Frühjahrsputz dürfen nicht alle

30.03.2012 16:31  Von: Christian Holhut  

Wenn sich Lokaljournalisten austauschen, werden die wunderlichsten Dinge erzählt. Dabei sollte immer erlaubt sein, was gefällt.


Aus der BR vom Freitag.
Kollegin M. aus Nordrhein-Westfalen klingt deprimiert. "Frühjahrsputz fürs Auto - ich finde Eure Seiten immer sehr gut", schreibt sie. Aber dann: "Ich habe mir bei diesen Themen bei uns jetzt drei-, viermal ne blutige Nase geholt und lasse es jetzt bleiben."
Es ist absurd, was sich deutsche Zeitungen im Lokalen teilweise antun. Aber es ist Realität. Auch wenn dem Lokalen die Zukunft gehört: Lieber machen sie weiterhin das, was sie schon immer gemacht haben - auch wenn sie wissen, dass es keiner liest (wie es auch Carlo Imboden im Interview mit dem Lokaljournalisten-Forum "Drehscheibe" darlegt). Warum? Wirtschaftliches Interesse kann es nicht sein, weil es nicht vorausschauend ist. Wohl eher Gewohnheit. Die Auflage sinkt, die Leser wenden sich ab: Gewohnheit bis zum bitteren Ende.
Besagte Kollegin war im November vergangenen Jahres mit mir auf einem Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung, das sich dem "Storytelling" widmete. In der Lokalzeitung Geschichten zu erzählen, wie sie der Leser mag. Geschichten schreiben, die gelesen werden. Sie aufschlüsseln für den Leser, an seinem Alltag andocken, nützliche Informationen weitergeben. Das ist "Storytelling". Es ist nah am Leser, beantwortet alle Fragen, gibt Stoff zum Weitererzählen. Themen statt Termine, Leserperspektive statt Verlautbarung. "Hast Du gelesen, dass...?" oder "Heute steht in der Zeitung, dass...!": Bestenfalls hat jeder Artikel in der Zeitung beim Leser solche Sätze zur Folge. Eine Vision, klar. Aber auch ein Ziel für die tägliche Zeitungsarbeit.
Jährlich verlieren die Tageszeitungen in Deutschland rund drei Prozent an Auflage, die in Bayern etwa zwei Prozent. Trotzdem sehen sich viele Verlagshäuser nicht in der Lage, Veränderungen anzupacken und auch bei den redaktionellen Inhalten neue Wege zu gehen. Klar: Mit Gewohnheiten bricht niemand gerne, weder Redakteur noch Leser. Und es besteht freilich auch die Angst, beispielsweise von Vereinen, völlig aus der Wahrnehmung zu verschwinden. Aber warum sollte das passieren? Eine Lokalzeitung ist kein Betrieb, der seinen Standort einfach verlagert. Sie schöpft ihre Themen immer aus den Vereinen, aus der Kommunalpolitik, aus der Heimat, aus dem Umfeld ihrer Bürger, aus dem direkten Kontakt mit dem Leser - das wird sich nicht ändern. Auch bei der Bayerischen Rundschau. Einzig ändert sich ab und an der Blickwinkel, die Aufarbeitung. Aus Terminen werden Themen, aus dem Blick vom Elfenbeinturm wird der des Lesers. Hier darf nicht abstrakt diktiert werden, hier wird anschaulich erzählt. Zum Wohle aller.
Kollegin M. ist leider weiterhin gefrustet. "Ich renne gegen Mauern mit der Aufschrift ,Das haben wir noch nie so gemacht´", schreibt sie. Zumal sie für ihre Geschichte in Zusammenarbeit mit einem Autohaus, wie man im Winter am besten die Scheiben frei kriegt, vor ein paar Wochen schon nur Hohn und Spott geerntet hat. Kopf hoch, Kollegin! Ich hätte diese Geschichte gerne gelesen, mir hätte sie auch sicher gefallen - und vielleicht so manche Minute an Eiskratzen erspart. Denn sie ist nah, ganz nah am Leser. So wie der Frühjahrsputz fürs Auto auch.
 
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