Der Rote Riese, der Wahnsinn und die Regeln

26.10.2012 13:03  Von: Katrin Geyer  

Wenn es um die Berichterstattung über Firmen geht, braucht eine Zeitungsredaktion Regeln. Zwei reichen aus. Warum eine dritte Regel manchmal unerlässlich ist.

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Wenn es um Berichterstattung aus der heimischen Wirtschaft geht, gibt es in den meisten Zeitungsredaktionen klare Regeln. Auch bei der Bayerischen Rundschau. Regel Nummer eins: Werbung hat im redaktionellen Teil einer Zeitung nichts verloren. Regel Nummer zwei: Wenn ein Unternehmen etwas wirklich Außergewöhnliches oder gar Einzigartiges zu bieten hat, kann das ein redaktionelles Thema sein. Werbliche Elemente sollten in der Berichterstattung tunlichst vermieden werden. Dass der Firmenname zwangsläufig das eine oder andere Mal fällt, wird in Kauf genommen. Regel Nummer drei: Manchmal ist alles ganz anders. Nehmen wir als ganz aktuelles Beispiel den Media-Markt. Der eröffnet in Kulmbach ein Geschäft, in dem er nichts tut, was er anderswo nicht auch täte: Fernseher verkaufen, Waschmaschinen, Mobiltelefone oder Kaffeemaschinen. Die Nachricht von der Geschäftseröffnung an sich wäre kein redaktionelles Thema. So, wie auch die Eröffnung einer Metzgerei, die Wurst und Schinken verkauft, kein Thema ist. Oder die Eröffnung eines Autohauses, das – richtig! - Autos verkauft. Hätte nun, nur einmal angenommen, die neue Metzgerei auch Straußenwurst und Känguru-Schinken aus eigener Herstellung im Angebot, dann könnte daraus durchaus ein journalistischer Beitrag werden. Ebenso wie aus dem neuen Autohaus, das das bundesweit erste Auto mit einer bislang noch nicht genutzten Technologie im Angebot hat. Dann stünden der Schinken und das Auto im Mittelpunkt der Geschichte. Der Rest bliebe außen vor. Nun hat Media-Markt weder Känguru-Schinken noch Zukunfts-Autos im Programm. Sondern eher Leberwurst und Dieselmotoren. Im übertragenen Sinne natürlich. Waschmaschinen also, wie sie jeder andere Elektrofachhändler auch anbietet. Elektro-Kleingeräte, die jeder größere Verbrauchermarkt im Sortiment hat. Oder Digitalkameras, die man auch im Fotogeschäft oder bei Amazon kaufen kann. Also keine journalistische Geschichte? Doch. Weil hier nämlich eindeutig Regel Nummer drei greift: Schon lange vor dem ersten Öffnungstag wird von verschiedener Seite das Thema ganz groß gespielt. Weil der Bauherr Millionenbeträge investiert, ist sein Objekt Thema für die Medien. Weil das Objekt an einer der umstrittensten Kreuzungen von Kulmbach liegt, reißt die Diskussion über das Für und Wider der Firmenansiedlung nicht ab. Auch in den Medien nicht. Weil der große rot-graue Klotz das Stadtbild nachhaltig verändert, kann man ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht übersehen. Und weil Media-Markt in unserer Gesellschaft beinahe Kultstatus hat. So wie Ikea. Oder McDonald’s. Oder Red Bull. Deswegen ist alles ganz anders. Deswegen gab es bei uns natürlich eine Geschichte zur Eröffnung des Media-Markts. In der es allerdings nicht um Waschmaschinen oder Mobiltelefone ging. Sondern um den gelebten Wahnsinn: Was bringt Menschen dazu, sich an einem nieselig-ungemütlichen Morgen schon vor sechs Uhr vor den Markt zu stellen – um dann zu den ersten zu gehören, die in den neuen Laden stürmen? Was bringt Menschen dazu, unausgeschlafen große Kartons mit Fernsehern aus dem Laden zu schleppen, die es in anderen Läden womöglich zum ähnlichen Preis gegeben hätte – inclusive Lieferservice. Was bringt vor der Eröffnung Menschen dazu, anzunehmen, dass nach der Eröffnung Menschen verrückt spielen – so dass in ganzen Straßenzügen Halteverbotsschilder angebracht, Privatparkplätze mit Trassierband gesichert und Rettungswagen und Polizeifahrzeug in Bereitschaft gehalten werden? Was ist der Grund, dass die Eröffnung (mindestens) einen Tag lang Stadtgespräch ist? Genau das ist unsere Geschichte. Mit Werbung hat sie nichts zu tun. Weil nämlich Regel Nummer drei Regel Nummer eins nicht automatisch außer Kraft setzt. Wir sind ja nicht blöd!
 
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