Rugendorf

Tinnitus-Papst aus dem Allgäu sprach in Rugendorf

Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland haben Tinnitus. Doch die ständigen quietschenden und pfeifenden Ohrgeräusche, die auch nachts nicht aufhören...
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Volker Kratzsch gilt als der Tinnitus-Papst. Foto: Sonny Adam
Volker Kratzsch gilt als der Tinnitus-Papst. Foto: Sonny Adam
Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland haben Tinnitus. Doch die ständigen quietschenden und pfeifenden Ohrgeräusche, die auch nachts nicht aufhören, sind genau genommen gar keine eigene Krankheit. "Tinnitus ist nur ein Symptom. Es macht also aus medizinischer Sicht auch überhaupt keinen Sinn, dieses Symptom zu bekämpfen. Tinnitus selbst führt nicht zu Defiziten", sagte Tinnitus-Papst Volker Kratzsch beim Treffen der Selbsthilfegruppe in Rugendorf.


"Ich leide nicht darunter"

Der Referent verglich die Ohrgeräusche mit einem anderen Symptom, das jeder kennt: Schmerz. Es helfe nichts, den Schmerz zu unterdrücken, man müsse die Ursache herausfinden und dann bekämpfen. "Ich habe selbst seit zehn Jahren Tinnitus. Aber ich leide nicht darunter", erklärte Kratzsch, und: "Tinnitus nervt, macht selbst aber nichts kaputt." Für Menschen, die die ständigen Ohrgeräusche haben, kann die Belastung dennoch äußerst groß werden. Denn viele können nicht mehr schlafen, fühlen sich ausgelaugt, gestresst. Manche Menschen bekommen Depressionen, werden in ihrem Alltagsleben beeinträchtigt. Dies kann sogar soweit gehen, dass Selbstmordgedanken auftreten.
"Ich kann heute keine neue Methode verkünden, die wirkt", sagte Kratzsch. "Am besten ist es, den Tinnitus so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken. Am schlimmsten ist es, wenn jemand sich auf die Ohrgeräusche fokussiert", betonte der Experte.
Seit zehn Jahren kommt der Allgäuer Arzt nach Rugendorf zur Tinnitus-Selbsthilfegruppe und stellt vor interessierten Betroffenen neue Erkenntnisse vor. "Jedes Jahr wird eine neue Behandlungsmethode vorgestellt. Aber wir rennen nicht jedem Zug hinterher. Jeder kann Verbesserungen für sich erwirken", so Kratzsch.


Internet-Tipps sind nicht seriös

Der Experte warnte vor jeglichen Suchen im Internet, vor allem, wenn es um Behandlungsmethoden gehe. "Es gibt zum Thema im Internet inzwischen 25,5 Millionen Links. Die Betroffenen können seriöse Methoden nicht mehr unterscheiden." Aus diesem Grund seien Selbsthilfegruppen wie in Rugendorf, die von Herbert Rösch geführt wird, wichtiger denn je.
Grund für einen Tinnitus ist sehr häufig eine unbehandelte Schwerhörigkeit. "Fünfzig Prozent aller Menschen über 70 bräuchten ein Hörgerät. Nur zehn Prozent haben eines und nur zwei Prozent nutzen es", warnte Kratzsch. Von der Verordnung eines Hörgerätes durch einen Arzt bis zur ersten Anpassung vergingen durchschnittlich zehn Jahre. Eine Zeit, in der sich ein Tinnitus ausbilden kann. Der Grund: Die Konsonanten liegen im hohen Bereich, die Sprache selbst wird aber im tiefen Frequenzbereich wahrgenommen. "Die Betroffenen hören die anderen also noch genau so laut, aber sie wundern sich, dass viele nuscheln. Das sind die guthörenden Schlechtversteher", so Kratzsch.
Und wenn dann über längere Zeit das Gehör in bestimmten Bereichen keine Geräusche mehr wahrnehme, werde das Ohrgeräusch, das bei jedem Menschen vorhanden sei, lauter. Die Betroffenen nähmen es plötzlich wahr. "Schwerhörigkeit ist der häufigste Auslöser von Tinnitus."


Zum zehnten Mal zu Besuch

Herbert Rösch freute sich über den zehnten Besuch aus dem Allgäu und überreichte Volker Kratzsch zum Jubiläum einen Geschenkkorb. Der Leiter der Selbsthilfegruppe engagiert sich deutschlandweit. Im Frühling wurde er von Staatsministerin Melanie Huml mit dem "Weißen Engel" ausgezeichnet.
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