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Behindertensport

Mit Pferd "bin ich komplett": Paralympics-Nachwuchs in Ansbach

Sie haben keine Beine, nur einen Arm oder sind blind - vom Pferdesport kann sie das aber nicht abhalten: Reiter auf dem Trainingsstützpunkt in Ansbach.
Toni Zischler streichelt seinen Wallach "Sebastian". Auf einem neuen Trainingsstützpunkt in Ansbach werden die Turnierreiter für den Para-Sport von morgen gesucht. Foto: Nicolas Armer/dpa
 
von DPA
Ganz ruhig steht Wallach Sebastian da, während Toni Zischler mit seinem Rollstuhl um ihn herum fährt. Brav hebt der große Braune die Hufe hoch, schließt genüsslich die Augen, wenn der 15-Jährige ihn mit der Bürste bearbeitet, und lässt sich auf die Seite schieben, wenn Toni den Sattelgurt schließen muss. Nur bei wenigen Handgriffen braucht der Jugendliche Hilfe; das Meiste schafft er allein. An diesem Wochenende nimmt er an einem Lehrgang für behinderte Reiter im mittelfränkischen Ansbach teil. Dort gibt es seit dem Frühjahr einen speziellen Trainingsstützpunkt für Reiter mit Handicap - es ist einer von nur fünf in ganz Deutschland.

Kursleiterin ist die bayerische Dressur-Landestrainerin Uta Härlein. Zunächst lässt sie sich die verschiedenen Behinderungen beschreiben - und welche Hilfsmittel die Reiter nutzen. "Ziel des Stützpunktes ist, Nachwuchs für den Para-Sport zu finden", sagt Härlein. Die Sportler finden hier gute Trainingsbedingungen: Die Wege sind barrierefrei, es gibt eine behindertengerechte Toilette, ebenerdige Boxen wurden gebaut - so können auch Reiter mit Rollstuhl zu den Pferden.
Die Umbauten wurden großteils aus Spenden finanziert; den Rest hat der Verein getragen. Für Toni die wichtigste Hilfe: die Rampe an der neuen Reithalle, die er mit seinem Rollstuhl hinauf fahren kann. Von oben schafft er es fast alleine in den Sattel.
Seit einer Rückenmarksentzündung vor zwei Jahren spürt der 15-Jährige seine Beine kaum noch. Von einem Tag auf den anderen war der begeisterte Reiter auf den Rollstuhl angewiesen. "Nach der Diagnose dachte ich erst, dass ich nie wieder reiten kann", erzählt der Jugendliche. Doch er gab nicht auf. Erst bekam er zwei Ponys, dann begann er wieder mit dem Reitunterricht. Einmal die Woche kommt er nach Ansbach.

Sebastian habe den Jungen sofort akzeptiert, erzählt Trainerin Härlein. "Toni und Sebastian haben sich sofort gefunden." Und das, obwohl der Trakehner manchmal durchaus schwierig sei.

Für den Behindertensport eignen sich nicht alle Pferde. "Sie müssen sensibel sein und auch auf schwache Hilfen reagieren", betont Härlein. "Sie müssen aber auch in sich ruhen und falsche Bewegungen ignorieren." Ein gutes Pferd für Para-Sportler sei "darauf eingestellt, wenn man eine Spastik bekommt und dreht nicht durch, sondern wartet einfach ab, bis es vorbei ist".
Für Trainer ist es wichtig, sich auf das jeweilige Handicap des Reiters einzustellen und die richtigen Hilfsmittel zu finden. Das kann ein spezieller Sattel sein, Steigbügel, die besser am Fuß halten, oder ein Zügel, den man mit nur einer Hand bedienen kann. Viele Hilfsmittel sind Eigenkonstruktionen; das Wenigste gibt es im Laden zu kaufen.

Hannah Rüdiger aus München etwa benutzt Zügel und Handschuhe mit Klettband, denn an der rechten Hand hat sie nur zwei Finger. Auch die Beine der 17-Jährigen sind seit ihrer Geburt unterentwickelt. Vom Reiten ließ sich Hannah trotzdem nie abhalten. "Ich habe keine richtigen Beine und kann nicht rennen. Das Pferd ersetzt das für mich. Beim Reiten bin ich komplett", sagt sie.

Die 17-Jährige hat bereits an den ersten Dressur-Turnieren teilgenommen: "Ich bin schon ein ehrgeiziger Mensch und will weiterkommen." Schon ihr erster Eindruck vom Trainingsstützpunkt sei besser als in den meisten anderen Ställen. Wegen ihrer Behinderung sei sie von Reitlehrern schon angeschrien und beleidigt worden. Solche Erfahrungen sind keine Seltenheit, wie andere Kursteilnehmer bestätigen. Auch auf Turnieren würden sie oft angefeindet.
Härlein sagt, die Tiere stärkten das Selbstbewusstsein, denn "mit dem Pferd kommt auch ein Rollstuhlfahrer überall hin". Sie träten den Menschen zudem unvoreingenommen gegenüber und "taxieren nicht".

Almut Schlingenkötter, Koordinatorin für Leistungssport beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten, sagt: "Wir haben einen guten Weg zurückgelegt in Deutschland, es könnte aber noch besser sein." Deutsche Para-Sportler im Reit- und Fahrsport zählten seit Jahren zu den besten der Welt. Der Sport sei im Vergleich zu manch anderen Para-Disziplinen aber noch wenig bekannt. "Para-Reiter müssen oft einen weiten Weg zurücklegen, wenn sie gute Trainingsbedingungen haben wollen."

Stützpunkte wie in Ansbach gibt es auch in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern sowie für Berlin und Brandenburg. Wer an einem Turnier teilnehmen will, braucht einen Sportgesundheitspass. Dort wird vermerkt, in welcher der fünf Wettkampfklassen man starten kann - das ist abhängig von der Schwere der Behinderung. In den vier Disziplinen für Para-Pferdesportler - Dressur, Fahren, Springen und Dressur im Western-Reitstil - gibt es bundesweit rund 170 Aktive auf den unterschiedlichen Niveaus - vom Anfänger bis zum Paralympics-Sieger
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