Schwerelos-magische Klangwelten
07.03.10 Von: Jochen Berger
Bamberger Symphoniker Ainars Rubikis leitete am Freitag das Preisträgerkonzert des Dirigentenwettbewerbs. Auf dem Programm stand die Symphonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopransolo von Gustav Mahler.
In Bamberg beginnen Karrieren. Manchmal starten sie mit einem furiosen Ausrufezeichen wie 2004 im Falle von Gustavo Dudamel, der damals die erste Auflage des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs gewann. Und manchmal können Karrieren auch (wie im Falle von Ainars Rubikis) mit einem wunderbaren Pianissimo beginnen – jenem Pianissimo, mit dem am Freitag Gustav Mahlers 4. Symphonie in der Bamberger Konzerthalle ins klingende Nichts entschwebte.
Beim Preisträgerkonzert des diesjährigen Mahler-Dirigentenwettbewerbs jedenfalls präsentierte sich Ainars Rubikis als ein außergewöhnliches Talent, das in keine gängige Schublade passen will. Bescheiden und doch selbstbewusst, unprätentiös im Gestus und doch unbeirrbar im Gestaltungswillen – so stellte sich der junge lettische Dirigent der heiklen Herausforderung, die Mahlers 4. Symphonie bietet.
Wer die Geburt der Symphonie aus dem Geist des Gesangs mit einem klingenden Beispiel illustrieren wollte, wäre bei Ainars Rubikis und den Bamberger Symphonikern an diesem Abend an der richtigen Adresse. Denn lebendig atmende Gesanglichkeit der instrumentalen Linienführung, nicht sterile Perfektion, war oberstes Gebot in Rubikis Mahler-Deutung. Mit stillem Ernst und verblüffend suggestiver Gestaltungskraft widmete sich Rubikis Mahlers heikler 4. Symphonie, die in ihrem klanglich entschlackten Gestus und ihrer transparenten Stimmführung besondere Herausforderungen für Dirigent und Orchester bietet.
Dirigenten mit Sinn für subtile stilistische Nuancen finden in Mahlers 4. Symphonie gewiss ein höchst reizvolles Betätigungsgsobjekt. Denn natürlich ließe sich im Falle der 1901 uraufgeführten „Vierten“ gar trefflich darüber streiten, ob beispielsweise der reizvoll gebrochene Tonfall des Werkes denn tatsächlich präzis getroffen worden sei. In Ainars Rubikis’ Deutung freilich spielten derlei Fragen keine vorrangige Rolle. Zu erleben war vielmehr die faszinierend lebendige Begegnung eines jungen Dirigenten mit einem Mahler-erprobten, sensibel und fabelhaft reaktionsschnell agierenden Orchester, das sich diesem jungen Maestro mit geradezu rückhaltlosem Vertrauen auslieferte.
Vom ersten Takt des mit Schellen-Geläut anhebenden Kopfsatzes folgten die Bamberger Symphoniker Rubikis Dirigat auf verblüffend selbstverständlich anmutende Weise. Dabei gelangen selbst viele der schwierigen Tempoübergänge ebenso elastisch wie homogen. Vor allem aber blühte der Klang der Bamberger Symphoniker facettenreich, farbig feinsinnig differenziert und klar konturiert in den Linien auf. Besonders eindringlich bewährte sich Rubikis’ Dirigierkunst im „Ruhevoll“ überschriebenen langsamen Satz. Faszinierend, wie Rubikis hier die Celli zu scheinbar völlig schwerelosem Musizieren führte, wie Stimme um Stimme hinzu trat zu einem immer dichter verwobenem Klangvorhang – höchst intensiv und dennoch nirgends forciert.
Suggestive Gestaltung
Sehr eindringlich, ja geradezu suggestiv geriet dann auch das in vier Strophen angelegte Finale, mit seiner solistisch hervortretenden Gesangsstimme. Christina Landshamer faszinierte das Publikum mit der lyrischen Intensität ihres stets schlank geführten, warm timbriertem Soprans. „Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Sängerin äußerst diskret begleitet wird“ – diese Interpretationsanweisung des Komponisten verwandelten Ainars Rubikis und die wunderbar klangschön musizierenden Bamberger Symphoniker in feinsinnig differenzierte Wirklichkeit. Der Dank des Publikums: restlos begeisterter Beifall.
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