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Kommentar

Fragile Familie in Feierlaune

Kurz vor Beginn des Brexit feiern die EU-Mitglieder ihren 60. Geburtstag in Rom.
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Bei einer Demonstration von EU-Anhängern war die Stimmung bestens. Foto: Gregorio Borgia, dpa
Bei einer Demonstration von EU-Anhängern war die Stimmung bestens. Foto: Gregorio Borgia, dpa
E ine Staatenfamilie feiert Geburtstag. An ihrem Geburtsort in Rom. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei allerdings auch auf London und Ankara. Dort stellen künftige Ex-Familienmitglieder und solche in spe die gemeinsamen Bande infrage. Krisenstimmung mischt sich in die Feierlaune.

Großbritannien lebt in Scheidung mit der Europäischen Gemeinschaft und fehlt bereits bei der internen Party in der italienischen Hauptstadt. Die Türkei stört die Feier von außen: Staatspräsident Erdogan stellt die zuletzt maßgeblich nur noch von seinem Land betriebene Verlobung mit der Europäischen Union zur Disposition.

Absetzbewegungen gibt es auch in Frankreich, einem der Gründerväter der EU. Wie stark diese sind, ob die Nationalisten erfolgreich sein werden, werden die Präsidentschaftswahlen Ende April zeigen. Die Fliehkräfte auf der einen, Partikularismus junger Mitgliedsländer auf der anderen Seite: Die Europäische Union gibt aktuell das Bild einer äußerst fragilen Familie ab.

Dies liegt auch daran, dass die europäische Idee von der Einheit, vom Wohlstand in Frieden und Freiheit nicht an Kraft und Bedeutung verloren hat, zentrale Werte wohl aber in unterschiedlicher Prägung im Bewusstsein der Beteiligten verankert sind.

Familienmitglieder, die sich von der Gemeinschaft in der Hauptsache Wohlstand erwarten, haben die europäische Idee nicht wirklich verstanden. Den Gründervätern der EU war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr wohl klar, dass es Wohlstand ohne Frieden und Freiheit, ohne Einheit nicht geben wird.

Dieses gleichrangige Zusammenspiel ist bis heute alternativlos. Die Europäische Union wird nur dann wieder an Stabilität gewinnen, wenn sich ihre Mitglieder nicht nur an den Grundwerten, sondern auch an deren Gleichklang messen lassen. Dies erkennen immer mehr Menschen. Weil sie sehen, welche Werte verloren gehen könnten, gehen sie inzwischen zu Zehntausenden für Europa auf die Straße: ein Hoffnungsschimmer für die europäische Idee.

Gleichzeitig rüttelt der türkische Präsident Erdogan an den Grundfesten. Er hetzt gegen Europa. Er schüchtert ein. Er schränkt die Meinungsfreiheit ein. Er strebt eine Alleinherrschaft an. Er will Parteien, Medien und Kontrollinstanzen gleichschalten. Wie wichtig genau solche Gegengewichte sind, wird uns in diesen Tagen in den USA vor Augen geführt: Nicht nur Justiz und Kongress zeigen einem fehlgeleiteten Präsidenten, dass er das Wohl und Wehe einer ganzen Nation nicht alleine bestimmen kann.
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