Bundesliga

Die andere Seite des Fußballs

1. FC Nürnberg gegen Bayern München - ein Risikospiel. Die Fans sind verfeindet. Kein leichter Nachmittag für Gruppenführer Bastian Christa (32) und seine zehn Kollegen von der Bereitschaftspolizei.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: "Präsenz zeigen", heißt das Motto der Bereitschaftspolizei, wenn die Fans nach Hause gehen. Fotos: Ronald Rinklef
 
Fußball von ganz unten. Nürnberg gegen Bayern mit drei Promille. Mit Provozieren. Mit Gewalt. Fußball kaputt, wie ihn Bastian Christa erlebt. Der 32-Jährige aus Hallstadt bei Bamberg ist Gruppenführer bei der Nürnberger Bereitschaftspolizei, Clubfan. Seit 9 Uhr im Einsatz beim Derby.
Ein Risikospiel. Wegen der Fans. Die Polizei hält sie auseinander, damit es zu keiner Schlägerei kommt. Lotst sie auf zwei Wegen zum Stadion. Christa kümmert sich mit zehn fränkischen Kollegen zwischen 19 und 28 Jahren um die Nürnberger "Ultras", Fans der Kategorie B und C - also alkoholisiert und gewaltbereit. "Intensives Publikum" in der Polizeisprache. Schon morgens durchkämmt Christa ihre Blöcke nach Waffen oder Wurfgeschossen. Willkommen sind sie nicht im "Wohnzimmer" der Eingefleischten. Da liegt ein Teppichmesser. Eigentlich müssten sie es mitnehmen, aber die Fans werden es nach dem Spiel brauchen, um die Banner abzuschneiden. "Leg es runter", sagt Christa zu einem Fan, "und mach keine Dummheiten. Ich vertrau dir." Das ist seine Aufgabe heute: abwägen und Ruhe bewahren. Nach sechs Tagen im Dauereinsatz bei Fußballspielen, Demos und anderen Veranstaltungen.
Da ist Peter, 36 Jahre alt, Typ Büroangestellter. Bei der Kartenkontrolle habe er "schief geschaut", sagt ein Polizist, deshalb habe er ihn rausgezogen. Jetzt macht Peter auf stur. "Mach halt den Alko-Test", fleht sein Freund. Seine Freundin auch. Peter will nicht, wird rotzig. Er sei doch friedlich. Habe natürlich etwas getrunken, ein paar Bier. Er redet völlig klar. Christa erzählt was von Sicherheit. Leute mit mehr als 0,8 Promille darf er nicht ins Stadion lassen. Peter zündet sich eine an. Will immer noch nicht blasen. "Dann ist das Spiel für Sie heute gelaufen", sagt Christa. Peter pustet: 2,56 Promille, um 13.30 Uhr. Der Freund staunt, die Freundin staunt, nimmt ihr Kind und geht einfach. Das erste Hausverbot, das Christa heute ausspricht, es wird noch "Abweisungen ohne Ende" geben.
Nicht bei allen, die überm Wert liegen. Man sei ja nicht in der Oper. Einen Mann, ruhig, aber gezeichnet vom Alkohol, lässt er rein - mit 1,1 Promille. "Aber 2,5 Promille - eine schlechte Verhandlungsbasis." Nebendran lässt einer seiner Kollegen einen Fan auf dem Strich laufen. Klappt noch ganz gut. Ein anderer Polizist verhandelt mit einem 20-Jährigen. Nach einer Flasche Wodka bringt der es auf 2,2 Promille. Eine Eintrittskarte hat er auch nicht, angeblich verloren. Hinten im Schatten ist ein anderer Fan verzweifelt. Auch er kann das Spiel nicht sehen. 3,3 Promille. Der Spitzenreiter heute.
Auch bei den Bayern-Fans am anderen Eingang sieht es nicht besser aus. Promillezahlen jenseits von Gut und Böse. "Gäste abweisen ist noch schlimmer", sagt Polizist Stefan Hüpner (25). Ein Fußballtrainer aus München wedelt mit seinem Ausweis und will für seinen betrunkenen jugendlichen Spieler, 1,3 Promille, bürgen. Er habe nicht mitbekommen, wie der sich im Bus zugeschüttet habe. Er bittet den Polizisten, Nachsicht zu üben. Die lange Fahrt, der Junge sei friedlich. Bitte! Er darf rein. Einen 20-Jährigen in Lederhosen hat eine Polizistin rausgeschickt, weil er auf mehr als zwei Promille kommt. Fast hundert Euro hat er bezahlt, um das Spiel zu sehen. Die Polizisten wissen: Jetzt könnte er erst recht draußen vor dem Stadion randalieren.
Sie wissen auch: Bei mehr als 48 000 Zuschauern schaffen sie nur die Spitze des Eisberges. Jeden können sie nicht kontrollieren, noch nicht mal jeden Verdächtigen. Und es sind "nur" etwa 500 Beamte im Einsatz
Die Ultras kommen kurz vorm Spiel in einem dichten Pulk, Hochbetrieb für die Polizisten. Taschen durchsuchen, Alko-Tests und die Suche nach rechtsradikalen Tätowierungen und Zeichen. Und immer die gleichen Sprüche der Fans: Ich hab nur ein Bier! Was wollt ihr schon wieder? Auch von den Polizisten: "Sind sie mit unseren Maßnahmen nicht einverstanden, können sie das Stadion wieder verlassen." "Entweder sie blasen oder sie können das Spiel abschreiben." Nicola Kutz (23) bleibt ruhig: "Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen", sagt der Polizist. Viele legten es drauf an, dass der Polizist einen Fehler mache.
Dann ein Funkspruch. Schlägerei vorm Eingang. Die zehn Polizisten stürmen durch die Fans, springen über die Einlassgitter. Draußen steht ein Bayern-Fan, etwa 20 Jahre alt. Schwammiger Blick, schwammiger Oberkörper, ohne T-Shirt. Das hätten ihm Clubfans abgenommen, jammert er. Zu zehnt seien sie auf ihn losgegangen. Was er vor dem Eingang der Clubfans gemacht hat, kann er nicht erklären. "Typisches Derby-Scharmützel", sagt Christa. Daten aufnehmen, mehr kann er nicht machen.
Das Spiel beginnt. Keiner der Polizisten hat mitbekommen, wie und wann das erste Tor gefallen ist. Aber jetzt ist es ruhiger, ab und zu werfen sie einen Blick aufs Spielfeld. Sie können nicht überall stehen - "sonst gibt's eine Bierdusche", sagt ein Kollege. Also stellen sie sich hinter den Ultra-Fanblock. Ein Block voller Emotionen und Leidenschaft, leider auch voller Alkohol und Gewaltbereitschaft. Während des Spiels wanken Fans aus den Blöcken, die es unbemerkt durch die Kontrolle geschafft haben. Manche hält es kaum auf den Beinen. Christa lacht und es klingt ein bisschen verzweifelt. Er weiß, wie viel Herzblut in dem Block fließt. "Das ist ihr Leben." Seines nicht. Aber auch er wird jubeln, wenn der Club den Ausgleich schafft.
Halbzeitpause. Patrouille, "schlaue Gespräche" mit Betrunkenen und eine Rangelei unter schwarz uniformierten Clubfans. Einer (1,7 Promille - "Nur ein Bier") schlägt dem anderen (2,1 Promille) ins Gesicht. Der geht zu Boden. "Der hat mich am Bart gezogen", sagt der 29-jährige Schläger. Dass er den anderen bedrängt hat, sagt er nicht. Beide landen auf der Stadionwache. Für beide ist das Derby gelaufen.
In der 85. Minute ist das Spiel für die Polizisten zu Ende. Sie gehen vors Stadion, vorbei an etlichen Bierleichen, die in der Sonne liegen. Draußen treffen sie einen Bekannten. Den jungen Bayern-Fan, dem man das T-Shirt geraubt hat. Schon wieder steht er mit Gleichgesinnten vorm Nürnberger Fanblock. "Wir warten auf jemanden", sagt er und meint: "Wir provozieren." Sagt aber: "Wir wollen nicht provozieren." Bastian Christa schickt ihn weg. Er solle woanders warten.
"Ihr seid unser Schutz", brüllt der Fan, "ihr werdet vom Staat bezahlt." Einer der Polizisten murmelt: "Dem würd' ich's gönnen, wenn er ..."


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