Wenn der Klaubautermann kommt

09.04.2012 15:35  Von: Katrin Geyer  

Warum die Piratenpartei für kreative Schreiber ein Glücksfall war - und warum sich Leser allmählich trotzdem langweilen.

Die Gründung der Piratenpartei war ein Glücksfall. Für die Politik - vielleicht. Das wird die Zukunft noch zeigen. Für Journalisten und ihre Leser auf jeden Fall. Anfangs. Was ließen sich bei der Berichterstattung über die Piraten nicht für wunderbare sprachliche Bilder und Vergleiche finden: Die Piraten "zeigten Flagge", sie schickten sich an, die Parlemente zu "entern" und dort Sitze zu "kapern", die einst in der Hand etablierter Parteien waren. Unter vollen Segeln fuhr die Partei - und die Schreiber im Land wurden nicht müde, das Lexikon der Seeräubersprache zu bemühen, um möglichst anschaulich zu schildern, was da auf der stürmischen See der deutschen Politik vor sich ging. Klar, haben wir ja in all den Seminaren zum Thema "Kreatives Schreiben" gelernt - immer schön so erzählen, dass im Kopf des Lesers ein Bild entsteht.
Und nun müssen wir vermelden, dass da und dort die Piraten schon in eine Flaute geraten sind, dass ihr Schiff durch schwere See pflügt. Und es ist keine Spökenkierei mehr, zu mutmaßen, dass die Partei, die das Nicht-Programm zum Programm gemacht hat, eines Tages womöglich der realpolitische Klabautermann holt. Vielleicht retten sie sich ja noch ans sichere Ufer von Fiddler's Green, jenem legendären Paradies, in das all die Seeleute eingehen, die wider Erwarten nicht vom Teufel geholt werden... Vielleicht heißt es aber auch ganz spektakulär: Treffer, versenkt!
Auf jeden Fall ist dann Schluss mit der ach so lustigen Bildersprache, die, wenn sie zu verbalen Dauermarotte wird, ein bisschen nervt. Wir nehmen uns da nicht aus: Die Versuchung ist einfach zu groß, einmal einen Kontrapunkt zu setzen zum sonst üblichen Polit-Sprech. Aber wie gesagt: Dem Ganzen ist, um noch ein letztes sprachliches Bild zu bemühen, allmählich ein wenig der Wind aus den Segeln genommen.
Kein Grund freilich, als Schreiber zu verzweifeln. Die nächste Partei mit Kreativ-Potenzial wird kommen. Die heißt dann, vielleicht, "Die Köche". Die Köche werden sich anschicken, den etablierten Parteien kräftig "Dampf im Topf" zu machen, werden dem Wähler ganz neue Themen "auftischen" um ihn wieder auf den "Geschmack zu bringen" an der Politik. Sie werden dem politischen Einheitsbrei wieder Würze verleihen, mit gepfefferten Argumenten hantieren, werden dabei manche Suppe versalzen, aber auch Themen servieren, die dem einen oder anderen gar nicht munden, die alles andere sind als politisches Fast Food - und manchem sauer aufstoßen oder wahlweise schwer im Magen liegen. Ein schreiberisches Festgelage wird das werden! Solange, bis uns Schreibern - und den Lesern auch - der Appetit auf solch überbordende Bildhaftigkeit wieder vergangen ist.
Was freilich bleibt, wenn alle Piraten kiel geholt sind und alle Köche den Löffel abgegeben haben? Ein schöner Satz, der von unseren amerikanischen Journalisten-Kollegen stammt: "If you can't stand the heat, stay out of the kitchen." Sehr frei übersetzt heißt das: "Wenn du's nicht aushalten kannst, dass es manchmal heiß hergeht, dann hast du in der Küche nichts verloren." Diese Weisheit sollten sich alle, die sich als Salz in der politischen Suppe verstehen und bei allem, was jemand anrichtet, ihren Senf dazu geben wollen, groß auf ihre Fahnen schreiben. Ob auf der Fahne dann ein Totenkopf drauf ist - das macht das Kraut auch nicht mehr fett.
 
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