Verzweifelter Gralskönig im Bundestag
31.07.10 Von: Monika Beer
Bayreuther Festspiele Stefan Herheims "Parsifal"-Inszenierung ist auch im dritten Aufführungsjahr für Überraschungen gut. Unter den Solisten ist Kwangchul Youns Gralshüter Gurnemanz der König.

"R. träumte, dass Fidi's Doppelgänger in Blau gekleidet aus dem Spiegel käme und gegen Fidi wanderte, um dann durch die Türe zu verschwinden, unheimlicher Eindruck." Was Cosima Wagner am 16. März 1880 in ihrem Tagebuch zu einem Traum ihres Mannes vom gemeinsamen Sohn Siegfried festhielt, war vielleicht eines der vielen Mosaikteilchen, aus denen Stefan Herheim und sein Team ihre "Parsifal"-Inszenierung von 2008 konzeptionell gebaut haben.
Stein für Stein, Traum für Traum machen sie das, was sich auf der Handlungsebene und im übertragenen Sinne im so bezeichneten Bühnenweihfestspiel abspielt, fest an der Geschichte der Familie Richard Wagners, der Bayreuther Festspiele, der "Parsifal"-Rezeption und konkret auch an der blutbefleckten deutschen Zeitgeschichte vom Wilhelminischen Reich bis in die bundesrepublikanische Gegenwart - auch wenn Wagner selbst, wie er wörtlich zu Cosima sagte, bei "Parsifal" eigentlich "blutwenig an das deutsche Volk gedacht habe".
Ein schmerzhafter Reifeprozess
Die Herheimsche Lesart hat auch in ihrem dritten Jahr nichts von ihrer Faszination, Wirkungsmächtigkeit und Vielschichtigkeit verloren. Im Gegenteil: Beim Wiedersehen gibt es zwar ein paar Rätsel weniger, dafür stellen sich neue und überraschende Aha-Erlebnisse ein, weil bisher übersehene Querverbindungen plötzlich neue Wahrnehmungsebenen aufschließen.
Es sind, was bei einem Stück mit nur einer realen, dafür aus der Zeit gefallenen Frauenfigur nicht weiter verwundert, Männerträume, die sich hier über Zeit und Raum hinweg verwirklichen wollen: Parsifal, der reine Tor, der seiner Mutter weggelaufen ist, lernt natürlich nicht nur die Liebe kennen, sondern viel Gewalt. Aber er ist nicht der einzige auf diesem langen und schmerzhaften Reifeprozess über Leben und Tod - und ein Leben nach dem Tod.
Wer was ist, weiß keiner
Von Beginn an, von klein auf, verschwimmen die Figuren. Ja, der Bub im mal blauen, mal unschuldsweißen Matrosenanzug müsste Wagner-Sohn Fidi sein. Schließlich spielt das Stück hier auf einer Bildachse, die von Wagners Grab im Garten über den Brunnen und die Rotunde mitten hinein in den Salon und die Schlafzimmer der Villa Wahnfried führt. Aber immer wieder wechseln die Knaben ihre Identität, sind auch Parsifal, Amfortas, Klingsor und Titurel.
Wenn während der Ouvertüre der Vorhang aufgeht und in stummer Pantomime erste Traumsequenzen zunächst die Vorgeschichte von Herzeleide und Parsifal erzählen, glaubt man sich noch auf sicherem Boden. Doch ebenso zauberisch, wie die Knaben, Frauen und Männer im zentralen Messingbett auftauchen und verschwinden, wechseln die Perspektiven. Man sieht schnell ein, dass es einen richtigen Blickwinkel nicht gibt, nicht geben kann - erst recht, wenn sich die Amfortaswunde im Laufe des Abends nicht nur bei etlichen Männerfiguren zeigt, sondern auch bei Kundry.
Was wohl Angela Merkel denkt?
Sie, die Höllenrose, ist der tiefenpsychologische Spiegel, der männliche Sehnsüchte, Gewalt- und Machtfantasien offenbart. "R. hatte eine schlimme Nacht", notierte Cosima am 14. März 1878, "mit schrecklichen Träumen, er wollte das Prälude von Bach spielen, das musste auf gehacktem Fleisch geschehen, keines da, Fidi fehlt plötzlich, Gemunkel, Schrecken, Schrei, Aufwachen. ,Da fang ich an zu jodeln‘ , lacht R., ,wenn der liebe Gott nur so ein armes Genie wie mich quälen kann!‘"
Wagner und Herheim quälen uns selbstverständlich auch mit gehacktem Fleisch: Die Gralsritter und die Mannen aus Klingsors Gegenwelt veranstalten viel Hauen und Stechen - ganz so wie die deutschen Armeen und Machthaber in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Was gäbe ich für eine ehrliche Antwort von Bundeskanzlerin und "Parsifal"-Premierenbesucherin Angela Merkel dazu, was ihr durch den Kopf geht, wenn sie den verzweifelten Gralskönig Amfortas, dem aus der Stirn eine Dornenkrone gewachsen ist, im deutschen Bundestag auftreten sieht!
Die Zuschauer sind einbezogen
Vergegenwärtigung ist also auch ein wichtiges Schlagwort zu diesem "Parsifal". Und sie ist umso stärker, weil sie konkret das Publikum mit einbezieht. Die Zuschauer werden nicht nur zum Karfreitagszauber gespiegelt, sondern auch am Schluss, wenn der wunderbare Gurnemanz Kwangchul Youns sich überraschenderweise mit Kundry und einem Knaben unter der obligatorischen "Parsifal"-Taube zu einer kleinen heiligen Familie gruppiert, während ein verspiegelter Globus die im Auditorium versammelten Zaungäste einbezieht. Wo so viele Erlöserfiguren gescheitert sind, müssen sich eben alle auf die Suche machen. Das ist nicht mehr bloß Theater, sondern schreibt diese Heils- und Unheilsgeschichte einfach fort, ins Hier und Heute.
In einer Ausstattung, die ihresgleichen sucht. Von Heike Scheeles technisch stupend alle Verwandlungen meisterndem Bühnenbild wäre auch Richard Wagner vollauf begeistert. Dass nicht nur seine "Parsifal"-Bühne von 1882 wieder aufersteht, sondern seine Totenmaske fast lebendig scheint, sind nicht nur kleine Theaterwunder.
"Zu Mittag erzählt R. den seltsamen Traum, mit welchem er aus dem Dämmer des Morgenschlafes erwachte", notierte Cosima am 22. Juni 1878 in ihr Tagebuch. "Er erwartete den bestellten Wagen im Saal, plötzlich erschien ein Leichenwagen vor der Garten-Saaltür, ,ei was! es ist ja viel zu früh‘, ruft er aus und erwacht."
*
Was die Solisten leisten - allen voran der mit Recht am meisten bejubelte Kwangchul Youn, der seinen Gurnemanz vorbildlich wortverständlich singt und in seiner stimmlichen Geschmeidigkeit und Gestaltungskraft seinesgleichen sucht -, hat durchgängig hohes Niveau. Bezwingend Detlef Roths Amfortas, der strahlkräftige Parsifal von Christopher Ventris, Thomas Jesatkos Klingsor und Titurel von Diògenes Randes, rollengerecht wild und manchmal etwas scharf die neue Kundry Susan Macleans. Solide die weiteren Solisten, herausragend die Chöre unter Eberhard Friedrich. Und unter Dirigent Daniele Gatti setzt das Festspielorchester so viel zarte, reine, magische Glanzlichter, dass man selbst nach einem weiß Gott langen "Parsifal"-Abend einfach sitzen bleiben und ewig weiter lauschen möchte.
Zoff am Grünen Hügel - 05-08-10 14:56
Der impulsive Haudrauf trägt Frack - 03-08-10 11:56
Weitere Artikel zum Thema suchen
Registrierte Nutzer können zu diesem Artikel Kommentare verfassen. Hier können Sie sich einfach registrieren!







close

















