Bad Kissingen
Jazzfrühstück I

Direkt aus der Fantasie in die Tasten

Jazzpianistin Younee überraschte mit ihren Improvisationen.
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Younee improvisierte im Rosengarten. Foto: Ahnert
Younee improvisierte im Rosengarten. Foto: Ahnert
Das war auch eine Neuerung des Kissinger Sommers 2017: dass ein Konzert eine Dreiviertelstunde später beginnt wegen des Andrangs - allerdings nicht an der Kasse (das Konzert war ohnehin ausverkauft), sondern am Frühstücksbüffet im Kurgartencafé. Da hatte sich die Logistik offenbar überraschen lassen. Besserung ist bereits gelobt.
Aber das war nur eine, wenn auch auffällige, Randerscheinung. Tatsächlich ging es um die Jazzpianistin und Singer-Songwriterin Younee, die in Südkorea geboren wurde, aber schon einige Jahre in der Nähe von Ansbach lebt - wie sie ausgerechnet dahin gekommen ist.
Für sie hatte sich das Warten gelohnt, und das musste sie ja auch tun. Dabei war das Konzert ausgerechnet ihre erste Matinee, wie sie gestand. Aber Younee war trotzdem gut drauf. Sie ist eine Pianistin, für die es - noch - keine Schublade gibt. Denn "Improvisation" ist eigentlich keine. Sie bedient sich bei der Klassik, denn in ihrer Kindheit hat sie Mozart und Beethoven kennen und lieben gelernt, sie spielt Jazz, Blues, Rock, Pop, Swing und ein paar abseitige Genres. Entscheidend ist für sie - und das macht die Sache so spannend - die Eingebung des Augenblicks, die momentane Befindlichkeit, Einflüsse der Umgebung. Wer nach ihren Konzerten eine CD kauft, kann sich nicht darauf verlassen, dass er dasselbe hört wie im Konzert - die Titel und Einstiege stimmen allerdings immer überein.
Wobei sie als Improvisatorin wirklich souverän ist. Wenn sie beginnt, weiß sie noch nicht, was in den nächsten Minuten passieren wird, lässt sich selbst überraschen. Aber sie weiß, wo sie hin will, wie weit sie sich von ihren Themen entfernen will, wie heftig sie mit Harmonien und Rhythmen spielen will, durchaus auch über Genregrenzen hinaus. Und was es bei ihr nicht gibt, sind Wiederholungen, weil sie auf weitere Ideen warten muss.
Sie lässt sich gerne von Beobachtungen leiten: Als Younee nach Deutschland kam, war sie begeistert von den Autobahnen, weil man da so richtig aufs Gas treten kann - sie hat ihren Irrtum bereits erkannt. Trotzdem: "Speeding Instinct", ein Ritt auf der Autobahn, klingt zu Beginn nicht nach Einfädelspur, sondern bereits wie Ankunft beim Totalschaden. Aber es geht ja auch nicht um die Beschreibung des Verkehrs, sondern um innere Vorgänge und Blutdruckkurven.
Sie spielt halt gerne mit breiter Pranke. Auch bei ihrem "Ansbach-Blues", der sehr lyrisch und thematisch am örtlichen Bach-Denkmal beginnt und in der Ansbacher Rushhour endet. Es ist immer wieder das Thema "Bewegung", das sie motiviert, wie in "Ausflug", einer Fahrradtour, bei der das Stereotype Treten bildkräftig in der linken Hand durchgehalten wird. Auch in ihrem Auftaktstück, in dem sie die "Promenade" aus Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" zerlegt und wieder zusammensetzt. Natürlich singt sie auch - übrigens ganz ausgezeichnet - ihr Mutmachlied "Hello, hello!"
Ihre Zugabe ist eine heitere Reverenz an den Spielort: "Ein schöner Tag in Bad Kissingen". Das ist wirklich spontane Improvisation. Erstaunlicherweise klingt sie über Strecken ein bisschen wie der Springbrunnen im Rosengarten.
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