. "Sie ist wie eine Mutter für mich", sagt Omid stolz und lächelt.
"Für Omid ist es ein Privileg, hier zur Schule gehen zu können", meint seine Flüchtlingshelferin, "in Afghanistan ist Bildung keine Selbstverständlichkeit." Vor zwei Jahren wurde er zum Schülersprecher gewählt, vergangenes Schuljahr zum Klassensprecher. Wirklich beliebt ist Omid trotzdem nicht. Es wollte sich nur kein anderer Mitschüler zur Wahl stellen.
Omid hat es nicht leicht als afghanischer Flüchtling an einer deutschen Schule. Nicht etwa, weil der Lernstoff zu schwer ist, sondern weil er von seinen Mitschülern gemobbt wird, wenn er gute Noten schreibt, erzählt er. Über die Frage, warum das seine Klassenkameraden stört, muss Omid nicht lange nachdenken. Seine Mitschüler verstehen nicht, wie jemand wie er, ein Flüchtling, der erst seit kurzem in Deutschland lebt, besser als sie in der Schule sein kann.
Omids Klassenlehrerin hält ihre Klasse für ehrgeizig, alle würden sich helfen. "Keiner mobbt ihn oder benimmt sich ihm gegenüber fremdenfeindlich", meint sie. Andernfalls wüsste sie davon. Dann räumt sie ein, dass sie aber darauf achten muss, Omid nicht zu oft zu loben. Andernfalls könne es vorkommen, dass die Mitschüler neidisch auf ihn werden.
Omid beschreibt die Ablehnung ihm gegenüber wie einen Virus, der sich immer weiter ausbreitet. Am Anfang seien gar nicht so viele gegen ihn gewesen, erinnert er sich, doch dann ist das Mobbing schlimmer geworden. Einmal bat er den Lehrer darum, sich neben die Klassenbeste setzen zu dürfen, um besser mitarbeiten zu können. Doch sie weigerte sich. Ein anderes Mal warfen die Mitschüler seine Jacke in den Dreck und kickten seinen Rucksack in der Pause quer über den Gang bis in die Toilette. Am schlimmsten ist es, wenn Omid wieder eine gute Note bekommen hat. "Sie sind neidisch, und deswegen gehöre ich nicht dazu", sagt er.


Ablehnung beim Elternabend

Die Lehrer versuchen ihm zu helfen. Omid durfte auf eine höhere Schule wechseln, obwohl dort die Anmeldefrist abgelaufen war. Auf die Schüler macht das keinen Eindruck. Im Gegenteil. Besonders an Elternabenden merke man, woher die Ablehnung gegen Flüchtlinge herrührt, meint Omids Klassenlehrerin. "Die meisten Schüler kennen und glauben nur das, was sie zu Hause aufschnappen. Reflektiert wird davon nichts", schimpft sie und schüttelt den Kopf.
Omid glaubt nicht, dass seine Mitschüler rassistisch sind. Er zögert. "Naja, vielleicht sind doch ein oder zwei ausländerfeindlich", sagt er dann und schaut unschlüssig. Fragt man ihn nach seinen Freunden zuhause in Afghanistan, hellt sich sein Gesicht auf. "Klar haben wir uns manchmal geärgert. Aber das war anders, das war kein Mobbing", erzählt er.


"Reif werden"

Zu den meisten seiner Freunde hat er heute keinen Kontakt mehr. Er weiß nicht einmal, wo und ob sie noch leben. Seit seiner Ankunft in Deutschland sitzt er oft alleine in seinem Zimmer. Ab und an geht er raus und trifft sich mit Freunden. Die meisten sind wie er auch Flüchtlinge. Dann spielen sie Fußball, gehen Spazieren oder zum Bummeln in die Stadtgalerie nach Schweinfurt.
An die Vergangenheit und seine alte Freunde will er nicht denken. "Man muss irgendwann reif werden", meint er und nippt an seinem Schwarzen Tee. Zum dritten Mal in zwei Stunden sagt er nun diesen Satz. Es scheint, als ob er sich durch das Verdrängen zwingen will, erwachsen zu werden.
Omids Klasse hat 2016 m Ethik-Unterricht über Gefängnisse gesprochen. Seine Mitschüler fanden die Vorstellung, eingesperrt zu sein, schrecklich. "Mir wäre das irgendwie egal", sagt er schulterzuckend und deutet um sich. "Das hier ist doch schon mein Gefängnis." Er lacht. Es klingt nicht echt. Cornelia Neumeyer


*Omid wohnt im Landkreis und möchte nicht erkannt werden, daher wurde sein Name geändert. Wohnort und seine Schule werden ebenfalls nicht erwähnt, noch seine Klassenlehrerin oder Nachhilfelehrerin mit Namen genannt.
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