Nicht jeder Kandidat hat Zeit und Lust

25.09.2012 14:05  Von: Christian Holhut  

Wahlen sind eine Herausforderung für Journalisten. Manch einem Protagonisten ist aber nicht nur das ziemlich wurscht.


Wahlzeiten sind Hochzeiten für Journalisten. Und zwar über Wochen. Wer seine Leser als Lokalzeitung umfassend informieren und dabei seinem journalistischen Auftrag nachkommen will, nicht nur Wahlwerbung unreflektiert ins Blatt zu hieven - wie es beispielsweise durch die Berichterstattung von Wahlkampfveranstaltungen der Fall wäre -, muss sich richtig Mühe geben. Zudem sind die Lokaljournalisten in der Position des Vermittlers: Sie haben die Aufgabe, die Fragen zu stellen, die sich auch ihre Leser stellen. Um Antworten abseits der Wahlwerbung zu bekommen, die aus Platitüden und allgemeinen Floskeln bestehen und eh schon in Endlosschleifen auf die Bürger niederprasseln. Auch Kulmbach ist jetzt vom Wahlkampf erfasst. Spät, aber doch kommen Henry Schramm (CSU), Ingo Lehmann (SPD) und Dieter Herold (GOL) in die Puschen und werben für ein Kreuz an der aus ihrer Sicht richtigen Stelle. Wir als Redaktion stehen dafür schon lange bereit: Nahezu täglich wird die OB-Wahl in der Bayerischen Rundschau thematisiert, zudem gehört eine Aufarbeitung im Internet und in sozialen Netzen mittlerweile dazu. Außerdem: eine Diskussion mit den Kandidaten vor Publikum, natürlich auch crossmedial (vormerken: Sonntag, 7. Oktober, im Autohaus "Motor-Nützel"/kostenlose Karten unter 09221/949281). Natürlich sind Wahlen auch ein Stresstest für die Protagonisten und deren Wahlkampfbeauftragte. Die Öffentlichkeitsarbeit fordert ihnen alles ab, mindestens eben in diesen vier Wochen vor der Wahl. Und dann kommt da noch die Lokalzeitung - und will hier ein privates Foto, dort ein Statement. Und bei den Plakatklebern wollen sie auch noch mit. Was die Medien alles so wollen... Vorab: Wir haben Verständnis. Für nahezu alles. Für blankliegende Nerven beispielsweise. Aber auch für den dichten Terminkalender. Drum geben wir für alle unsere Anfragen genügend Vorlauf - nämlich mehrere Tage, teilweise sogar Wochen. Und wenn unsere Wünsche für die Berichterstattung auch ausgefallen erscheinen mögen: Wir haben zum Ziel, dass möglichst viele Kulmbacher zur Wahl gehen. Auch die, die sich vielleicht nicht mit Fördergeldern für den Bau eines Stadtwerke-Zweckgebäudes oder einem Kreisel in der Mittelau beschäftigen wollen, weil es sie einfach nicht betrifft oder interessiert. Jeder soll zur Wahl gehen, denn: Schon in Kürze könnte für jeden etwas Relevantes vor dessen Haustüre passieren. Will er dann wirklich einen Entscheider, dem er das Nachsehen gewünscht hat? Und schließlich soll Kulmbach seinen OB wählen - und nicht nur ein Bruchteil von Kulmbach. Bei allem Verständnis sind wir Medien aber auch mal verärgert. Beispielsweise dann, wenn wir wegen Ablauf von Abgabeterminen zigmal nachfragen und - den Redaktionsschluss vor Augen - auf Lieferung des fehlenden Inhalts drängen müssen. Aber wir sind manchmal schlicht und einfach auch enttäuscht. Nämlich immer dann, wenn eine aus unserer Sicht relevante Berichterstattung abgekanzelt oder uns gar noch pure Lustlosigkeit signalisiert wird, diese Öffentlichkeitsarbeit "auch noch" erledigen zu müssen. In letzterem ist GOL-Kandidat Dieter Herold durchaus auffällig, hat er doch uns gegenüber nicht nur ein Mal betont, dass er doch eigentlich überhaupt keine Zeit oder Lust hat für all das, was wir da wollen. Und auch Ingo Lehmann (SPD) tat einmal seinem Unmut kund, dass das doch alles sooo viel sei... Wir hören uns das als Redaktion freilich an. Aber wir wollen natürlich niemanden zu seinem (aus unserer Sicht) "Glück" zwingen. Nein, wir haben es nicht getan und werden es nicht tun: Wer als OB-Kandidat nicht will, der soll auch nicht - Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Er muss auch nicht wahlkämpfen. Wir werden unseren Wählern einfach so mitteilen, dass jemand dazu doch gar keine Zeit oder Lust hat. Und gut ist! Auch wenn es dann doch etwas enttäuschend ist, wenn man beispielsweise von drei Kandidaten nur zwei bei einer Geschichte hat, so wie in der BR vom heutigen Mittwoch. Denn eigentlich haben wir gedacht: Wahlzeiten sind insbesondere Hochzeiten für die Kandidaten.
 
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