Kronach

Als Kind im Konzentrationslager - Schüler lauschen einer Zeitzeugin

von unserer Mitarbeiterin Heike Schülein Kronach — "Warum kommt immerzu Rauch aus dem Schornstein?", fragt die kleine Eva ihre Mama in Auschwitz. "Hier sind doch so viele Leute, di...
Artikel einbetten
von unserer Mitarbeiterin Heike Schülein

Kronach — "Warum kommt immerzu Rauch aus dem Schornstein?", fragt die kleine Eva ihre Mama in Auschwitz. "Hier sind doch so viele Leute, die brauchen etwas zu essen. Das sind Backöfen, in denen Brot gebacken wird", antwortet diese. Eva ist mit dieser Antwort zufrieden. Welchen Grund hätte ihre Mutter auch haben können, ihr nicht die Wahrheit zu sagen?
Eva Franz, geborene Christ, wurde 1940 in Gablonz an der Neiße geboren. Als sie zweieinhalb Jahre alt war, wurde die Familie Christ von Fulda aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie und ihr Vater überlebten den Terror - als einige wenige einer vormals großen Unternehmer-Familie.
Zusammen mit ihrer Mutter wurde Eva 1944 von Auschwitz-Birkenau nach Ravensbrück deportiert. Ab diesem Zeitpunkt hat Eva Franz eine eigene aktive Erinnerung an ihre Kindheit - "Erinnerungsfetzen", wie sie sagt, "mal schemenhaft, mal klar". Einige schreckliche Dinge haben sich ihr eingebrannt - so wie die bis heute sichtbare Häftlingsnummer 4167, die man ihr mit zweieinhalb Jahren in Auschwitz in den linken Unterarm tätowierte.
Heute erzählt sie an vielen Schulen ihre Geschichte - davon, wie sich ihre beschauliche, behütete Kindheit von einem Tag auf den anderen änderte. 17 000 deutsche Sinti und Roma haben die Torturen während der NS-Zeit nicht überlebt, darunter auch ihre Schwester, ihre Mutter und ein Großteil ihrer Familie.
Eva Franz wurde mit ihren Eltern und ihrer Schwester im Block 25 im KZ Auschwitz untergebracht. Nach sechs Wochen stirbt ihre zwölfjährige Schwester an Typhus. Weil Eva Hunger hat, erbettelt ihr Vater bei einer Baracke etwas Brot. Eines Tages wird er erwischt und ausgepeitscht, bis das Blut spritzt. Daraufhin wird er in ein anderes KZ verlegt. Zurück bleiben Eva und ihre Mutter, die während dieser Zeit ihr einziger Halt ist.
Für Eva ist das KZ Alltag. Sie weiß, dass sie nicht den Zaun mit Starkstrom berühren darf, weil sie sonst ein "ganz schlimmes Aua" bekommt. 1944 wird das Mädchen mit seiner Mutter ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht und gegen Kriegsende in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert.

Die Mutter fiel "einfach" tot um

Hier stirbt die Mutter der damals fast Fünfjährigen. Sie fiel während der Arbeit "einfach" tot um - verstorben an den Folgen der Gefangenschaft, der Unternährung, der harten Arbeit. "Mama, mach doch deine Augen wieder auf, habe ich sie gebeten - immer und immer wieder. Aber sie machte sie nicht wieder auf. Soldaten kamen mit einem Wagen. Sie haben sie draufgelegt und weggebracht. Ich habe sie nie wiedergesehen" - Eva Franz weint. Die Schüler sind erschüttert, auch sie sind den Tränen nah. Sie schauen auf die Bilder auf der Leinwand - Fotos aus Evas Leben: alte Familienfotos, von ihrer Heimat aber auch unerträgliche Bilder aus Au schwitz, vom Lager, den Baracken, hölzernen Schlafpritschen, Leichenbergen!
Man merkt Eva Franz an, wie schwer es ihr fällt, über das Erlebte zu sprechen. Während sie mit tränenerstickter Stimme spricht, ist es um sie herum still. Birgit Mair, Mitbegründerin des sozialwissenschaftlichen Instituts für Forschung, Bildung und Beratung, moderiert das Zeitzeugengespräch. Sie bettet die Erzählungen in den historischen Kontext, zeigt Bilder und Dokumente der Familie aus der Vorkriegszeit.
Heute lebt die Mittsiebzigerin in der Nähe von Nürnberg. Sie hat fünf Kinder und auch mehrere Enkel. Selbst diese wissen erst seit einiger Zeit, dass sie im KZ war. Anfangs hätten sich diese Sorgen gemacht, dass Eva Franz in den Schulen vielleicht mit Tomaten oder Eiern beworfen werde. Dergleichen sei noch nie geschehen. "Die jungen Leute sind immer interessiert und respektvoll. Einige beginnen auch zu weinen", erzählt sie.
Auch in Kronach zeigten sich die Realschüler sehr beeindruckt - insbesondere von ihrer Offenheit und Freundlichkeit, ohne jegliche Hassgefühle. Aussagen waren zu hören wie "Das war schon heftig", "Das kann man sich einfach nicht vorstellen" oder "Wie kann man nur so etwas tun?" Einig waren sich alle darin, dass eine solche Zeitzeugenerzählung etwas ganz anderes als der "übliche" Geschichtsunterricht sei.
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren