Auf den Spuren der Weilersbacher Juden

Sie zogen von Weilersbach nach Forchheim. 15 jüdische Familien versprachen sich dort im 19. Jahrhundert ein besseres Leben.
Artikel einbetten Artikel drucken
Rolf Kießling referierte über den Einfluss, den fleißige jüdische Familien aus Weilersbach in der Stadt Forchheim im 19. Jahrhundert erlangten. Foto: Elisabeth Görner
Rolf Kießling referierte über den Einfluss, den fleißige jüdische Familien aus Weilersbach in der Stadt Forchheim im 19. Jahrhundert erlangten. Foto: Elisabeth Görner
Die Forchheimer Altstadtfreunde hatten zu den 30. Forchheimer Hausgeschichten eingeladen und damit auch zu einem kleinen Jubiläum dieser beliebten Vortragsreihe. Rolf Kießling, Spezialist für jüdische Geschichte der hiesigen Gegend, sprach äußerst lebendig und spürbar an ihren Geschicken anteilnehmend über die Weilersbacher Juden in Forchheim.
Wie kommt man zu so einem, im ersten Moment fast zu speziell wirkenden Thema? Warum gerade Weilersbacher Juden? Letztlich ging es um den größeren Rahmen der Landflucht der Juden in die Städte (besonders in der Zeit um 1870/80); der Untertitel des Vortrags lautete "Vom Aufbruch der Landjuden in die Städte - bis zur Schoah und noch darüber hinaus".


Sogwirkung der Stadt

Damals machte sich die Industriealisierung auch hier bemerkbar und die Menschen suchten insgesamt bessere Arbeits- und Lebensmöglichkeiten, als sie sie auf dem Land hatten. Unter den damals etwa 4400 Einwohnern waren knapp fünf Prozent jüdischen Glaubens - nachdem es schon im Mittelalter und nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges jeweils eine jüdische Minderheit in Forchheim gegeben hatte.
Hauptsächlich waren die Juden Händler, die sich unter den besser verdienenden Städtern mehr Kunden versprachen. Sie kamen aus den umliegenden Dörfern Wiesenthau, Kunreuth Ermreuth, aber die meisten aus Weilersbach, genauer aus Mittelweilersbach.
In Weilersbach hat es lange eine jüdische Gemeinde gegeben; auf jeden Fall lebten Juden schon 1688 im Haupthaus eines langsam verfallenden Ritterguts. Die adligen Besitzer, zuletzt die Karg von Bebenburg, waren nach Bamberg gezogen. Besonders ärmere jüdische Familien fanden sich aber mit der Halbruine als Wohnung noch ab, obwohl sie neben dem jährlichen Schutzgeld an den Bamberger Fürstbischof (Lehensherr) als sogenannte Beständner auch noch Miete zahlen mussten. Mittelweilersbach hatte bei damals 108 christlichen Einwohnern einen jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 20 Prozent.
Das "Schloss", das man im Weilersbach von heute noch in den Namen Schlossplatz und Schlossgasse findet, wurde um 1760 von einem "cleveren Investor" abgerissen, aber er musste für die damals in ihm lebenden acht jüdischen Familien neuen Wohnraum schaffen.
Der Investor hieß Balthasar Schütz, war Dorfamtmann (Bürgermeister), aber auch Brauer und Wirt - und verfügte damit über Geld. Er baute an der Stelle des Schlosses zwei parallel zueinander liegende Häuserreihen mit je vier Wohneinheiten in damaliger "Leichtbauweise": hölzern, eng und niedrig, so genannte Trauf- bzw. Tropfhäuser. In diesen lebten dann die Juden, natürlich weiter zur Miete.


Eigener Lehrer

Für die Kinder gab es einen jüdischen Lehrer, der sie vor allem in der Thora unterrichtete; auch eine Synagoge war vorhanden sowie ein Tauchbad (Mikwe) für die rituellen Waschungen.
Im oberen Teil einer historischen Karte (1786/88) von Weilersbach sieht man zwischen den übrigen nummerierten Anwesen und der besonderen "Reihenhaussiedlung" für die Juden: "Judenhof gemeinschaftlich" - heute Schlossplatz! Im Sprachgebrauch der älteren Weilersbacher blieb der "Judenhof" noch lang präsent, bis in die 1920er Jahre gab es ein "Gasthaus zum Judenhof".


Die Pragers und die Franks

Man weiß, dass insgesamt 15 jüdische Familien von Weilersbach nach Forchheim gezogen sind; exemplarisch stellte Rolf Kießling die Geschichte der Pragers und der Franks vor. Das noch existierende (Doppel-)Haus Schlossplatz 4 und 6 in Weilersbach gehörte den Brüdern Salomon und Moses Prager (früher:Lämmlein). Von Salomon Prager stammten neben vier weiteren Kindern die Söhne Moses und Lehmann ab.
Der 54-jährige Moses Prager kaufte 1869 das Haus Nr. 292 in Forchheim, heute Hornschuchallee 13. Sein jüngerer Bruder Lehmann, der mit einer Weilersbacherin verheiratet war, kam 1876 nach und erwarb das Haus Nr. 4 in der Apothekenstraße, in dem man noch heute ein kaligrafisches Wandbild in warmen Rot-/Orangetönen entdecken kann: Die vier hebräischen Buchstaben deuten auf eine Art Hauskapelle. Die beiden Brüder lebten mit ihren Frauen noch 17 Jahre lang nur etwa 100 Meter voneinander entfernt in der Stadt; der Jüngere starb ein Jahr eher (1893). Sie wurden auf dem jüdischen Friedhof in Baiersdorf nebeneinander begraben.


Handel in der Hauptstraße

Noch mehr konnte Rolf Kießling über die Familie Frank erzählen, die im Anwesen Schlossplatz 8 in Weilersbach ihren ursprünglichen Wohnsitz hatte. Ein 1806 als Nachkomme eines Samuel Koppel Frank geborener Jonas (Isaak) Frank hatte vier Söhne, von denen drei in Häusern in der Hauptstraße in Forchheim Handel trieben.
Besonders der jüngste Sohn Haimann spielte mit seinem Geschäft in einem Haus mit auffälliger Barockfassade und großem Schaufenster eine wohl bedeutende Rolle. Er hatte keine Söhne, aber drei Töchter. Tochter Betty übernahm später zusammen mit ihrem Mann das Geschäft in Forchheim, während Tochter Selma seit 1907 in Dessau mit dem Schuhhändler Mayer Reich verheiratet war. 1939 wurde dem Ehepaar und den beiden Kindern Irma und Walter die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und die Familie floh nach Frankreich. An einer Erinnerungswand des Memorial de la Shoah in Paris kann man die Namen der 1874 geborenen Selma Reich und ihres drei Jahre jüngeren Manns Mayer Reich lesen.


Kontakt mit Nachkommen

Kießling hat zu seiner Freude durch seine Recherchen entdeckt, dass das Schicksal die Familie Reich nicht ganz hat auslöschen können. Letztes Jahr erreichte ihn sogar eine E-Mail aus den USA: Absender war der Mann einer Urenkelin eines Dr. Jakob Frank, der von Kießlings dem Vortrag zugrundeliegenden Buch erfahren hatte. Der 1871 in Forchheim geborene Jakob Frank war der Sohn des Kaufmanns Isaak Frank jun., also ein Cousin Selma Reichs. Auch als Leiter des Klinikums Fürth fühlte er sich in der Nazi-Zeit gezwungen, zu emigrieren. Er starb 1953 in New York.
"Langweilige Vergangenheit? Tote Geschichte? - Nein, Geschichte ist lebendige Gegenwart!", lautete der Abschlusskommentar des Vortragenden, der noch lange mit den interessierten Gästen diskutierte.
Verwandte Artikel
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren