Ausstellung

Tasse statt Pappbecher

Oberfranken ist noch heute die bedeutendste Porzellanregion Europas. Besonders der Mythos Rosenthal ist eng damit verknüpft, wie eine Ausstellung zeigt.
Der berühmte Dreiklang: Besteck und Gläser wurden in der Form des Geschirrs gestaltet. Fotos: Marion Krüger-Hundrup
 
von MARION KRÜGER-HUNDRUP
Kauft Porzellan!" so lautete Anfang der 1930er Jahre die Aufschrift einer über vier Meter hohen, 14 Zentner schweren Kaffeekanne auf Rädern, die von jungen Männern aus der Porzellanstadt Selb durch Deutschland gezogen wurde. Damit wollten sie für den Absatz des heimischen Porzellans werben: Eine Aktion, die die Not geboren hatte. Von den 14 000 Einwohnern der oberfränkischen Stadt bezogen 4000 Arbeitslosenunterstützung, und die Krise der Porzellanfabrikation im Nordosten Bayerns als bestimmender Faktor der industriellen Entwicklung dieser Region hatte schon 1926 begonnen.

Der beherrschende Wirtschaftszweig zwischen Hof, Wunsiedel, Waldsassen und Hohenberg an der Eger kränkelte. Marken wie Hutschenreuther, Rosenthal, Seltmann, Bauscher und Schönwald kämpften ums Überleben. Auch heute müssten starke Männer wieder überdimensionale Kaffeekannen durch das Land ziehen. Von 30 000 Beschäftigten in der Porzellanindustrie des Jahres 1990 stehen derzeit nur noch 3 500 auf den Lohnlisten einschlägiger Fabriken und Manufakturen in ganz Deutschland.

Der Rationalisierungsdruck ist ungeheuer, die ausländische Konkurrenz - besonders Porzellan aus Asien - preiswerter als hiesige Marken. "Und die Gebrauchsgewohnheiten haben sich geändert", sagt Wilhelm Siemen, Direktor des "Porzellanikon" in Selb und Hohenberg an der Eger, Europas größtes Spezialmuseum für Porzellan mit 200 000 Exponaten aus dem deutschsprachigen Raum.

Heutzutage kaufe kaum noch jemand ein Essservice für zwölf Personen. Und die Kaffeekanne sei ohnehin das Auslaufmodell schlechthin. Die private Tischkultur und auch die Gastronomie hätten sich entwickelt und ein Umdenken in der Porzellanindustrie bewirkt. Museumsdirektor Siemen spricht von bemerkenswerten Designprodukten und ungewöhnlichen Konzepten der Gestalter: "Porzellan ist weit mehr als Teller, Tasse und Zierartikel und wird wichtig genommen", unter anderem auch als Isolatoren für die Stromleitungen oder als Knie- und Hüftgelenk.

"Porzellan ist Lifestyle, bei dem sich Nützlichkeit und Schönheit verbinden", meint Siemen, der zudem der Branche eine "Zukunft von weltweiter Bedeutung" beimisst. Denn Porzellan sei nicht zuletzt ein "ökologisch hochwertiges, langlebiges Produkt, das die Natur schützt". Gerade die junge Generation sei auf Nachhaltigkeit aus und setze auf "Tasse statt Pappbecher".

Diesen Imagewandel macht das "Porzellanikon" nun in einer Jubiläumsausstellung sichtbar, die sich zwei bedeutenden Unternehmerpersönlichkeiten der oberfränkischen Porzellanindustrie widmet: Philip Rosenthal junior, der in diesem Jahr 100 geworden wäre, und seinem Vater Philipp senior, der vor 125 Jahren mit einer eigenen Porzellanproduktion in Selb begann. Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: "Der Vater, eine klassische Unternehmerpersönlichkeit, der 1891 mit seiner ersten Porzellanfabrik den Grundstein für die Erfolgsgeschichte legte, und der Sohn, der als Visionär und moderner Marketingmann das Profil des Unternehmens schärfte", erklärt Wilhelm Siemen.

Die Kuratoren der Ausstellung, Petra Werner und Thomas Miltschus, haben aus dem sogenannten Rosenthal-Archiv, das 25 000 Objekte umfasst, etwa ein Prozent ausgewählt. Die Schau an den beiden Standorten des "Porzellanikons" dokumentiert die Geschichte der beiden Rosenthals mit alltäglichen und herausragenden Porzellanen sowie noch nie gezeigtem Archivmaterial, darunter Skizzenbücher und Fotos.
Allein schon die Ausstellungsarchitektur ist sehenswert. Denn die Exponate stehen nicht in gläsernen Vitrinen, sondern "als Kunst in Archivschränken", sagt die verantwortliche Kuratorin Petra Werner.
Diese ungewöhnliche Inszenierung erhöht tatsächlich den Reiz der Präsentation. Der Begriff "Kunst" wird dadurch doppeldeutig: Denn hinter den Sichtfenstern offenbaren sich unter der Ägide von Philip Rosenthal junior entstandene Kunstwerke aus Porzellan von namhaften Künstlern und Designern wie Henry Moore, Lucio Fontana, Günther Uecker, Tapio Wirkkala, Victor Vasarely oder Emilio Pucci. Ein besonderes Kleinod ist das Unikat "Suomi-Objekt 3", eine Kaffeekanne mit Dekorentwurf von Salvador Dalí (1976).
Von der winzigen ersten Rosenthal-Mokkatasse (1891) bis zur Meter hohen Prunkvase, die auf der Weltausstellung 1900 in Paris mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wurde, von Porzellan-Figuren, vom Porzellanform-Dauerbrenner "Maria" und der "Form 2000" zurück zur altehrwürdigen Aschenschale als "Ruheplätzchen für Zigarren" bietet die Ausstellung ein buntes Sammelsurium für das Auge.

Ein weiterer Höhepunkt wartet im Brennhaus der 1969 stillgelegten ehemaligen Rosenthal-Fabrik - eben das "Porzellanikon" in Selb - mit ihrem imposanten Rundofen auf die Besucher. Bekannte Dekore aus der Firmengeschichte zieren die 44 Fenster der Halle und geben ihr den Charakter einer Industriekathedrale. Im begehbaren Rundofen selbst lässt sich Platz nehmen am gedeckten Tisch mit dem berühmten Dreiklang nach Rosenthal junior: Besteck und Gläser wurden der Form entsprechend zum Geschirr gestaltet.

Porzellanikon-Direktor Wilhelm Siemen lobt die "Premiummarke Rosenthal" in höchsten Tönen. Rosenthal sei weltweit ein Synonym für Luxus und Tischkultur. Als Historiker ist ihm natürlich die bewegte Geschichte der Rosenthals geläufig. Der Weg des im westfälischen Werl geborenen Seniors vom einfachen Tellerwäscher in New York zum Großunternehmer in Bayern. Bedingt durch seine zahlreichen Ämter traf er auf einflussreiche Leute wie Reichspräsident Friedrich Ebert oder Paul von Hindenburg. 1934 musste Philipp Rosenthal auf Grund seiner jüdischen Herkunft aus dem Unternehmen ausscheiden. Der Firmenname Rosenthal konnte dank seines Weltrufs weiter geführt werden. "Es gehört zur Wahrhaftigkeit, dass die Ausstellung die NS-Zeit nicht ausklammert", betont Siemen.

Auch die Ära des Sohnes Rosenthal war politisch geprägt: Er war Sozialdemokrat und Bundestagsabgeordneter mit engen Beziehungen etwa zu Willy Brandt und Helmut Schmidt. Eine 25 Meter lange Reliefwand porträtiert in Wort und Bild für die Ausstellung die beiden Rosenthals.

Die Witwe des Juniors und seine fünf Kinder waren bei der Ausstellungseröffnung mit Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle zugegen. Der Mythos Rosenthal ist eben die eine Seite der Medaille, der Strukturwandel in der Porzellanindustrie die andere.


Zerbrechliche Schönheit


Die Jubiläumsausstellung ist im Porzellanikon, Staatliches Museum für Porzellan, an den beiden Standorten Selb und Hohenberg an der Eger bis zum 13. November 2016 zu sehen. Jeweils geöffnet Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 17 Uhr, Montag geschlossen.
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