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Region  // Artikel für Gemeinden

Hinrichtung am Breitenloher Berg

Erinnerung  Eine Eiche erinnert an die nationalsozialistische Gewalt- und Schreckensherrschaft. Neuerdings weist ein Kruzifix am Stamm des Baumes auf dessen Bedeutung hin.
Ein stummer Geschichtszeuge ist diese Eiche am Langoldsberg. Hier wurde in den letzten Kriegstagen 1945 ein deutscher Soldat hingerichtet. Daran erinnert ein am Stamm angebrachtes Kruzifix. Sie ist Station auf einer Rundtour für Wanderer am Denkmaltag. Foto: Bernd Graf
 
von REDAKTION.
von unserem Mitarbeiter Bernd Graf

Kronach — Am Breitenloher Berg, kurz vor dem Ortsende Kronachs in Richtung Gehülz, erinnert eine Eiche als stummer Geschichtszeuge an die nationalsozialistische Gewalt- und Schreckensherrschaft. Ein vor einiger Zeit angebrachtes Kruzifix unterstreicht die Gedenkfunktion des ansonsten eher unscheinbaren Baums. An dieser Eiche wurde vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Obergefreite Herbert Susel aufgehängt. Dies geschah am Weißen Sonntag, 8. April 1945, drei Tage vor Susels 36. Geburtstag und vier Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Kronach.
Das fliegende Standgericht des als brutal und gewissenlos geltenden Wehrmachtsoffiziers Erwin Helm, das vor Kriegsende eine Blutspur durch das untergehende Dritte Reich zog, hatte Susel wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt.
Fliegende Standgerichte waren mobil und konnten flexibel dort tätig werden, wo ihre Akte rigoroser Sofortjustiz gegen Anzeichen von Auflösungserscheinungen gerade zum Einsatz kommen sollten. Das fliegende Standgericht Erwin Helm fällte im März und April 1945 überwiegend in Franken mindestens 56 sofort zu vollstreckende Todesurteile.

Oft nur auf Verdacht

Je näher das Ende des Zweiten Weltkriegs rückte, desto fanatischer wüteten die Standgerichte unter kriegsmüden Soldaten und Zivilisten. Die Todesstrafe wurde auch in Fällen verhängt, in denen sie als Strafmaß völlig überzogen war. Nicht selten ergingen Urteile bei unaufgeklärtem Sachverhalt nur aufgrund eines Verdachtsmomentes.
Wer allzu laut am "Endsieg" zweifelte oder eine spöttische Bemerkung dazu machte, konnte im Handumdrehen zum Tode verurteilt werden. Die Exekutionen, sofort nach dem Todesurteil angeordnet, waren zumeist Erhängungen. Diese Hinrichtungsform bedeutete im militärischen Ehrenkodex eine besondere Herabsetzung der Verurteilten.
Der am Breitenloher Berg aufgehängte Herbert Susel wurde am Tag vor seiner Hinrichtung von der Feldgendarmerie an der Nordbrücke ohne Papiere aufgegriffen. Am Folgetag tauchte in Begleitung von zwölf SS-Männern ein mit vier Offizieren besetzter grüner Ford Eifel auf - das berüchtigte, auch als "Aufhängestab" titulierte, Standgericht Helm.
Im Kronacher Stadtarchiv sind eine Abschrift des Todesurteils gegen Herbert Susel und eine Abschrift der Benachrichtigung an dessen in Lauf an der Pegnitz wohnende Ehefrau erhalten. Im Urteil vom 8. April 1945 heißt es: "Obergefreiter Susel wird wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Gleichzeitig wird die Wehrwürdigkeit aberkannt." Und: "Das Urteil ist sofort zu vollstrecken." Auf der Meldekarte der Witwe Susel war später neben dem Namen ihres Mannes der Vermerk zu lesen: "verstorben am 8. April 1945 in Kronach".
Die Vollstreckung der Todesurteile des Standgerichts Helm übernahm in der Regel der 19-jährige Gefreite Heinz Feltes, der für jede Hinrichtung 50 Reichsmark - oft in Form von Alkohol - erhielt. Zu der Hinrichtung Herbert Susels ist überliefert, dass diese während eines Fliegeralarms vollzogen wurde.
Nach glaubhaften Aussagen mehrerer Zeugen soll Susel nach dem Abrücken des Vollstreckungskommandos noch Lebenszeichen von sich gegeben haben. Deshalb kehrte ein Feldwebel des Standgerichts an die Hinrichtungsstätte zurück und tötete den Obergefreiten mit einem Pistolenschuss in die Schläfe. Den Tod Herbert Susels stellte ein Stabsarzt vom Reservelazarett Kronach fest. Der Hingerichtete musste zur Abschreckung einige Tage hängen bleiben. Man hatte ihm ein Schild umgehängt, auf dem der Grund für die Verurteilung zu lesen war.
Ein Pater im Oblatenkloster notierte damals: "Nachmittags zogen viele dorthin, um den armen Menschen zu betrachten. Kommunionkinder hat man mitgeschleppt. Es bleibt einem der Verstand stehen. Im Menschen steckt doch ein großes Stück Raubtier."

Hinter der Festung verscharrt

Der Leichnam von Herbert Susel musste in der Nacht vom 10. zum 11. April 1945 vom Vollstreckungsort 200 Meter oberhalb der Nordbrücke entfernt werden. Der Wehrmachtssoldat Hans Weber aus Gehülz-Breitenloh (der spätere Gastwirt mit dem Hausnamen "Palier"), der sich in einem Lazarett in Kronach befand, und sein Kamerad Hans Eberth aus Gehülz-Entmannsdorf hatten den Toten vom Baum abzunehmen und mit einem Leiterwagen zum Beisetzungsort auf dem Schwedenacker hinter der Festung zu bringen, um ihn dort zu verscharren. Später erfolgte die Überführung der sterblichen Überreste in den Kronacher Friedhof.
Aufgrund einer Meldung des Oberstabsarztes Josef Schefers wurde dem Standrechtgerichtsherrn Erwin Helm Ende April verboten, weitere Urteile zu vollstrecken. Hintergrund waren pervers anmutende Verhaltensweisen Helms, die im Zusammenhang mit einer Schädelverletzung standen. Ein Mann mit einer solchen Verletzung und mit einem solchen Verhalten hätte niemals Standrichter sein dürfen, lautete die für Helms zahlreiche Opfer leider zu spät kommende Einsicht des Oberstabsarztes. "Diese Kopfverletzung sollte Helm später vor der Todesstrafe bewahren", schrieb der ehemalige Kronacher Stadtarchivar Herman Wich 1997 in der Schriftenreihe der Haßlacherberg-Heimatpflege.
Als 2013 ein Kreuz mit Christuskorpus am Stamm der Eiche befestigt worden war, rätselten insbesondere manche Kronacher und Gehülzer, wer denn der Urheber dieses Markierungsaktes gewesen sei.

Den Anblick nie vergessen

Des Rätsels Lösung: Der unweit des Baumes wohnende Kronacher Metzgereiinhaber Rudolf Höring brachte das Holzkruzifix an. Er war eines jener Erstkommunionkinder gewesen, die den am Baum hängenden Herbert Susel mit eigenen Augen gesehen hatten.
Dessen Blut lief deutlich erkennbar an dem ihm umgehängten Schild hinunter, erinnert sich Höring noch heute. Diesen grausamen Anblick hat er nie vergessen können. Die Gegenwart des Gekreuzigten am Hinrichtungsort soll dem Opfer von damals seine Würde zurückgeben; und sie soll die bedrängenden Empfindungen und unbeantworteten Fragen Gott anheimstellen.





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