Berlin
Einsamkeit

Weihnachten allein - Kann eine Hotline einsamen Senioren helfen?

Von Heiligabend bis Neujahr stellen sich Ehrenamtliche telefonisch rund um die Uhr für Gespräche mit vereinsamten Berlinern zur Verfügung.
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Von Heiligabend bis Neujahr stellen sich Ehrenamtliche telefonisch rund um die Uhr für Gespräche mit vereinsamten Berlinern zur Verfügung. Foto: Britta Pedersen/dpa
Von Heiligabend bis Neujahr stellen sich Ehrenamtliche telefonisch rund um die Uhr für Gespräche mit vereinsamten Berlinern zur Verfügung. Foto: Britta Pedersen/dpa
In Großbritannien gibt es so ein Angebot seit Jahren dauerhaft. Ein Modell auch für Deutschland?

Ein älterer Herr, der seinen Tod simuliert, um an Weihnachten Familienbesuch zu bekommen - so etwas passiert wohl nur in der Werbung. Aber auch im echten Leben kann der Gedanke an Feiertage an einem leeren Esstisch beklemmend sein, gerade für ältere Menschen. "Es ist nicht nur ein Gerücht, dass sich manche ins Krankenhaus einweisen lassen", sagt eine Expertin der Berliner Arbeiterwohlfahrt (AWO).

In der Hauptstadt war zuletzt auch ein einsamer Rentner Gesprächsstoff, der mit einem Aushang in einem Supermarkt nach einem kleinen Kreis zum Mitfeiern suchte - und fand. "Einer bleibt immer übrig", zitierte die "Berliner Morgenpost" kürzlich den 79-Jährigen.

Wie dem Rentner gehe es in Deutschland einer wachsenden Zahl älterer Menschen, ist die Berlinerin Elke Schilling überzeugt - und sie will helfen. Mit einer Idee, die sich in Großbritannien bereits bewährt hat: einer Hotline, bei der einsame Senioren rund um die Uhr einen Gesprächspartner erreichen. Von Heiligabend, 12.00 Uhr, durchgehend bis Neujahr, 12.00 Uhr, stehen nun erstmals Ehrenamtliche des Projekts Silbernetz unter der Nummer 0800 4708090 bereit - das Feiertagstelefon ist ein Testlauf, zunächst für Berliner Anrufer.

"Keine Frage zu groß, kein Problem zu klein. Kein Grund, damit allein zu sein", lautet das Motto. Schilling würde die Rufnummer gern dauerhaft betreiben und ausbauen: erst einmal für Berlin-Brandenburg, später auch bundesweit, so schwebt es ihr vor. Um die Hotline zu betreiben, benötigt die Initiative allerdings noch viele Spenden: Nötig seien wohl etwa 200 000 Euro jährlich, sagt Schilling. Eines ihrer Motive ist eine einschneidende Erfahrung vor einigen Jahren: Ihr Nachbar lag längere Zeit tot in seiner Wohnung, unbemerkt, wie sie erzählt.

Der Blick nach Großbritannien zeigt, dass das Telefon-Projekt funktionieren kann. Die Wohltätigkeitsorganisation "The Silver Line", finanziert nur aus Spenden von Privatleuten, Organisationen und Firmensponsoren, nimmt rund 10 000 Anrufe pro Woche aus dem ganzen Land entgegen - diese Zahl steigt während der Weihnachtstage. Die Hotline für über 55-Jährige ist rund um die Uhr mit maximal 20 Mitarbeitern pro Schicht besetzt. Zwei Drittel aller Anrufer wenden sich an das Sorgentelefon, weil sie sich einsam oder isoliert fühlen.

"Wir füllen eine Lücke", erklärte Geschäftsführerin Sophie Andrews der Zeitung "The Guardian". Denn zwei Drittel der Anrufe kämen über Nacht und am Wochenende, wenn andere Seelsorgedienste geschlossen seien. "Die Leute rufen nicht die Samariter an - sie haben Angst davor, die Leitungen zu blockieren und denken, dass ihre Bedürfnisse nicht schlimm genug sind." Oft rufen einsame Senioren unter einem Vorwand an - sie fragen zum Beispiel nach einer nahegelegenen Stadtbücherei. "Man darf das nicht für bare Münze nehmen", sagte Andrews. "Unsere Mitarbeiter informieren, aber fragen dann weiter, was die Anrufer denn machen, nachdem sie die Bücherei besucht haben."
Seit 2013 hat die Initiative rund 1,5 Millionen Anrufe erhalten. Gegründet wurde sie von der bekannten Fernsehmoderatorin Esther Rantzen. Als ihr Mann starb, wurde ihr erst klar, wie einsam sie war - trotz vieler sozialer Verpflichtungen und Einladungen.

Ist Weihnachten in dieser Hinsicht ein besonderes Datum? Für Fachleute, die mit Senioren zu tun haben, ist die Antwort eindeutig. Weihnachten sei besonders stark mit dem Gedanken an die Familie und mit den Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste verbunden. Ist der  Partner gestorben und leben die Kinder weit entfernt, schmerze das Alleinsein besonders. Hinzu kommt die Trauer um die Verstorbenen.

Verstärkt werde das Gefühl noch durch den Lichterglanz in allen anderen Fenstern, sagt Klaus Pawletko vom Verein Freunde alter Menschen in Berlin. Im Wissen um diese Gefühlslage richte der Verein - Zielgruppe ebenfalls einsame Senioren - am 24. Dezember Weihnachtsfeiern aus. Erfahrungsgemäß meldeten sich Betroffene oft aber nicht selbst, der Verein werde eher durch Dritte - Sozialarbeiter oder Nachbarn etwa - auf sie aufmerksam.

Insgesamt, sagt die Expertin der Berliner AWO, verschärfe sich das Problem Einsamkeit bei Älteren eher. Erwiesenermaßen ist Einsamkeit ein Faktor für die Gesundheit: Zwischen unglücklichem Alleinsein und ungesundem Lebensstil sowie Depression bis hin zum Suizid sehen Wissenschaftler Zusammenhänge. Es ist naheliegend, dass die freiwilligen Seelsorger der "Silver Line" neuerdings von Experten unterstützt werden, die sich um psychologische Probleme kümmern.

"Wir müssen aufeinander aufpassen", sagte Camilla, die Herzogin von Cornwall, der Zeitung "The Telegraph" - sie ist seit ihrem 70. Geburtstag im Juli 2017 Schirmherrin der "Silver Line". Bei einem Besuch Anfang Dezember nahm sie persönlich Anrufe entgegen. "Das ist so eine nette Sache, besonders kurz vor Weihnachten."
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