Maede Soltani hat ihren Vater seit Jahren nicht gesehen. "Jetzt darf ich auch seine Stimme nicht mehr hören", sagt die Nürnbergerin leise. Sie kann ihren Vater nicht anrufen. Seit 10. September sitzt Abdolfattah Soltani in Teheran im Gefängnis - wieder einmal. Der iranische Anwalt setzt sich für Menschenrechte ein, deshalb wird ihm im Iran am Samstag zum vierten Mal der Prozess gemacht.

Als Maede Soltani vor sechs Jahren nach Deutschland ging, war ihr Vater zum zweiten Mal im Gefängnis. "Wir mussten uns dort verabschieden. Damals saß er 219 Tage, 43 davon in Einzelhaft", sagt die 31-Jährige. Schon als Kind merkte sie, dass ihre Eltern anders sind, dass sie sich um die Menschen kümmern. Die Mutter, eine Lehrerin, gab armen Kindern Privatunterricht. Der Vater beriet Klienten auch mal kostenlos. "Da gab es aber noch keine Probleme. Die gingen erst los, als er vor elf oder zwölf Jahren anfing, politische Fälle zu übernehmen."
In einem Büchlein fasste der Anwalt zusammen, welche Rechte ein Häftling hat, und wie er auf Agenten reagieren soll. "Es wurde an alle verteilt, die in Gefahr sind, verhaftet zu werden", sagt seine Tochter. "Das ist nicht der einzige Grund, warum er eingesperrt wurde. Es sind sämtliche Aktivitäten: dass er politische Gefangene vor Gericht vertritt, dass er mutig ist." Er baut seine Verteidigung auf dem islamischen Recht, der Scharia, auf und widerlegt damit die Anklagen. Dagegen können die islamischen Richter nichts sagen. "Deshalb hat er Erfolg."

Mit Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi gründete der Anwalt 2003 in Teheran ein Zentrum für Menschenrechte. Drei Jahre später stufte das iranische Innenministerium das Zentrum als illegale Organisation ein und kündigte an, Mitarbeiter strafrechtlich zu verfolgen.

Die Gründung des Zentrums ist einer der Anklagepunkte. Außerdem wird dem 54-Jährigen "regimefeindliche Propaganda" vorgeworfen und "Versammlung und Verdunkelung gegen die nationale Sicherheit". Maeda Soltani sagt: "Diese drei Anklagepunkte sind bei allen Mitgliedern des Menschenrechtszentrums gleich. Bei meinem Vater kommt noch ein vierter hinzu: Annahme einer ungesetzlichen Auszeichnung." Damit ist der mit 15.000 Euro dotierte Nürnberger Menschenrechtspreis gemeint, der Abdolfattah Soltani 2009 verliehen wurde. Für die iranische Justiz gilt das als "illegaler Gelderwerb".

Den Preis konnte Soltani damals nicht selbst annehmen; die iranischen Behörden ließen ihn nicht ausreisen.

Stellvertretend nahm seine Ehefrau Masoumeh Dehghan die Auszeichnung entgegen. "Im Juli wurde meine Mutter sechs Tage eingesperrt, davon wurde sie fünf Tage verhört - alles ohne Haftbefehl." Auch bei ihr lautet die Anklage auf Annahme eines ungesetzlichen Preises - den Nürnberger Menschenrechtspreis. Weil der Fall der Mutter noch nicht zu den Akten gelegt ist, muss sie vorsichtig sein. "Sie darf jetzt keine Interviews geben.
Jetzt übernehme ich eben die Verantwortung hier", sagt Maede Soltani bestimmt. Die Designerin hat sich zur Aufgabe gemacht, die Weltöffentlichkeit zu informieren.

"Es ist total hilfreich, dass Menschen aus Europa meinen Vater unterstützen."

Als er das erste Mal verhaftet wurde, wusste die Familie einen Monat nicht, wo er ist, ob er genug zu Essen bekommt, ob er gefoltert wird. "Diesmal durfte er meine Mutter nach einer Woche anrufen. Alle zwei bis drei Wochen kann sie ihn besuchen." Von der Mutter weiß Maede Soltani, dass sich der Gesundheitszustand ihres Vaters verschlechtert hat. "Er muss für weitere ärztliche Behandlung in eine Klinik kommen, Medikamente bekommen", sagt seine Tochter.

Soltanis Inhaftierung ist nach iranischem Gesetz rechtswidrig - die U-Haft-Zeit ist lange vorbei.

"Und er darf kein Gesetzbuch bekommen, keinen Stift und Papier. Er darf seine eigene Akte nicht lesen." Als er festgenommen wurde, drohten ihm die Sicherheitsbeamten mit 20 Jahren Haft. Maede Soltani berichtet von anderen Fällen, in denen die Richter genauso urteilten, wie es vorher angedroht worden war. "Das letzte Mal legte mein Vater Widerspruch ein und wurde in allen Punkten freigesprochen. Der Richter in zweiter Instanz war fair." Dem jetzigen Richter traut die Nürnbergerin nicht. Sollte ihr Vater am Samstag verurteilt werden, wird sie weiter für ihn kämpfen.

Aktionen für die Freilassung Abdolfattah Soltanis


Das Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg ruft dazu auf, dem Botschafter des Iran Briefe zu schreiben und die Freilassung von Abdolfattah Soltani "höflich, aber bestimmt" zu fordern:

Botschaft der Islamischen
Republik Iran
Herrn Botschafter
Ali Reza Sheik Attar
Podbielskiallee 67
14195 Berlin

Amnesty International bittet ebenfalls, die iranischen Behörden aufzufordern, die Anklagen gegen Soltani fallen zu lassen: per Mail z.B. an Religionsführer Ayatollah Sayed 'Ali Khamenei (korrekte Anrede: Your Excellency) info_leader@leader.ir oder die Botschaft: iran.botschaft@t-online.de.
Weitere Adressen stehen auf der Seite www.amnesty-hof.de