Traindorf
Geschichte 

Barbarischer Akt gegen die Moderne

Constantin von Mitschke- Collande, der Maler der "Engel von Traindorf", wurde vor 80 Jahren bei der Schmähausstellung in München als "entartet" vorgeführt.
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Neuanfang in Guttenberg: Am 6. Juni 1945 kommt Constantin Mitschke-Collande mit seiner Frau Hilde und dem vierjährigen Töchterchen Constanze in Guttenberg an. Die Familie wohnt für ein halbes Jahr im Unteren Schloss.  Fotos: privat
Neuanfang in Guttenberg: Am 6. Juni 1945 kommt Constantin Mitschke-Collande mit seiner Frau Hilde und dem vierjährigen Töchterchen Constanze in Guttenberg an. Die Familie wohnt für ein halbes Jahr im Unteren Schloss. Fotos: privat
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Wolfgang Schoberth

"Gequälte Leinwand - Seelische Verwesung - Krankhafte Phantasten - Geisteskranke Nichtskönner", heißt es auf dem Ausstellungsplakat "Entartete Kunst". Am 19. Juli 1937 wird die Femeschau in der Münchner Hofgarten-Galerie durch Reichspropagandaminister Josef Goebbels eröffnet.
650 Werke avantgardistischer Kunst werden gezeigt, die die Nazis in 30 deutschen Museen beschlagnahmt haben. Die Bilder werden chaotisch gehängt und mit Hetzparolen an den Wänden garniert. Die bedeutendsten Vertreter der Moderne sollen dem Spott und Hohn preisgegeben werden: Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Ernst-Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Beckmann, George Grosz und Otto Dix. Einer ist mit sieben Arbeiten darunter, der jüngst als Maler der "Engel von Traindorf" entdeckt worden ist: Constantin von Mitschke-Collande.


Flucht auf Schloss Guttenberg

Der Künstler kommt am 6. Juni 1945 mit seiner Frau Hilde und der vierjährigen Tochter Constanze nach einer abenteuerlichen Flucht vor der Roten Armee in Guttenberg an. Einziges Gepäckstück ist ein Rucksack. Ihr sonstiges Hab und Gut, darunter ein Großteil der Arbeiten Collandes, ist bei der Bombardierung Dresdens am 14. Februar 1945 ein Raub der Flammen geworden.
Die Flüchtlinge werden im Unteren Schloss aufgenommen. Während des halbjährigen Aufenthalts beauftragt ihn Elisabeth von Guttenberg mit der Chor-Bemalung des Kirche von Traindorf. Der Künstler malt im Stil der Neuen Sachlichkeit vier Engel, die den Triumphbogen überspannen. Sie sind, wie die Kunsthistorikerin Lisa Kern urteilt, ein "einzigartiges Zeugnis".


Christus, der Revolutionär

Dies nicht nur, weil sie die Gesichtszüge prominenter Schlossbewohnerinnen haben, sondern weil sie das einzige Kirchengemälde des Künstlers, durchdrungen von einer Empfindsamkeit, die sich aus den leidvollen Erfahrungen nach 1933 speist. Links sind es zwei Schutzengel, die sich dem Menschen zuwenden und ihn begleiten. Rechts Engel, die für spirituelle Wege stehen: der Blick nach unten, die meditative Versenkung, und der Blick nach oben, empor zum gestirnten Himmel, zum Göttlichen.
27 Jahre vorher, am Ende des Ersten Weltkrieges, haben religiöse Motive bei Collande eine ganz andere Funktion. Sie sind erkennbar politisch. Die von ihm aufgegriffenen Bilder aus der Passionsgeschichte und der Johannes-Apokalypse dienen dazu, Mord und Tod darzustellen - und die Schuldigen sichtbar zu machen.
1919 gründet er mit Conrad Felixmüller, Otto Dix und anderen die spätexpressionistische Künstlervereinigung "Dresdner Sezession". Als Künstler verstehen sie sich als Verkünder einer besseren Zeit, des Neuen Menschen. Enthusiastisch schwärmen sie von Aufbruch, Revolution, Solidarität, Brüderlichkeit. Die Mehrheit der Mitglieder steht dem kommunistischen "Spartakus" nahe, dessen Anhänger von reaktionären Freikorps-Verbänden abgeschlachtet werden.
Inmitten des Bürgerkriegs arbeitet Collande eine Serie mit sechs aufwühlenden Holzschnitten. Sie illustrieren Walther Georg Hartmanns Erzählung "Der begeisterte Weg". Es sind Blätter, die die Nazis 1937 aus dem Staatlichen Kupferstichkabinett in Dresden holen und in München zeigen werden. Das Titelblatt zeigt in harten Schwarzweiß-Kontrasten einen Soldaten, der mit weit emporgereckten Armen der Revolution entgegenstrebt. Die Heilserwartung scheint die Brust des jungen Helden zu sprengen, wie seine knochigen, nach außen gebogenen Rippen vermuten lassen. Die ausgestreckten Arme, der ausgeprägte Brustkorb und der geneigte Kopf weisen auf den gekreuzigten Christus. Die Figur umgibt ein Heiligenschein, der als zarter heller Kreis hinter dem zurückgeworfenen Kopf erscheint.


Apokalypse ist gegenwärtig

Das Pendant dazu ist das Bild "Du hast deinen Bruder getötet". Es demonstriert die Ermordung des Revolutionärs durch einen Freikorps-Mann. Der, der ihn abgeknallt hat, der eigentlich sein Kamerad sein sollte, steht mit diabolischem Blick links im Dunklen. Drei Figuren halten den Leichnam im Arm, drei weitere knien am rechten Bildrand in betender Haltung. Über dieser Szene ziehen an der oberen Bildhälfte drei Reiterfiguren mit Waage, Bogen und Schwert heran - die apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung. Die Bedeutung ist klar: Die Apokalypse ist gegenwärtig. Nicht nur das millionenfache Verrecken an der Front zeigt das, sondern auch das Blutvergießen danach in der Heimat.


Vernichtung einer Hochkultur

Eine etwas später, 1922, entstandene Bildfolge gilt den Nazis ebenfalls als "entartet". Collande greift in vier Holzschnitten die Ballade "Montezuma" des expressionistischen Schriftstellers Klabund auf. Es geht um die Zerstörung des Aztekenreichs und die Gewaltakte christlicher Missionierung.
Seine Wirkung gewinnt der Zyklus durch das letzte Bild. Es ist drastisch und polemisch. Gezeigt wird der in die Flammen geworfenen Montezuma am Boden liegend. Dahinter erscheint der spanische Konquistador Hernan Cortés, der mit zusammengekniffenen Augen und geballter Faust auf den Hingerichteten herabblickt. Mit seiner schwarzen Kutte und dem weißen Kreuz ist er Repräsentant einer Kolonialmacht, die vor keiner Brutalität zurückschreckt, um "primitiven" Völkern ihre Kultur und Religion aufzuzwingen.
24 Bilder Collandes sind aktuell in der Online-Datenbank "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin aufgeführt. Der Künstler gerät schon kurz nach der Machtergreifung ins Visier der Reichskammer der Bildenden Künste, die dem Propagandaministerium angegliedert ist. Die Kunst-Schergen durchforsten Museen nach "undeutschen, defätistischen, kosmopolitisch oder bolschewistisch ausgerichteten Kunstwerken". Die Bilder werden beschlagnahmt und in sogenannte Schreckenskammern gebracht, um sie für Schmäh-Ausstellungen parat zu haben.
Bei Collande sind es die Arbeiten der "Sezession"-Jahre (bis 1922), die konfisziert werden, seine späteren Werke mit unverfänglichen Themen bleiben unbehelligt. Im Herbst 1933 findet eine erste Ausstellung "Entartete Kunst" im Innenhof des Neuen Rathauses in Dresden statt. Darunter ist Collandes Holzschnitt "Madonna" (1920). Das Neugeborene strahlt in giftigem Phosphorgrün, wirkt wie verseucht, eine Anspielung auf den Kampfstoffeinsatz des Ersten Weltkrieges.
Die Dresdner Schau ist ein Testlauf, doch nach dem sensationellen Publikumsansturm geht man daran, weitere Ausstellungen zu organisieren, zunächst in Nürnberg und Dortmund.
Die Hitler-Jahre übersteht der Künstler durch "Innere Emigration". Finanziell hält er sich notdürftig mit einer kleinen privaten Malschule in Dresden über Wasser, ab 1941 als Dozent an der Berliner Textil- und Modeschule, bis ihm auch diese Einnahmequellen entzogen wird. Mit seiner Ankunft in Guttenberg vier Wochen nach Kriegsende sind die wirtschaftlichen Sorgen nicht vorbei, der künstlerische Stillstand aber ist beendet.
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