Manchmal Kampf und manchmal Krampf

18.10.2012 17:21  Von: Katrin Geyer  

Warum in den Wochen vor einer Wahl oft auch in einer Zeitungsredaktion der Ausnahmezustand herrscht.


Anfang September fragte der Chef: „Was machen wir denn zur Wahl?“ Damals klang das harmlos. Etwa so wie die Frage: „Was kochen wir denn am Sonntag?“ Letztere lässt sich mit dem Hinweis „Rouladen und Klöß’ – wie immer“ meist schnell und für alle befriedigend beantworten. Zur Oberbürgermeister-Wahl freilich sollte es mehr als nur journalistische Hausmannskost sein. Mehr als die üblichen Berichte von Wahlveranstaltungen, bei denen nach gründlicher Lektüre der Wahlprospekte absehbar ist, was die Kandidaten sagen werden. Mehr als die übliche Vorstellung der Konkurrenten um den Chefsessel im Rathaus, in der voraussehbar stehen würde, dass sie Kulmbach wegen der liebenswürdigen Menschen so mögen, ihre Familie lieben und Hausmannskost schätzen: Rouladen und Klöß’, zum Beispiel. Also haben wir uns im turbulenten Redaktionsalltag eine ruhige Stunde freigeschaufelt und in unserem Hirn den Kreativ-Modus aktiviert. „Kreativ sein kann man auch auf Kommando“, predigen wir unseren jungen Kollegen immer. Stimmt schon. Aber es ist sehr, sehr mühsam. Irgendwann hatten wir dann unsere Themen zusammen. Vier Wochen lang jeden Tag, außer montags, eine Geschichte zur Wahl, dazu eine Podiumsdiskussion gemeinsam mit den Kollegen von Radio Plassenburg und Kulmbach TV – das war unser ehrgeiziges Ziel. Theoretisch. Praktisch war’s nicht ganz so leicht. Versuchen Sie mal, eine Redaktion mit noch urlaubenden Kollegen, eine Zeitungsumfangsplanungsabteilung, die Kollegen von der Grafik und vor allem drei Kandidaten unter einen Hut zu bringen! Sie werden schnell merken: Der eigentliche Wahl-Kampf spielt sich nicht am Infostand und im Wirtshaus ab. Sondern in der Zeitungsredaktion! Fachkundiger Vergleich der Wahlplakate? Super Idee! Dummerweise hat der eine Kandidat gar keine Plakate. Eine Straßenumfrage mit dem Ziel, eine (nicht repräsentative) Prognose des Wahlergebnisses zu wagen? „Mir sogn nix!“ sagten die Kulmbacher. Oder gar: „Mir genga net wähln!“ Und schon war ein schönes Thema „gestorben“, wie es bei uns Journalisten heißt. Nicht etwa ein Kampf, sondern ein rechter Krampf war unsere Idee, die Kandidaten zum Live-Chat einzuladen. Nicht etwa wegen der Kandidaten – obwohl einer von ihnen bei uns in der Redaktion erst einmal einen Crash-Kurs zum Thema bekam. Nein, ein Krampf war’s zu denken, dass nachmittags um vier die Leute wild darauf sind, Politikern Fragen zu stellen, die in diversen Werbeprospekten schon längst beantwortet sind. Dass die Chat-Technik bis zum Relaunch unseres Internet-Portals inFranken zudem ziemlich umständlich war, machte es auch nicht besser. Unsere ersten beiden Versuche mit Ingo Lehmann und Hans-Dieter Herold waren so frustrierend, dass wir Henry Schramm am liebsten wieder ausgeladen hätten. Der, immerhin, hatte dann doch ein paar Gesprächspartner. Aber aus der schönen, ausführlichen Dokumentation jedes einzelnen Chats wurde natürlich mangels Masse nichts. Sie merken schon: Man kann vieles planen. Und ist doch nicht vor solchem Krampf gefeit. Weshalb in Vorwahl-Zeiten auch in einer Zeitungsredaktion der Ausnahmezustand herrscht. Wahl-Kampf eben.
 
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